Dieser Film vertraut auf unsere Erfahrung. Er weiß, wir sind schon öfter an jenem Ausgangspunkt gewesen. Umringt von Bäumen mitten im Wald, ohne schützende Wand, an der man Deckung nehmen kann. Vor uns unsere superbesten Freunde, wie sie mit aufgeschlitztem Bauch am Marterpfahl hängen. Der heiße Atem des Killers im Nacken, dessen Gesicht von einer Fell-und-Geweih-Maske verdeckt wird, die den Wilden in uns allen symbolisiert. Aber natürlich kommt es, wie es kommen muss: Der Killer wird gekillt, die letzte Überlebende wird zur letzten Überlebenden. Sie erreicht blutverkrustet die nächste Landstraße, einen Ort, an dem sich die Gesetze des Überlebens kartografisch teilen, einen Ort, den beileibe nicht erst Rob Zombies „13“ zum postmodernen Grenzübergang erklärt hat. Und dann endet der Prolog. Und zwar exakt so, wie konventionelle Slasher überhaupt enden – mit dem Nervenzusammenbruch des Mädchens auf offener Straße, umarmt von einem zufällig anwesenden Autofahrer, dem ersten Anknüpfungspunkt an die Zivilisation.
Das ambitionierte Konzept von „Last Girl Standing“ ist auf Anhieb festgemacht. Regisseur und Schreiber Benjamin Moody hat den Schritt Richtung Kickstarter offenbar nicht einfach bloß wegen eines coolen Filmmonsters in seiner Schublade gewagt, sondern weil er die besondere Gelegenheit witterte, mit den verkrusteten Standards des Slasher-Genres zu brechen. Unter den Aberhunderten Debütanten, die sich Jahr für Jahr an der Realisierung eines Horrorfilms versuchen, peilt dieser Früchte an, die etwas höher hängen – Ambitionen, die zumeist dazu führen, dass die DVD-Cover später mit Festival-Lorbeerkränzen gespickt werden, die im Grunde nichts aussagen, außer dass es am Abend der Aufführung keine besseren Konkurrenten gab. Immerhin, soll man da denken.
Folgerichtig lässt der Regisseur die Altlasten seiner cineastischen Sozialisierung schon nach wenigen Minuten hinter sich und beschäftigt sich mit den Nachwirkungen des traumatischen Erlebnisses, von einem wahnsinnigen Irren gejagt worden zu sein. Pandoras Box ist somit geöffnet, denn jetzt muss man mit äußerster Sorgfalt und feinem Pinsel an die Figuren herangehen. Kreischende Teenies, die blind in Maisfelder laufen, kann man sich nicht mehr leisten. Soll der anspruchsvolle Plan aufgehen, müssen die psychologischen Profile, insbesondere jene der Hauptfigur, weit über dem Niveau eines flatternden Huhns mit abgehacktem Kopf liegen. Es gilt, im sich anbahnenden Drama (!) Haltung zu bewahren.
Handwerklich spricht erst einmal wenig für derart hoch gesteckte Ziele. Im Gegenteil, es wird improvisiert und mit den begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen jongliert. Die Engpässe stehen dem Werk sogar in die Credits geschrieben. Im Stab teilen sich diverse Beteiligte die Familiennamen - darunter das Reallife-Ehepaar Villalobos, das mit Erlaubnis des Drehbuchs die persönliche Romanze ihres Kennenlernens und Verliebens noch einmal neu durchleben darf. Das gilt wohl auch für Moody, denn der hat gemeinsam mit seiner Frau und Mitproduzentin Rachel die Story entwickelt. Er wiederum besetzt außerdem viele wichtige Positionen hinter der Kamera einfach mit sich selbst. Die Locations zeigen einen Hang zu verlassenen Landstrichen, einsamen Waschküchen und Studenten-WGs. Das digital wirkende Bild samt ausgemergelter Farbpalette hebt sich künstlerisch aus der Masse der Kleinstproduktionen nicht unbedingt hervor. Als dann Hauptdarstellerin Akasha Villalobos nach wenigen Minuten ihre erste Gesellenprüfung in Form eines Heul- und Lachkrampfs abliefern muss, ahnt man, dass in dieser Produktion wohl nicht irgendwelche übersehenen Schauspieltalente verloren gegangen sind. Immerhin ihr Ehemann Brian, einer der erfahreneren Akteure am Set, punktet mit authentischer Ausstrahlung, sympathisch wirkt er noch dazu. Aber der Zweck heiligt die Mittel und alle Bausteine gehorchen zumindest widerstandslos der großen Vision des kreativen Kopfes.
