Review

„Atemlos in der Nacht"

Horror kann so simpel sein. Dunkelheit, Eingesperrtsein und ein unerbittlicher Gegner auf der Jagd. Dreifachterror als Frontalangriff auf menschliche Urängste. Mehr braucht es nicht für einen der besten Genrefilme der letzten Jahre.

„Don´t Breathe" ragt gerade deshalb aus dem modernen Horror-Einerlei heraus, weil er sich auf die essentiellen, wenn man so will traditionellen Genre-Stärken besinnt. Alfred Hitchcock benötigte keine Blutfontänen und pervertierte Gewaltdarstellungen, um den Zuschauer zu packen und zu schocken. In den meisten aktuellen Horrorfilmen geht es lediglich um die sensationsheischende Befriedigung der Schaulust eines abgestumpften Publikums, das sich dann für das „heroische Ertragen" expliziter Grausamkeiten auch noch abfeiert. Begriffe wie „Torture-Porn" kommen nicht von ungefähr und sind absolut treffend.

Ironischerweise hat „Don´t Breathe" Regisseur Fede Alvarez mit seinem „Evil Dead" Remake genau in diese Kerbe gehauen. Umso erfreulicher, dass er auch die klassische Klaviatur beherrscht. Mit einer ungemein stimmigen Symbiose aus Toneffekten, Musik, Kameraführung und Plotentwicklung treibt er die Spannungskurve wie ein gehetztes Tier vor sich her. Co-Produzent und Horror-Spezi(alist) Sam Raimi kann also mehr als zufrieden sein.
 
Jetzt ist das Home-Invasion-Szenario nicht gerade jungfräuliches Terrain. Das weiß auch Alvarez, also spielt er regelrecht mit erwarteten Konventionen und schlägt immer wieder, fast schon genüsslich,  fiese Haken. Die sind manchmal subtil, manchmal brachial, aber immer geschickt auf maximale Wirkung getrimmt. Und die heißt „Terror".
Anfangs ist davon noch wenig zu spüren: Für das jugendliche Einbrechertrio Alex, Money und Rocky ist der nächste Job beinahe Routine. Im Haus des blinden Kriegsveterans Norman Nordstorms wartet ein dreistelliger Batzen Bargeld, eine Entschädigungszahlung für den Unfalltod seiner Tochter. Er wohnt in einem runtergekommen Haus in einem verlassenen Stadtviertel, mögliche Zeugen, oder spontane Helfer also schon mal Fehlanzeige. Es ist dies übrigens einer der vielen kleinen Ironieschlenker, dass sich diese für das Opfer hoffnungslose Situation nach und nach komplett gegen die Invasoren wendet.

Denn natürlich verläuft der vermeintliche 08/15-Bruch so gar nicht nach Plan und der blinde Gegner erweist sich als ebenso unbarmherziger wie effizienter Widersacher. Das Haus wird so zur mörderischen Falle in der jeder noch so kleine Laut tödlich sein kann. Gerade das Wechselspiel zwischen atemloser Stille, unbedachten oder plötzlichen Geräuschen und geschickt platzierten Score-Effekten sorgt für gnadenlose Spannung.
Ganz wesentlich für die zum Zerreißen angespannte Atmosphäre ist aber auch die Performance Stephen Langs. Körpersprache, Physignomie und Stimme sind auf Krawall gebürstet und auf maximale Einschüchterung getrimmt. Man fiebert regelrecht mit den Eindringlingen mit und teilt ihre Angst vor Norman.

Überhaupt funktioniert das auftretende Personal nicht nach dem üblichen Schwarz-Weiß-Schema. Nicht nur, dass sich die anfänglichen Eindrücke von Gut und Böse schnell verwischen, auch die sukzessiven Enthüllungen im weiteren Verlauf kommen wie geschickt angesetzte Magenschwinger daher. So ist Norman nicht einfach nur ein verwundetes Tier, das in Todesangst und blinder Wut um sich schlägt. Nein, so viel „Glück" haben die Einbrecher nicht.

Ein Glück für den Zuschauer ist es dagegen, dass Alvarez diese „Twist-and-Turn"-Masche nicht übertreibt. Die Kurswechsel sind stets durchdacht und rhythmisch. Zwar werden die Regeln der Wahrscheinlichkeit schon auch mal angekratzt, aber er verirrt sich nie im Dickicht aus Logikfehlern oder Absurditäten. Vor allem aber kommt er ohne drastische Gewaltexzesse aus, was „Don´t Breathe" zwar noch lange nicht zu einem subtilen Thriller macht, aber zu einem wohltuend schnörkellosen und versiert auf klassische Mechanismen setzenden. Im Verbund mit handwerklicher Expertise (Ton, Schnitt, Kamera, Beleuchtung und Musikuntermalung) schlicht Terrorkino in Reinstform. Einfach so und so einfach.   

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