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Alexander Skarsgard spielt Lord Greystoke, der in Afrika als Tarzan, als Mann aus dem Dschungel, berühmt und berüchtigt war. Mittlerweile lebt der Mann hinter der Legende, der unter Affen aufwuchs und auf dem Schwarzen Kontinent seine Ehefrau Jane Porter, gespielt von Margot Robbie, kennenlernte, in Großbritannien das biedere Leben eines adeligen Gentleman. Dort ereilt ihn der Ruf König Leopolds von Belgien, der ihn in seine afrikanische Heimat, den Kongo, schicken will, damit er dort die von den Belgiern errichtete Infrastruktur besichtigen kann. Aber Greystoke hat den Urwald hinter sich gelassen und schlägt das Angebot aus. Überzeugen lässt er sich jedoch von einem Amerikaner, gespielt von Samuel L. Jackson, der ihn begleiten möchte, um im Kongo belgische Verbrechen wie etwa die Versklavung der Bevölkerung zu dokumentieren. Was Greystoke nicht ahnt: Der belgische Captain Rom, gespielt von Christoph Waltz, will ihn in den Kongo locken, um ihn bei einem einheimischen Stammesführer, der Rachegelüste gegen den Briten hegt, gegen Diamanten einzutauschen.

Tarzan, dessen Eltern wegen einer Meuterei in Afrika stranden und nach seiner Geburt sterben, der unter Affen aufwächst und schließlich seine Jane trifft, gehört zu den wohl bekanntesten Romanfiguren. Seit Erscheinen von Edgar Rice Burroughs Roman „Tarzan of the Apes“ im Jahre 1912 war die Schöpfung des amerikanischen Autoren Gegenstand zahlloser Geschichten und Filme, von animierten Disney-Produktionen bis hin zu oftmals unsäglich schlechten Realverfilmungen, in denen gut gebaute Männer mit gewöhnungsbedürftigen Lendenschurz den Dschungelbewohner verkörperten. Damit standen der mehrfache „Harry Potter“-Regisseur David Yates und seine Autoren vor zwei Optionen: entweder, den altbekannten Stoff neu zu verfilmen bzw. eng an Burroughs Roman zu orientieren, oder aber eine Neuinterpretation zu wagen, „Tarzan Begins“ gewissermaßen. Sie entschieden sich für den Neustart, zumal mit „Legend of Tarzan“ wohl eine neue Franchise etabliert werden soll. Nur leider geht den Autoren die Genialität eines Christopher Nolan, der „Batman“ neu belebte, definitiv ab.

Der Tarzan, der uns hier zu Anfang präsentiert wird, hat wenig vom Tarzan, den man zunächst erwartet hätte. Vielmehr lernen wir in den ersten Szenen den englischen Lord und Gentleman Greystoke kennen, der die Wildnis hinter sich gelassen hat und zunächst nicht nach Afrika zurückkehren möchte. Die Narben, die vom Laufen auf allen Vieren gekrümmten Finger, zeugen vom Leben in einer anderen Welt, in der er als Tarzan unter wilden Menschenaffen lebte. Das Animalische, das Wilde in ihm kehrt erst in Afrika zurück, wo er seine mitgereiste Frau schließlich aus den Fängen der skrupellosen Belgier retten muss. Diese Idee ist zwar prinzipiell nicht schlecht und gewinnt der Figur einige neue Facetten ab, allerdings gewinnt Tarzan dennoch kaum an Profil, weil auf eine Charakterkonstruktion fast konsequent verzichtet wird. Und auch Alexander Skarsgard, der mit seiner gewaltigen Physis punktet und den durchaus ein düsteres Charisma umgibt, legt seinen Tarzan doch so undurchsichtig und beliebig an, dass seine innere Zerrissenheit zwischen Afrika und Europa, zwischen Zivilisation und Wildnis allenfalls oberflächlich angedeutet wird.

