Was hat sechs Stimmbänder und kreischt wie ein Wurf rolliger Katzen bei Vollmond auf einem Mauervorsprung? Hat da etwa gerade jemand Mariah Carey beim Abschiedskonzert gesagt? Aber nein, es ist Charles Bands erlesene Kollektion von Scream Queens aus dem 20. Jahrhundert!
Zu schreien gab es jedenfalls damals genug, als das Sextett noch in seiner Blüte stand. Einen anderen Zustand als den der Not kannten die Damen in der Full-Moon-Welt der kleinen Monster im Grunde gar nicht. Vergessen wird aber gerne, dass sie in ihrer Not meistens ziemlich schlagfertig waren. Nix mit „Damsel in Distress“. Wenn der Angreifer nicht durch die Schreie in die Flucht geschlagen wurde, dann durch freche Verbalkonter, die wohl auch dem eifrigsten Schlitzer die Lust am Töten genommen hätten. Die Scream Queens sorgten also nicht nur für die Hör- und Schauwerte, sie waren in gewisser Hinsicht auch das Herz ihrer jeweiligen Filme. Und natürlich ihr Verkaufsargument. Da liegt es durchaus nahe, sie mal wieder aus der Folie zu holen.
Charles Band indes dürfte so langsam auch auf den Trichter gekommen sein, dass sein bisheriger Output im neuen Jahrtausend nicht eben der Weisheit letzter Schluss war, selbst im Vergleich mit dem ebenfalls nicht gerade preisverdächtigen Frühwerk. Und was macht man üblicherweise, wenn es heute nicht mehr so läuft wie früher? Man zergeht in Nostalgie über die eigenen wilden Jahre. Ach, damals. Das war noch echter Heimvideo-Schmodder. Und Band wäre nicht Band, wenn er diese Nostalgie nicht in seine nächste Geschäftsidee umwandeln würde.
„Trophy Heads“ macht natürlich am meisten Spaß, wenn man vorher brav seine Full-Moon-Hausaufgaben gemacht hat. Man könnte sogar sagen: Nur dann ergibt dieses Best-Of überhaupt Sinn. Schließlich werden durch Poster an den Wänden, Filmausschnitte auf den Röhrenfernsehern, DVD-Cover in der Hand und Titelnennungen im Dialog immer wieder Verweise auf die guten alten Zeiten gestreut, die man besser miterlebt haben sollte, wenn man gemeinsam mit den Filmemachern im Chor schwelgen will.
In Anbetracht der Aggressivität, mit der da Selbstzitaterie betrieben wird, weiß man nicht so recht, ob man es mit einem Meta-Streifen der Marke „Freddy’s New Nightmare“ zu tun hat oder nicht doch einfach mit einer Clip Show nach Art diverser Zeichentrickserien und Sitcoms, in denen die besten Momente früherer Episoden rezitiert werden. Hat man diese Episoden verpasst, sieht man vermutlich bloß einen kruden Slasher-Streifen über ein Kellerkind (wie eine Wackelkopf-Kopie von Dexter: Adam Noble), das seine eigene Identität über schlechte Filme der 90er definiert und darüber hinaus keine Ambitionen hat, sich weiterzuentwickeln, weshalb es seine Heldinnen von damals mit Hilfe seiner Mutter (tut alles für ihren Jungen: Maria Olsen) massakriert und für die Ewigkeit als Wandtrophäe konserviert. Womöglich ist der Jäger und Sammler mit diesem Einfall ein wenig zu spät dran, denn „Mint“ würde seinesgleichen den Zustand der Objekte im Jahr 2014 schon nicht mehr bezeichnen. Doch wo Krähenfüße sichtbar werden, da beginnt die Selbstironie zu wirken.
Am besten ist „Trophy Heads“ tatsächlich immer dann, wenn er mit Augenzwinkern vermittelt, dass Full Moon eigentlich gar nicht so viel zu bieten hat, dem man Tränen der Nostalgie nachweinen müsste. Wenn es eine (gerne übersehene) Qualität gab, die diesen Filmen oft zu eigen war, dann war es immer der Humor, der sich aus Bezügen auf das eigene kleine Universum schöpfte. Schon der schrecklich billige Eröffnungskill macht mit einem Killer in schäbiger Alien-Maske deutlich, dass die Spezialeffekte wohl kaum je zu den Kernkompetenzen dieser Produktionen gehörten.
Darcy DeMoss ist die Erste, die dran glauben muss. Kurz und schmerzlos liegt im Prolog auch schon ihr digital abgesäbelter Kopf auf dem nächtlichen Asphalt. Anschließend entwickelt sich linear strukturiertes Flickwerk, das eine Darstellerin nach der anderen zunächst in die Handlung einführt, dann in einer von insgesamt drei Gefängniszellen Marke Eigenbau zwischenparkt und letztlich in stiller Reminiszenz an ihre größten Auftritte abmurkst; so soll sich Denice Duff beispielsweise in Anspielung auf „Subspecies“ von einem Vampir verknuspern lassen und Jacqueline Lovell landet ein weiteres Mal am Kreuz, wie einst in „Head of the Family“. Der episodische Aufbau rührt daher, dass „Trophy Heads“ zunächst als Miniserie vermarktet wurde, um erst im Nachgang zum Film zusammengeschnitten zu werden. Gute Nachricht also für den OLED: Als gesammelter Hühnerhaufen tritt der Sechser nie in Erscheinung, geschrien und gestorben wird einzeln und in strenger Reihenfolge.
