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Jennifer Garner spielt eine gläubige Texanerin, die mit ihrem Mann und den drei Töchtern in einer ländlichen Gegend ein erfülltes Leben führt - jedenfalls bis eines der Kinder an Übelkeit, Erbrechen und weiteren Verdauungsbeschwerden zu leiden beginnt. Während sich der Bauch des Mädchens immer weiter aufbläht, tippen die Ärzte zunächst auf Reflux-Beschwerden oder eine Lactose-Intoleranz. Als sich die Krankheit weiter verschlimmert, erhalten die Eltern schließlich die Schockdiagnose: Die Verdauung der Kleinen hat ausgesetzt, der Darm kann kein Essen verwerten. Da die Schmerzen zunehmen und an einen Alltag ohne Magensonde und Arzneimittel kaum noch zu denken ist, wird der Glaube der Mutter nachhaltig erschüttert.

Was im Vorspann als wahre Geschichte bezeichnet wird, also als true-based, wird von den englischsprachigen Kritikern häufiger als faith-based bezeichnet. Der britische „The Guardian“ verglich den Wahrheitsgehalt von „Himmelskind“, dessen englicher Originaltitel „A Miracle from Heaven“ bereits Bände spricht, gar mit dem des Horror-Schockers „The Conjuring“, dessen Hintergründe nicht gerade als verbürgte Tatsachen gelten können. Das christliche Drama, an dessen Produktion unter anderem der Pastor Thomas Dexter Jakes beteiligt war, wendet sich aber ohnehin an eine religiöse Klientel, an ein Publikum, welches das Gezeigte gern glauben möchte und an ein Publikum, das offensichtlich größer ist, als man zunächst vermuten würde. So hatte der ebenfalls von Jakes und Joe Roth produzierte „Heaven is for Real“ bei einem Budget von 13 Millionen über 100 Millionen Dollar eingespielt, obwohl die Kritiken allenfalls durchwachsen waren. Das wäre dann auch schon die nächste Parallele zu „Himmelskind“, der wohl auch ohne die plumpe christliche Propaganda und den peinlichen Missionierungseifer krachend durchgefallen wäre.

Der Film beginnt mit einem Einblick in das Klischee-Amerika, in einen Flecken Erde, der Ted Cruz oder Sarah Palin zu Tränen rühren würde. Die Familie, bestehend aus einer fürsorglichen Mutter, einem attraktiven Vater und drei hübschen Töchtern, die kein Wässerchen trüben können, geht in den Gottesdienst eines lässigen, umgänglichen Geistlichen, singt mit, wenn die christliche Pop-Band auftritt, beschließt den Tag mit dem abendlichen Gebet und trifft sich mit der Gemeinde zum Barbecue. Eigentlich fehlte nur noch der Ausflug auf den Schießstand. Und so geht es dann auch weiter. Trotz der lebensbedrohlichen Erkrankung der Tochter bleibt „Himmelskind“ bis zum Schluss nicht nur ein pathetisches Feel-Good-Movie, sondern ein glattgebügeltes, knapp zweistündiges Happy End mit netten Menschen und absehbarem Verlauf.

„Himmelskind“ ist kitschig wie ein Heimatfilm, kocht vor Melodramatik regelrecht über und verliert mit dem propagierten, naiven Gutmenschentum den letzten Rest an Glaubwürdigkeit. Ob die von Queen Latifah verkörperte Kellnerin oder der von Eugenio Debez gespielte Kinderarzt, der mehr an einen Clown als an einen Mediziner erinnert, keine der Figuren wirkt authentisch. Und auch die Depression des kranken Kindes verfliegt wie eine lästige Erkältung. So ist „Himmelskind“ ein vordergründig extrem emotionaler Film geworden, der aber fast überhaupt keine Emotionen hervorruft, weil ihm Realismus und Glaubwürdigkeit abgehen, weil allzu offensichtlich ist, wie manipulativ die Macher zu Werke gehen.

Patricia Riggen, die mit „69 Tage Hoffnung“ zuletzt bereits einen emotionalen Stoff nach wahrer Begebenheit verfilmt hatte, taucht ihren Film in satte Farben, setzt auf prächtige Landschaftsaufnahmen und Sonnenuntergänge. Man gewinnt den Eindruck, dass es in diesem Texas niemals regnet. Im Hintergrund ist derweil meist Getragenes und Melancholisches zu hören, unterbrochen von den Auftritten der christlichen Pop-Band natürlich - und wer das alles schon unerträglich kitschig findet, der sollte erst einmal das Ende abwarten. In der Hauptrolle der Christy Beam, von der die Romanvorlage zum Film stammt, gibt es derweil eine weinerliche Jennifer Garner zu sehen, die quasi durchgehend mit breitem Schmollmund und offener Tränendrüse agiert - das freilich in einer Rolle, die für Schauspieler vom Kaliber einer Yvonne Catterfeld wie gemacht gewesen wäre. Der einzige Lichtblick ist Kylie Rogers in der Rolle der kleinen Anna Beam, deren Darstellung kaum hinreißender sein könnte. Wenn mal ein Hauch von Emotion aufkommt, dann ist das allein ihr Verdienst.

Fazit:
„Himmelskind“ ist - wie schon der Titel befürchten lässt - eines der kitschigsten Dramen seit Langem, ein Film, der permanent Emotionen zu erzeugen versucht, dem aber doch jede Emotionalität abgeht. Die glattgebügelte Geschichte lässt jede Authentizität vermissen, die begleitende christliche Propaganda ist nur schwer erträglich. Dann lieber noch mal zu „Lorenzos Öl“ greifen.

19 %

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