Außerdem wird die Geschichte des Dschungel-Mannes für den Neustart historisch genauer verortet. Die Berliner Kongokonferenz wird eingangs erwähnt, außerdem treten mit König Leopold und dem skrupellosen Captain Rom historische Persönlichkeiten auf. Vor allem Rom hätte großes Potential geboten. Der Belgier, der zur Hochphase des Imperialismus über den Kongo herrschte, war für seine Grausamkeiten so bekannt, dass er den Autor Joseph Conrad bei seinem Roman „Herz der Finsternis“ inspirierte. Doch aus der Figur, die wohl als historisches Vorbild des Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“ diente, wird leider ein 0815-Hollywood-Bösewicht, der zudem vom Standart-Schurken Christoph Waltz mit gewohnter ironischer Distanz angelegt wird. Der macht seine Sache darstellerisch zwar gewohnt gut, gewinnt der Figur aber keine Facetten ab, die über die typischen Eigenschaften eines waltzschen Bösewichts hinausgingen. Überhaupt ist die Verquickung zwischen Historie und Fiktion nicht immer ganz stimmig, wenngleich die damit einhergehende Kolonialismus-Kritik immerhin eine Parallele zu Burroughs Roman darstellt. Kritik hagelte es dagegen, weil auch Burroughs Rassismus Einzug in den Film gehalten haben soll, immerhin rettet der weiße Mann am Ende Afrika, während die Eingeborenen auf den Rängen applaudieren. Das mitunter diagnostizierte Rassismusproblem des Films hinterlässt aber keinen faden Beigeschmack, weil es letztlich ja um die Legende von Tarzan und nicht um das belgische Kolonialregime geht. Dass der Film, wie auch Burroughs Roman, die eurozentristische Perspektive einnimmt mag aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass wohl deutlich mehr Europäer und Amerikaner im Kino Platz nehmen dürften, während die Schwarzafrikaner als Zielgruppe keine Rolle spielen.

Unterhaltsam ist Yates Film dennoch über weite Strecken. Die Story kommt zwar nur langsam in Gang, weil die Vorgeschichte Tarzans in umständlichen Rückblenden erzählt wird, während sich in der Gegenwart zunächst alles um das belgische Kolonialregime im Kongo und um den Wunsch Leopolds dreht, Greystoke möge doch nach Afrika zurückkehren. Das ist anfangs etwas verwirrend, doch wenn sich das Geschehen schließlich nach Afrika verlagert, wird „Legend of Tarzan“ unterhaltsamer. Die Geschichte steuert jetzt klarer, wenngleich auch etwas kalkulierbarer, auf das Finale zu, während Samuel L. Jackson als Begleiter des eher humorlosen Dschungelkriegers für etwas auflockernden Humor sorgt. Lobend erwähnt sei außerdem die resolute Margot Robbie in der Rolle der Jane, obwohl sie sich letztendlich von ihrem Gatten retten lassen muss. So wird vor allem in der zweiten Filmhälfte für etwas Kurzweil gesorgt, wenngleich die Story auch hier nicht frei von der einen oder anderen Unwucht ist.

Einen bleibenden Eindruck werden denn auch weder die Versuche hinterlassen, der Tarzan-Figur einen neuen Anstrich zu geben, noch der neue Hauptdarsteller Skarsgard, sondern vor allem die großartig animierten Tiere, die den Film vor allem in der zweiten Hälfte bevölkern. Wenn Tarzan mit einem ausgewachsenen Menschenaffen kämpft oder Jane von einem im Wasser heranrauschenden Nilpferd angegriffen wird, steigert sich „Legend of Tarzan“ zum physischen Erlebnis, wozu Yates auch die passende, dumpfe und alles durchdringende Sound-Kulisse liefert. Wenn sich Tarzan und seine Begleiter an Lianen durch den Urwald schwingen lohnt sich zudem zumindest kurzzeitig auch mal die Umsetzung in 3D, der es letztlich aber mal wieder nicht unbedingt bedurft hätte. Ansonsten sind die Action-Szenen unterhaltsam, aber auch nicht atemberaubend. Die Aufnahmen der afrikanischen Steppen und Dörfer können sich sehen lassen, während man bei den Szenen im Urwald zumindest erahnen kann, dass es sich um Studiokulissen handelt. Yates hätte den Ausflug in den Regenwald nicht scheuen sollen.

Fazit:
Die Idee, der Tarzan-Figur einen neuen Anstrich zu verpassen, die innere Zerrissenheit zwischen Europa und Afrika, zwischen Wildnis und Zivilisation zu thematisieren, hätte den Nährboden für den Neustart einer Franchise wie bei Nolans „Batman“-Filmen geboten, doch die Charakterkonstruktion wird allzu sehr vernachlässigt. Zudem trüben einige narrative Unwuchten sowie die nicht immer überzeugende Einbettung in den historischen Kontext den Gesamteindruck. Was bleibt, ist ein mittelmäßiger Abenteuerfilm, dessen Monsterbudget von 180 Millionen Dollar man zumindest der großartig animierten Tierwelt Afrikas ansieht, die so letztlich auch zum eigentlichen Hauptdarsteller des Films avanciert.

55 %

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