Erstaunlicherweise funktioniert das recht gut, denn was raffinierte dramaturgische Bögen angeht, war bei Band ohnehin nie etwas zu holen, ergo auch nichts zu verlieren. Im Gegenzug ist aber nun immerhin Abwechslung gegeben, da jede Episode ihre eigenen Highlights hat. So werden die meisten Einführungen der Starlets von urkomischen Gastauftritten begleitet. David DeCoteau („Creepozoids“) taucht beispielsweise am Autogrammstand Schrägstich Fruchtbecherstand von Michelle Bauer als ignoranter Kunde auf, Carel Struycken („Twin Peaks“) und Kristine DeBell („Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy“) begleiten „Schwester Quigley“ in biblischer Mission und Stuart Gordon („Castle Freak“) zeigt sich mit einer erfrischenden Lust an der Unlust von derjenigen Seite, die seiner Schokoladenseite gegenüberliegt, fast so, als wolle er über seinen eigenen abgehobenen Berufsstand herziehen. Diese Cameos bringen immer wieder frischen Wind in die Handlung, aber auch davon abgesehen ist das Dialogbuch von erstaunlich hoher komödiantischer Klasse. Als die entführten Frauen hinter Gittern über die Definition eines Kult-Klassikers debattieren, wird sogar fast schon Tarantino-Land betreten, inklusive einer perfekt sitzenden Pointe zum Ausklang der Szene.
Gar nicht so viel schlechter machen es Maria Olsen und Adam Noble als Mutter-Sohn-Gespann. Wie eine konsequente Weiterentwicklung des Obskuritätensammlers aus „Hideous!“ wirkt Letzterer, das Character Writing geht dabei aber viel tiefer und scheint wirklich daran interessiert, dem Troll aus Muttis Keller eins auszuwischen. Olsen, die jedes Jahr in unzähligen Kleinproduktionen zu sehen ist, zeigt ihr Comedy-Talent vor allem in den Szenen, in denen sie normale, in die Gesellschaft integrierte Menschen imitiert wie ein Marsmensch – etwa, als sie am Empfang für ein Fake-Casting sitzt und bei der zweiten Bewerberin gleich in der Praxis anwendet, was sie im Gespräch mit der ersten Bewerberin gelernt hat. In diesen Bereichen kommt das Skript von Neil Marshall Stevens (der auch „Hideous!“ geschrieben hat) den Akteuren sehr entgegen, bevorzugt in Form von gut geschriebenen Running Gags (etwa der Brownies-Dialog zwischen Olsen und Noble oder Quigleys Besessenheit vom Bad im Blute des Herrn Jesus Christus).
Berücksichtigt man das organische Zusammenspiel der Akteure und die (wenigstens für Full-Moon-Kenner) zeitweise wirklich witzige Ausrichtung der Dialoge, ist es mehr als schade, dass „Trophy Heads“ optisch so gar nichts von der Zeit hat, auf die er anspielt. Hässliche Digitalkameraoptik bestimmt die Ästhetik des Films, der sich hauptsächlich in schlecht beleuchteten Innenräumen abspielt. Kombiniert mit den scheußlichen Spezialeffekten, einer kruden Mixtur aus Gummimasken, digitaler Computerbearbeitung und Fake-Köpfen, liegt die Produktion in den Zeiten unbegrenzter Möglichkeiten, in denen wir leben, kaum über Homemade-Video-Niveau, was auch eines Charles Band nicht würdig ist. Wer aber im Akkord Material produziert, ohne dafür allzu viel Kapital zur Verfügung haben, der wird natürlich den Weg des geringsten Widerstands gehen. Das war grundsätzlich auch vor dreißig Jahren schon so, nur hatte man damals eben keine andere Möglichkeit, als auf jenem Material zu drehen, das im Zeitalter der Digitalisierung nun zum seltenen Gut geworden ist…
Auch der Score von Richard Band, erneut eine Mischung aus dezenten Gitarrenriffs und symphonischem Schlagrahm, klingt für sich genommen gar nicht so schlecht, dudelt aber doch zuverlässig am selbstironischen Ton des Films vorbei und weiß die Pointen nur selten passend zu untermalen. Wäre die Symbiose von Bild, Ton und Inhalt doch nur etwas sattelfester…
Unter dem Strich lässt „Trophy Heads“ trotzdem fast vergessen, dass den Filmen vor und nach dem Millenniumswechsel ein massives Qualitätsgefälle nachgesagt wird. Sein Drehbuch ist sogar um ein Vielfaches besser ausgearbeitet als das des thematisch ähnlich gelagerten, mittlerweile ein Vierteljahrhundert alten „Hideous!“. Das Meta-Konzept macht durchaus Freude, sofern man über all die Jahre den Vollmond im Blick hatte. Zu verdanken ist das den äußerlich zwar stark gealterten, im Herzen aber immer noch zum Pferdestehlen aufgelegten Grande Dames des kleinen Horrorfilms. Große Kunst ist das immer noch nicht, aber vermutlich das Beste, was Charles Band heute noch zustande bringt. Nur das mit der Optik und dem handwerklichen Aufwand geht wahrlich besser, selbst ohne Budget. Aber das Problem haben ja noch ganz andere Regisseure… (Argent*HUST*)