Mit dem knüppelharten Remake „Evil Dead“ machte sich Fede Alvarez einen Namen, sein zweiter Langfilm „Don’t Breathe“ war nach eigener Aussage auch eine Reaktion auf Kritiken, die ihm zu großen Verlass auf Blut- und Ekeleffekte vorwarfen.
„Don’t Breathe“ verzichtet auf Phantastik, ist klar in der realen Welt angesiedelt – und das in mehrerlei Hinsicht. Denn zur Thematik gehört auch die Verarmung gewisser US-Landstriche und -Gegenden im postindustriellen Zeitalter, wie eben der Handlungsort Detroit. Zu den Leuten, die gar nicht mehr den amerikanischen Traum, sondern das blanke Auskommen mit illegalen Mitteln verfolgen, gehört das Räubertrio aus Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto). Methodisch brechen sie in Häuser ein, aber nach strengen Regeln: Sie nehmen kein Bargeld mit, da andere Sachen versichert sind, sie kommen mit Sicherheitscodes rein, verschleiern dies aber durch das nachträgliche Einschlagen von Fenstern. Der anfänglich gezeigte Raubzug etabliert die unterschiedlichen Persönlichkeiten: Alex pocht auf Einhaltung der Regeln, Money zerschlägt aus Spaß Teile der Einrichtung.
Die Regeln sorgen zwar für Sicherheit, aber auch geringe Ausbeute. Bis Money über einen Kontakt von einem vermeintlich ganz großen Ding erfährt. In einem Haus in einer sonst verlassenen Gegend lebt ein blinder Mann (Stephen Lang), dessen Tochter bei einem Verkehrsunfall starb und der von Familie der Verursacherin eine Riesensumme an Schadensersatz erklagte. Das Geld ist nicht auf der Bank, es ist die große Verlockung für den berühmt-berüchtigten letzten Job, der in Genrefilmen selten nach Plan läuft. Dass der Blinde allein in einem Haus in der sonst verlassenen Vorstadt wohnt, ist einerseits ein stimmungsvolles Setting, andrerseits ein weiterer Verweis auf die harte wirtschaftliche Transformation der USA und die steigende Verarmung.
Das Trio steigt in der Nacht in das Haus des blinden Mannes ein, den es als leichtes Opfer sieht. Dummerweise erweist sich der Hausbesetzer als Kriegsveteran, der sein Eigentum mit aller Konsequenz beschützt und dabei vor Gewalt nicht zurückschreckt…
High Concept mit Low Budget: Die originelle Prämisse des vermeintlich hilflosen, durch seine Behinderung benachteiligten Opfers, das sich als große Gefahr herausstellt, setzt Alvarez als klein skaliertes, effektives Spannungsstück um, das mit wenigen Darstellern auskommt. Von größerem Belang sind vier. Da ist Jane Levy als verzweifeltes, aber auch ein wenig manipulatives Trailerpark-Mädel mit Final-Girl-Faktor, die Rocky trotz deren Charakterfehler als sympathische Protagonistin zu verkörpern weiß. Dylan Minnette überzeugt fast noch mehr als in Rocky verliebter Dieb mit Ehrenkodex, während Daniel Zovatto den etwas undankbareren Part als begrenzt sympathischer Anführer hat, da dieser merklich eindimensionaler ist. Das Highlight dürfte aber Stephen Lang sein, der das richtige Charisma, aber auch die richtige Physis für die Rolle des Blinden besitzt, der trotz seines Alters immer noch als glaubwürdige Bedrohung erscheint. Auch die Art, wie Lang hier die Bewegungen und das eingeschränkte Wahrnehmungsfeld des Antagonisten verkörpert, ist gerade für einen solchen Genrerahmen ziemlich stark.
Das Spiel mit Sympathien gehört auch zu den Stärken von „Don’t Breathe“ – immerhin sind Rocky, Money und Alex ja die Eindringlinge, der Blinde das Opfer. Doch man sympathisiert gerade mit der Lage von Rocky, die mit ihrer kleinen Schwester gern dem Trailer entfliehen möchte, in dem sie mit ihrer asozial-lieblosen Alki-Mutter und deren nichtsnutzigem Freund hausen. Alex ist der Räuber mit Ehrenkodex und es ist schade, dass eine Deleted Scene aus dem Film gefallen ist, die seine Figur noch besser erklärt: Darin wird erklärt, dass er gern Jura studieren will (daher auch seine rechtliche Einstufung bei den Raubzügen), aber das Geld dafür benötigt, um nicht wie sein Vater als Sicherheitsmann zu enden. Im Gegenzug erweist sich der blinde Mann nicht nur als radikal-brutaler Vertreter des My-Home-Is-My-Castle-Prinzips, sondern beherbergt ein dunkles Geheimnis. Das dient zwar der Sympathiesteuerung, ist innerhalb der Gesamtgeschichte durchaus sinnig.
Dass „Don’t Breathe“ trotz des Fehlens von Phantastik und des Verzichts auf Gore nicht als reiner Thriller, sondern als Horrorthriller eingestuft wird, liegt sicherlich an der Reputation von Fede Alvarez, aber auch an dessen Inszenierung. Der blinde Mann, der auch gern mal zur Heckenschere greift, hat bisweilen etwas von einem Slasher-Schurken, außerdem sorgen er und sein furchteinflößender Hund für die eine oder andere Jump-Scare-Einlage. Gleichzeitig überhöhen Alvarez und sein Co-Autor Rodo Sayagues den Blinden auch nicht über alle Maßen: Er findet sich gut in seinem Haus zurecht und kann gut hören, ist aber in Sachen Wahrnehmung auch nicht der böse Bruder von Daredevil. Dies macht ihn ebenso menschlich wie die Tatsache, dass auch in seinen Abgründen noch eine Nachvollziehbarkeit und eine Verzweiflung lauern. Er sieht sich ebenso im Recht, in dem was er tut, wie die Räuber ihre Taten rechtfertigen.
Die Atmosphäre ist düster, die Inszenierung stimmt, doch letzten Endes ist „Don’t Breathe“ effektives Handwerkerkino. Wen es wohl erwischt und wer wohl als erstes dran glauben muss, kann man sich wohl schon anhand der Figurenbeschreibung ausrechnen. Weil der Cast so übersichtlich ist, erweisen sich einige Figuren aus drehbuchtechnischer Notwendigkeit als Stehaufmännchen, damit sie nicht zu früh hinüber sind. Lobenswerterweise verzichten Alvarez und Sayagues auf irgendwelche Nebenfiguren, die nur zum Verhackstücktwerden vorbeischauen, das muss man dem Film dagegen anrechnen. Auf etwas unter 90 Minuten verdichtet ist „Don’t Breathe“ ein veritabler Horrorthriller, der sein Gimmick des blinden Antagonisten nur phasenweise effektiv ausspielt, etwa wenn der alte Mann das Licht im Keller abschaltet und seine potentiellen Opfer sich ohne Lichtquelle zurechtfinden müssen, was Alvarez in gräulicher Nachtsicht-Optik inszeniert.
Am Ende des Tages ist „Don’t Breathe“ dann sicherlich der Beweis dafür, dass Alvarez auch ohne die Extraportion Blut stimmig und effektiv inszenieren kann. Die Antagonistenfigur ist originell und mit seiner kurzen Laufzeit hat der Film wenig Fett auf den Rippen, obwohl ein paar Minuten mehr an Charakterzeichnung dem Endergebnis nicht geschadet hätten. Die Handlung gewinnt nur bedingt Originalitätspreise, manches ist absehbar, aber ein stimmiger Horrorthriller ist Alvarez dennoch gelungen.