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Ben Affleck spielt ein autistisches Mathematikgenie, das sich sehr gut auf Steuererklärungen und Buchführung, weniger gut auf den Umgang mit seinen Mitmenschen versteht. Er lebt unter Tarnnahmen und prüft die Bücher von Drogenkartellen und Mafiosos, die ihn u.a. mit Gold oder Gemälden für seine Dienste bezahlen. Ausgerechnet sein neuestes Engagement bei einer angesehenen Robotikfirma bringt den Prüfer und sein Umfeld jedoch nun in ernste Bedrängnis, weil einflussreichen Geldgebern nicht daran gelegen ist, dass die Fehler in den Büchern auffliegen. Gut für ihn, dass er sich auch auf den Umgang mit Waffen und einige Kampfsportarten versteht. Dennoch gerät er in die Klemme, weil er die Buchhalterin seiner Auftraggeber, gespielt von Anna Kendrick, beschützen muss und weil es ein Steuerfahnder, gespielt von J.K. Simmons, auf ihn abgesehen hat.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Ben Affleck, seines Zeichens nicht gerade Charakterdarsteller, zum Gespött Hollywoods. 2004 gewann er dank des Comic-Flops „Daredevil“ und der missglückten Komödie „Liebe mit Risiko - Gigli“ gleich zwei Himbeeren, in anderen Jahren wurde er für den Anti-Preis zumindest nominiert. Seit seinem Regiedebüt „Gone Baby Gone“, nach „The Town“ und seinem Oscar-Gewinner „Argo“ setzte sich schließlich die Ansicht durch, Affleck sei vielleicht nicht der beste Schauspieler, hinter der Kamera aber bestens aufgehoben. Mit „Gone Girl“ bewies er auch darstellerisch das Gegenteil, indem er eine undurchsichtige Rolle auswählte, die zu seinem maskenhaften Spiel passte. Auch die „Batman“-Rolle, von Christian Bale ebenfalls eher nebulös angelegt, passt in dieses Schema. Und das gilt auch für Afflecks neueste Figur bzw. seinen neuesten Film „The Accountant“, in dem er einen Buchhalter verkörpert, bei dem bis hin zum Namen alles nur Fassade ist, einen emotionslosen Autisten, der nicht zu durchschauen ist. Dumm nur, dass das irgendwie auch für den Film gilt.

So beginnt der Film des für „Warrior“ gefeierten Regisseurs Gavin O`Connor etwas zäh, weil erst verschiedene Figuren vorgesellt und mehrere Handlungsfäden parallel begonnen werden. Die unterkühlte Art des Protagonisten springt dabei auf den Film über und sorgt anfangs für etwas Langatmigkeit und Tristesse, zumal „The Accountant“ zusätzlich durch die Rückblenden auf die Kindheit des Protagonisten ausgebremst wird. Dennoch erregt die undurchsichtige Figur, die zunächst allerlei Fragen aufwirft doch das Interesse des Zuschauers, was nicht zuletzt dem weitgehend emotionslosen aber doch irgendwie charismatischen Ben Affleck geschuldet ist, der seine Rolle gut ausfüllt. Es sind aber auch die übrigen Darsteller, die „The Accountant“ nicht schon am Anfang in die Beliebigkeit abdriften lassen, vor allem die umwerfend sympathische Anna Kendrick oder der ebenfalls sehr präsente J. K. Simmons, der zunächst als Gegenspieler des Buchhalters eingeführt wird. Für etwas Kurzweil sorgt zudem der subtile Humor, der meist aus den unpassenden Bemerkungen und nicht immer gesellschaftsfähigen Verhaltensweisen des Protagonisten resultiert.

Wenn die Handlungsfäden dann zusammenlaufen und sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt, nimmt „The Accountant“ in der zweiten Filmhälfte schließlich an Fahrt auf, zumal sich zwischen dem sonst so gefühlskalten Buchhalter und seiner netten Kollegin so etwas wie eine zwischenmenschliche Beziehung aufbaut. Damit kommen nämlich auch Emotionen ins Spiel. Zum Glück lassen sich die Beteiligten aber nicht dazu hinreißen, den beiden Figuren eine echte Love-Story anzudichten, das hätte ja kein Mensch geglaubt.

Das Ende setzen Gavin O`Conner und vor allem sein Autor Bill Dubuque dann aber weitgehend in den Sand. Nicht nur, dass der bis hierhin eher subtil spannende Thriller beim Finale in einen (zugegebenermaßen gut gemachten) Ballerfilm abdriftet, bei dem der Buchhalter mit seiner auch weiterhin maskenhaften Fassade an den „Terminator“ erinnert, es ergibt auch kaum noch etwas Sinn. Eine unglaubwürdige Wendung jagt die nächste, als hätten die Macher ihre Zuschauer um jeden Preis überraschen wollen - und dafür auch die innere Logik über Bord geworfen. Die Spannungskurve verflacht dabei ebenfalls, weil sich zunehmend herauskristallisiert, dass der Protagonist eigentlich überhaupt keine Gegenspieler hat, weder die Steuerfahnder, noch die auf ihn angesetzten Auftragskiller.

Fazit:
„The Accountant“ beginnt zwar schwergängig und etwas unübersichtlich, kommt dann aber zunehmend in Fahrt, weil die Handlungsfäden schließlich zusammenlaufen, während interessante Fragen aufgeworfen werden. Wäre der Abgang nicht so spannungsarm und nicht ganz so unglaubwürdig, wäre angesichts des starken Casts der Sprung über das Mittelmaß wohl möglich gewesen.

54 %

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