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Anna Maria Mühe spielt Beate Zschäpe, die kurz nach der Wende vom linken Lager in die rechte Szene wechselt, was insbesondere dem charismatischen Uwe Mundlos, gespielt von Albrecht Schuch, geschuldet ist, in den sie sich verliebt. Sie radikalisiert sich zusehends und beginnt eine Affäre mit dem Skinhead Uwe Böhnhardt, gespielt von Sebastian Urzendowsky. Das führt jedoch nicht zu größeren Spannungen zwischen den drei Neonazis, weil die Planung eines Anschlags nach dem Vorbild des Bombenanschlags auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City im Vordergrund steht. Als die Polizei ihnen auf die Schliche zu kommen droht, tauchen sie schließlich ab.

Als 2011 nach einem zunächst eher unspektakulär erscheinenden Wohnungsbrand in Zwickau das Bekennervideo des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrundes NSU auftauchte, wurde die Bundesrepublik nachhaltig erschüttert. Die Ermittlungsbehörden mussten eine Panne nach der anderen einräumen, sich Vorwürfe von Unfähigkeit und Inkompetenz bis hin zur Beihilfe gefallen lassen. Die Politik musste sich eingestehen, auf dem rechten Auge blind gewesen zu sein, die Medien wiederum, die Hintergründe der Mordserie an Migranten und deren Nachkommen falsch beurteilt zu haben. Dass bis zum Auftauchen des Bekennervideos meist von „Döner-Morden“ gesprochen wurde, dass alle Welt davon ausging, die Migranten hätten sich gegenseitig ermordet, ist symptomatisch wie unerträglich. Angesichts der schieren Größe des Skandals musste es ja früher oder später zur filmischen Aufarbeitung kommen.

Und die ARD war am schnellsten. Obwohl das Urteil im Prozess gegen Beate Zschäpe noch aussteht, erscheinen in diesen Tagen drei Spielfilme über den NSU, wobei die insgesamt etwa fünfstündige Lauflänge der Komplexität der Thematik durchaus Rechnung trägt. Die Einteilung, wonach zunächst die Täter bis zu ihrem Untertauchen, anschließend die Opfer der Terror-Trios und zuletzt die Arbeit der Ermittler fokussiert werden, ist ebenfalls sinnvoll und verspricht eine eingehende und interessante Behandlung des NSU-Komplexes. Nichtsdestotrotz waren die Quoten miserabel, was aber nicht unbedingt gegen die Qualität der Filme sprechen muss.

Der erste ist jedenfalls gehobenes Mittelmaß und sowohl für gut, wie für eher weniger informierte Zuschauer durchaus sehenswert. Der Film, der sich sehr nah an den Fakten bewegt, die der Zschäpe-Prozess bisher zutage gefördert hat, ist relativ dicht an Informationen über das Zustandekommen des NSU bis zum Abtauchen der Neonazis. Die etwas weniger informierten Zuschauer dürften dabei allerhand Neues erfahren und ein realistisches Bild vom NSU vermittelt bekommen, ganz dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag der ARD entsprechend. Dass es sich bei „Die Täter - Heute ist nicht alle Tage“ dennoch um keinen Dokumentarfilm handelt und nicht jede Szene zweifelsfrei zu belegen ist, versteht sich dabei eigentlich von selbst und wird im Vorspann auch klargestellt.

Die besser informierten Zuschauer werden dagegen eher wenig Neues erfahren, sich aber auch nicht langweilen. Hier kommt besonders die Macht der Bilder zu Geltung, die dann eben doch einen anderen Eindruck vermitteln als Aussagen in einem Gerichtsprozess oder die zahllosen Zeitungsartikel über das rechte Trio. Im Film ist der aggressive Rechtsrock direkt zu hören, die Plattenbauten von Jena zu sehen, Hass und Wut fühlbar und die Ernüchterung mancher nach der ersten Euphorie über die Wiedervereinigung zu spüren. Dass sich die Macher kein eigenes Urteil erlauben, keine eigene Interpretation der Geschehnisse anbieten, mag den einen oder anderen stören, ist in Hinblick auf den weiterhin offenen Zschäpe-Prozess aber durchaus konsequent.

Außerdem werden die drei Protagonisten, die auf der persönlichen Ebene nie greifbar waren, schlicht und einfach zu Menschen, ohne, dass ihre Taten verharmlost werden. Wir sehen eine von Anna Maria Mühe großartig verkörperte Beate Zschäpe, die aus schwierigen Verhältnissen kommend und mitten im historischen Umbruch pubertierend vor allem Anschluss und das Extrem zu suchen scheint, egal auf welcher Seite des politischen Spektrums. Am Anfang des Films sieht man sie noch, wie sie mit einer Gruppe Punker einen Treffpunkt der Neonazis attackiert, später dann, wie sie zusammen mit ein paar Glatzen gegen Ausländer hetzt und am Küchentisch “Pogromoly“ spielt. Gerade diese Szenen sind durchaus eindrücklich. Daneben gibt der sehr präsente Albrecht Schuch einen beängstigend charismatischen, intelligenten aber extrem radikalen Uwe Mundlos, während der Uwe Böhnhardt im Film vor allem durch unbeherrschte Aggressionen auffällt.

Nichtsdestotrotz zündet der erste Teil der NSU-Trilogie nicht richtig durch. Regisseur Christian Schwochow erzählt zunächst episodisch, springt von einer Station zur nächsten. Wenn dann endlich ein Erzählfluss zustande kommt, treibt Schwochow das Geschehen leider eher behäbig voran, sodass der Film nie wirklich an Fahrt aufnimmt. Man sieht seinem bieder erscheinenden Werk jedenfalls an, dass der Regisseur auch beim „Tatort“ schon Erfahrung gesammelt hat. Auf gute Szenen folgen auch mal welche, die eher trivial und überflüssig erscheinen, zudem wirkt der Film durchgängig etwas kalt und emotionslos, was vor allem dem dokumentarischen Charakter geschuldet sein dürfte. Gerade, wenn es dann im zweiten Film um die Opfer des NSU geht, muss das auf jeden Fall abgestellt werden.

Fazit:
Regisseur Christian Schwochow liefert einige bedrückende Bilder zur Entstehungsgeschichte des NSU, die weitgehend faktengetreu nacherzählt wird. Das Terror-Trio wird, auch dank der guten Schauspieler, dabei auf der persönlichen Ebene fassbarer, womit der Film durchaus auch für diejenigen Zuschauer sehenswert sein dürfte, denen die Geschichte des NSU weitgehend bekannt ist. Trotz der langweiligen, zunächst episodischen und schließlich behäbigen Erzählweise ist Teil 1 der NSU-Trilogie damit durchaus sehenswert.

61 %

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