Nosferatu – Tönt dieses Wort Dich nicht an wie der mitternächtliche Ruf eines Totenvogels? Hüte Dich, es zu sagen, sonst verblassen die Bilder des Lebens zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von Deinem Blut.
Die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Gerade für den deutschen Film stellten sie das Goldene Zeitalter dar, schafften es doch Robert Wiene mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1919) und Paul Wegener mit „Der Golem: Wie er in die Welt kam“ (1920), der deutschen Filmwirtschaft weltweiten Ruhm zu bescheren. Ein weiterer Vertreter des deutschen Expressionismus sollte sich in die Reihe der herausragenden filmischen Beiträge jener Zeit einreihen und sich zudem anschicken, zu einem der wegweisenden Klassiker des Horror-Genres zu werden: Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“.
Lange habe ich über Beginn und Erlöschen des großen Sterbens in meiner Vaterstadt Wisborg nachgedacht. Hier ist seine Geschichte: Es lebten in Wisborg Hutter und seine junge Frau Ellen… Eines Tages erhält schließlich jener junge Immobilienmakler Thomas Hutter (Gustav von Wangenheim) von seinem Arbeitgeber, dem zwielichtigen Knock (Alexander Granach), den Auftrag nach Transsylvanien zu reisen; Graf Orlok (Max Schreck) beabsichtige, ein Haus in Wisborg zu kaufen und Hutter möge bitte den Vertrag mit dem Grafen zum Abschluss bringen. Getrieben von der Hoffnung, mit diesem Vertragsabschluss das große Geld machen zu können, macht sich Thomas Hutter gegen den Willen seiner Frau Ellen (Greta Schröder) auf den Weg, die Reise in das Reich der Geister anzutreten… Allen Warnungen zum Trotz erreicht Hutter schließlich das Schloss des Grafen und bereits in der ersten Nacht ereignen sich mysteriöse Dinge, die Hutter nach und nach zum Urteil kommen lassen, dass er es in der Gestalt des Grafen Orlok mit einem waschechten Vampir zu tun hat.
Nun gut… bis Thomas Hutter zu diesem Urteil kommt, dauert es schon einige Zeit. Zeit, in der der Zuschauer bereits in genügendem Maße über das tatsächliche Wesen des Grafen Orlok informiert wurde. Dass der Zuschauer diesen Wissensvorsprung erlangen konnte, liegt nicht nur daran, dass die Rolle Gustav von Wangenheims als naiver – ja, in diesem Fall kann man es getrost sagen – Trottel angelegt wurde, der selbst die offensichtlichsten Anzeichen nicht zu deuten vermag; auch die „göttliche“ Perspektive, die Murnau seinem Publikum durch immer häufiger werdende Einblendungen von kurzen Passagen aus Büchern, Zeitungen und Briefen erschafft, ermöglicht einen Wissensvorsprung gegenüber all jenen, die wir da in „Nosferatu“ agieren sehen… Dieser Kniff schmälert die Spannung des Filmes keineswegs, sondern schafft es vielmehr, den Spannungsbogen noch um einiges weiter zu spannen. Auch wenn wir bereits durch die einführenden Worte eines früheren Bürgers von Wisborg darauf vorbereitet wurden, dass alle folgenden Ereignisse in einem „großen Sterben“ münden, erschafft die Frage nach dem „Wie?“ und die häppchenweise Aufdeckung neuer Informationen eine schon fast elektrisierende Spannung.
Murnau arbeitet zur weiteren Vertiefung dieser Spannung mit simpelsten, aber äußerst effektiven Stilmitteln. Diagonalen beherrschen die Bildkomposition „Nosferatus“ ebenso wie über weite Passagen Umrahmungen das optische Erscheinen des Filmes bestimmen. Die Diagonalen erzeugen eine unglaubliche, unterschwellige Anspannung, eine Unruhe, die sich zwangsläufig auf das Seh-Erlebnis „Nosferatu“ auswirkt. Die Umrahmungen scheinen – vor allen Dingen in jenen Passagen, in denen Hutter sich auf dem Schloss Orloks befindet – ihre „Inhalte“ förmlich zu erdrücken, mitunter sogar „gefangen“ zu halten. Dadurch entwickelt sich „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ bereits zu einem optischen Hochgenuss für jeden Cineasten.
Gesteigert wird der Genuss dieses frühen Meisterwerks der deutschen Filmkunst nur noch durch das hervorragende Schauspiel, das hier geboten wird. Gustav von Wangenheim brilliert in seiner Rolle als naiver Jüngling Thomas Hutter ebenso wie Alexander Granach als durchtriebener, wahnsinniger Knock und Greta Schröder als Hutters Partnerin Ellen. Die überragendste Leistung jedoch erbringt Max Schreck in seiner Rolle als Graf Orlok/Nosferatu, mit der er sich unsterblich gemacht hat. Es ist einem Schauspieler nur selten danach gelungen, das Grauen, den Schrecken so eindringlich darzustellen wie jener Max Schreck es mit seinem angespannten Spiel vermochte. Weder spätere Dracula-Darsteller wie Bela Lugosi und Christopher Lee noch der in Werner Herzogs „Nosferatu“-Remake in der Rolle des Orlok agierende Klaus Kinski konnten je vollkommen an die durch Mark und Bein gehende Leistung Schrecks heranreichen.
Und gerade aufgrund dieser erstklassigen Leistung seines Hauptdarstellers gilt „Nosferatu“ seit jeher vollkommen zurecht als Meilenstein der Filmgeschichte und des Horror-Genres im Speziellen. Eingebettet in einen technisch überragenden Rahmen, der jederzeit das große Talent eines Friedrich Wilhelm Murnau offenlegt bekommt man in „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ in der Tat eine Symphonie des Grauens geboten. Spannend wie eh und je überzeugt dieses expressionistische Meisterwerk auch heute noch auf ganzer Linie… Ein Film aus der Kategorie „Must-See“-Filme… 10/10