Auch wenn die Vision hauptsächlich an das Große Ganze gebunden ist und die Wichtigkeit einer einprägsamen Auflösung nie aus den Augen verliert, gibt es auch im Detail ein paar Besonderheiten zu entdecken. Das kann etwa ein origineller Schnitt sein, mit dem die Protagonistin aus der vermeintlich sicheren Gegenwart zurück in die Alpträume ihrer Vergangenheit befördert wird, oder auch einfach das suggestive Spiel mit der Wahrnehmung: Wurde der Killer damals wirklich getötet oder hat er überlebt und sinnt auf Rache? Moody nutzt das kollektive Allgemeinwissen über die Regeln des Slasher-Films und stiftet mit Ablenkungsmanövern Verwirrung, ohne dabei selbst allzu stark auf Slasher-Elemente zurückgreifen zu müssen. Bevor in den letzten zehn Minuten die relativ eisenhaltige Eskalation in Gang gesetzt wird, ist „Last Girl Standing“ jedenfalls ein erstaunlich blutarmer Film, der einem ruhigen Charakteraufbau und der Entwicklung von freundschaftlichen Beziehungen jederzeit Vorzug gibt vor Thrill und Suspense, erst recht vor Splatter und Gore. Hier und da schaut der maskierte Irre mal vorbei und hebt die Normalität aus den Angeln, aber eher wie eine geisterhafte Eminenz, seltener wie eine echte situative Bedrohung. Wer also auf klassischen Stalk & Slash aus ist, sollte sich vorab klar machen: Dies ist kein Kriegsfilm, sondern das zugehörige Veteranen-Drama mit dem Schwerpunkt gesellschaftliche Reintegration.
Allerdings gelingt es Moody selbst im Rahmen dieser Schwerpunkte nicht, wahrlich interessante und authentische Charakterportraits zu erschaffen. Selbst wenn er den ganz üblen Irrwegen der Küchenpsychologie aus dem Weg geht, so bleiben seine Figuren doch stets scherenschnittartige Gehilfen eines Masterplans, der nach der Ausführung vor allem eines soll: um jeden Preis Sinn ergeben. Insbesondere die Nebenfiguren werden auf eindimensionale Verhaltensprofile zurechtgestutzt, die zumeist der Vorgabe „hilfsbereit und freundschaftlich“ folgen, einzig mit dem Ziel, die verstörte Protagonistin aus ihrem Schneckenhaus zu locken. Doch selbst die Hauptfigur, auf die alles zugeschnitten ist, könnte besser ausgearbeitet sein. Was fehlt, ist vor allem ein Blick auf ihre Natur, wie sie vor der Attacke war. Verständlich, dass Moody des Effektes wegen gleich mit der Final-Girl-Sequenz einsteigen möchte, schließlich ist das sein großer Clou. Was dabei allerdings verloren geht, ist der Vorher-Nachher-Vergleich und damit ein Indikator dafür, wie das Erlebnis die Figur verändert hat. Ungeachtet der Konzentration auf das Zwischenmenschliche ist es am Ende eben der Wunsch, dass jeder Baustein im Skript perfekt aufeinander passen muss, der den Weg bestimmt. Wenn der Abspann rollt, geht es darum, einen Aha-Moment erfahren zu haben, weniger zur Geltung kommt leider die mit filmischer Form nur schwer greifbare Natur menschlicher Psyche, die sich eben kaum bequem vor den Karren spannen lässt, wenn man einfach nur Genre-Regeln aus den Angeln heben will.
In der Folge bleibt die Evolution der Hauptfigur zwar immer leidlich interessant, sie verfügt aber nur sehr bedingt über Identifikationspotenzial, weshalb man ihrem Weg nur mit gewisser Distanz folgt. Auch falls man nicht ahnen sollte, wie Moody seinen letztlich Film auflösen wird, so spürt man eben doch jederzeit, dass ihm das Konzept wichtiger ist als seine Figuren. Wenn man aber dafür so viel Zeit in die Figuren investiert, kann das zum Problem werden.
Hebt sich „Last Girl Standing“ vom Einheitsbrei unreflektierter Psychokillerstreifen ab? Durchaus, nur befindet er sich dabei Mitte der 10er Jahre bereits in einer langen Ahnenreihe postmoderner Vertreter, die so ziemlich alles schon mal durchgekaut haben, was das Regelwerk hergibt. Weil die handwerklichen Besonderheiten eher marginal ausfallen und der Ertrag aus der Charakter-Fokussierung eher gering bleibt, schöpft dieser Post-Slasher nicht ganz das Potenzial aus, das in ihm steckt.