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Am 11. September 2000 stirbt Enver Simsek in Nürnberg. Der türkische Einwanderer und Blumenhändler wurde das mutmaßlich erste Opfer der rechten Terrorzelle NSU. Aus Sicht seiner Tochter Semiya wird im Folgenden geschildert, welches Leid der Verlust über die Familie gebracht hat, die nach dem tragischen Todesfall ins Visier der Ermittler rückte und mit allerhand ungerechtfertigten Vorwürfen konfrontiert wurde. Dieser unerträgliche Zustand sollte sich bis zum Auffliegen des Terrortrios, welches in der Folgezeit von den Behörden unbehelligt weitermorden konnte, nicht ändern.

Als 2011 nach einem zunächst eher unspektakulär erscheinenden Wohnungsbrand in Zwickau das Bekennervideo des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrundes NSU auftauchte, wurde die Bundesrepublik nachhaltig erschüttert. Die Ermittlungsbehörden mussten eine Panne nach der anderen einräumen, sich Vorwürfe von Unfähigkeit und Inkompetenz bis hin zur Beihilfe gefallen lassen. Die Politik musste sich eingestehen, auf dem rechten Auge blind gewesen zu sein, die Medien wiederum, die Hintergründe der Mordserie an Migranten und deren Nachkommen falsch beurteilt zu haben. Dass bis zum Auftauchen des Bekennervideos meist von „Döner-Morden“ gesprochen wurde, dass alle Welt davon ausging, die Migranten hätten sich gegenseitig ermordet, ist symptomatisch wie unerträglich. Angesichts der schieren Größe des Skandals musste es ja früher oder später zur filmischen Aufarbeitung kommen.

Und die ARD war am schnellsten. Obwohl das Urteil im Prozess gegen Beate Zschäpe noch aussteht, erscheinen in diesen Tagen drei Spielfilme über den NSU, wobei die insgesamt etwa fünfstündige Lauflänge der Komplexität der Thematik durchaus Rechnung trägt. Die Einteilung, wonach zunächst die Täter bis zu ihrem Untertauchen, anschließend die Opfer des Terror-Trios und zuletzt die Arbeit der Ermittler fokussiert werden, ist ebenfalls sinnvoll und verspricht eine eingehende und interessante Behandlung des NSU-Komplexes. Nichtsdestotrotz waren die Quoten miserabel, was aber nicht unbedingt gegen die Qualität der Filme sprechen muss. So auch beim zweiten Film der Reihe.

Nachdem im ersten Teil größtenteils Bekanntes aus den Anfangsjahren des NSU wiedergegeben worden war, sollte es nun im zweiten Film um die Opfer gehen, deren Geschichten weit weniger geläufig sind. Der in der Türkei geborene Regisseur Züli Aladag und seine Drehbuchautorin Laila Stieler haben den Entschluss gefasst, sich auf die Familie des ersten NSU-Opfers Enver Simsek zu konzentrieren und die Geschichte über weite Strecken aus der Perspektive der Tochter zu erzählen, die gerade einmal 14 Jahre alt war als ihr Vater ermordet wurde. Im Laufe der Jahre avancierte sie dann zur wichtigsten Sprecherin der Opferfamilien. Dass lediglich diese eine Perspektive ergriffen wird, war definitiv die richtige Entscheidung, weil der Film so den Einzelfall vertiefen und deutlicher in die Trauer der Angehörigen von Simsek eintauchen, ihre Wut über die Ermittler ausführlich thematisieren kann. Die Alternative wäre eine Flut an Todesfällen und trauernden Angehörigen gewesen, was dem Bezug zum Geschehen wohl nicht zuträglich gewesen wäre. Sicherlich war es aber auch die bequemere Variante, sich auf Semiya Simsek zu fokussieren, schließlich konnte man sich so aus deren Buch „Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater“ bedienen.

Letztendlich wurde aus dieser Vorlage ein Film, der sich nach einem verhaltenen Beginn kontinuierlich zu steigern vermag. Zunächst wird das spätere NSU-Opfer Enver Simsek in ein verklärend sympathisches Licht gerückt, ein allzu heiles Familienbild gezeichnet, was der Film angesichts der ernsten Thematik aber überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Die Hinrichtung durch den NSU ist schließlich auch so schon tragisch genug. Und auch nach dem Mord plätschert das Geschehen zunächst einmal vor sich hin, weil in den Anfangsminuten noch keine emotionale Bindung zu den Figuren besteht, weil Regisseur Aladag schleppend erzählt. Zum Ende hin werden dann die Ermittlungspannen deutlich seziert, wenn sich herausstellt, welche Lügengebilde die Behörden kreiert haben, um die unter Mordverdacht stehende Familie unter Druck zu setzen und wie sehr sich die Behörden von den eigenen Vorurteilen blenden ließen. Hier wird es dann gleichermaßen interessant und erschütternd. Es ist aber auch die großartige Hauptdarstellerin Almila Bagriacik, die zum Gelingen des Films beiträgt. Sie verkörpert eine sehr starke Frau, deren Schicksal zunehmend zu fesseln beginnt. Gerade beim emotionalen Finale, bei der Trauerfeier für die Opfer des NSU, ruft die Darstellerin ihr volles Potential ab. Unterbrochen von Hinweisen auf die übrigen Mordfälle, ist so ein durchaus denkwürdiger Film gelungen.

Fazit:
Auch wenn der zweite NSU-Film über die Opfer der Terrorzelle zunächst etwas schleppend in Gang kommt, entwickelt er zum Ende hin doch eine emotionale Wucht, die für manches entschädigt. Wenn das gegenüber den Angehörigen der Opfer respektlose und von Vorurteilen geleitete Vorgehen der Ermittler offenbart wird und Hauptdarstellerin Almila Bagriacik zu brillieren beginnt, wird zumindest am Ende oberstes TV-Niveau erreicht.

64 %

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