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Zunächst sah alles ganz einfach aus: Eine Gruppe dreier jugendlicher Einbrecher plant einen letzten großen Coup. Die drei wollen einen allein lebenden Golfkriegsveteranen ausrauben, der nach dem Unfalltod seiner Tochter eine große Summe Schmerzensgeld zugesprochen bekam, das er nun in seinem Haus bunkert. Er wohnt in einem verfallenden Vorort Detroits, umgeben von verlassenen Häusern - und er ist blind. Scheinbar ein Selbstläufer. Doch dann wacht der Veteran während der nächtlichen Aktion auf und entpuppt sich als weitaus wehrhafter, als zunächst gedacht. Er tötet einen Einbrecher, hat eine Schusswaffe, verriegelt die Türen und macht sich auf die Suche nach den beiden anderen Eindringlingen. Im nach innen wie außen verbarrikadierten Haus beginnt ein tödliches Katz- und Mausspiel.

Ein wehrloses Opfer versteckt sich im Wandschrank, während der bewaffnete Killer das Haus in aller Seelenruhe durchkämmt. Der Mörder sucht hinter der Tür und sieht unter dem Bett nach. Eine weitere Person, der es wenig später an den Kragen geht, versteckt sich im Nachbarzimmer - hinter einem Vorhang. Eine Szenerie, wie man sie aus etlichen Horrorfilmen kennt, wie sie mal mehr und mal weniger spannend sowohl in den großen Klassikern des Slasherfilms, als auch in miesen B-Movies vielfach verwendet wurde. Bei „Don´t Breathe“ überlebt dagegen nicht derjenige mit dem besten Versteck, denn der Killer ist blind, die besten Überlebenschancen hat derjenige, der sich am ruhigsten verhält. Ein besonders tiefes, röchelndes Atmen kann da schnell das eigene Todesurteil besiegeln - ein Prinzip, das man so eher vom T-Rex aus „Jurassic Park“ kannte, der wegen seines schlechten Sehsinns allenfalls denjenigen Fressen konnte, der zu laut war oder sich hektisch bewegte. Die spannendsten Szenen waren so auch diejenigen, in denen die Protagonisten selbst dann möglichst starr und ruhig verharren mussten, wenn das tonnenschwere Ungetüm seinem potentiellen Fressen so nahe kam, dass dieses dessen Atem spüren konnte. Ähnlich funktionieren auch die besten Szenen in „Don`t Breathe“, zumal der blinde Veteran nicht minder bedrohlich als ein ausgewachsener T-Rex daherkommt.

Wenn die Kamera anfangs durch das düstere, unübersichtliche Haus des blinden Veteranen gleitet und beim Blick ins vernarbte, boshafte Gesicht seines Bewohners das Blut in den Adern der Zuschauer gerinnt, wird deutlich, dass „Don`t Breathe“ nicht nur eine clevere Idee zu Grunde liegt, sondern dass mit den Filmemachern von Ghost House Pictures zudem echte Horror-Experten am Werk waren. Regie führte mit Fede Alvarez der Macher des „Tanz der Teufel“-Remakes „Evil Dead“, Kultregisseur Sam Raimi war auch bei „Don´t Breathe“ an der Produktion beteiligt. Die Atmosphäre ist dementsprechend dicht, die Schockmomente effektiv und perfekt dosiert. Die Kamera ist anfangs sehr stark auf die drei Einbrecher und deren Blickwinkel fokussiert, vermittelt nur flüchtige Eindrücke des verbarrikadierten Hauses, sodass sich der Schauplatz nicht entfalten kann. Orientierungslosigkeit und Ungewissheit liegen in der Luft, obwohl die Einbrecher sehr professionell vorgehen. Das Grundkonzept wird in der ersten Filmhälfte ebenfalls perfekt ausgespielt, etwa dann, wenn der bewaffnete Blinde seine Schusswaffe auf die Einbrecher richtet, die ihre Position im Raum durch das kleinste Geräusch verraten könnten. So wird jede quietschende Bodendiele, jedes Vibrieren des Handys zur potentiellen Todesfalle - und das alles treibt nicht nur den Einbrechern einen kalten Schauer auf den Rücken. „Don`t Breathe“ sorgt so schnell für Hochspannung, zumal Alvarez nach einer kurzen Einführung zügig zur Sache kommt.

Mit solcherlei Szenen und einem allzu simplen Grundgerüst lassen sich allerdings 40, vielleicht 50 Minuten füllen, aber kein Spielfilm von eineinhalb Stunden. Auf Dauer, wenn es zum ersten Leerlauf kommt, beginnt sich daher ein wenig zu rächen, dass auf eine Charakterkonstruktion zugunsten der zügigen Einführung fast gänzlich verzichtet wurde und sich der emotionale Bezug somit in Grenzen hält. Dass es die junge Einbrecherin bis zuletzt auf das Geld abgesehen hat, macht sie zudem auch nicht sympathischer. Die Darsteller spielen zwar gelungen gegen die profillosen Figuren an, vor allem die Hauptdarstellerin Jane Levy, die bereits als resolute Scream-Queen in „Evil Dead“ hatte überzeugen können, dennoch musste Alvarez - auch für das Drehbuch mitverantwortlich - klar gewesen sein, dass er noch mehr würde liefern müssen, um über die volle Laufzeit die Spannung hochzuhalten. So schlägt sein Film in der zweiten Hälfte einige überraschende Kapriolen, die aber eher krude bis abstrus sind und dem Ganzen Glaubwürdigkeit und Bodenhaftung nehmen, wenngleich dabei auch etwas schwarzer Humor mit ins Spiel kommt. Wäre da nicht die weiterhin bedrohliche Präsenz des entstellten und großartig aufspielenden Stephen Lang, würde wohl der letzte Rest der Spannung weichen. Da nutzt es auch wenig, dass der blinde Veteran seinen ebenso gefährlichen Kampfhund auf die Eindringlinge loslässt.

Fazit:
Die Grundidee, auf einen blinden Killer zu setzen, wird vor allem in der ersten Filmhälfte perfekt ausgespielt und sorgt bei dichter Atmosphäre und guten darstellerischen Darbietungen für - im wahrsten Sinne des Wortes - atemlose Hochspannung. Die kann „Don`t Breathe“ aber leider nicht bis zum Ende aufrecht erhalten, weil das Geschehen in der zweiten Filmhälfte immer abstruser wird. Dennoch sehenswert.

72 %

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