„Dancing on the Ceiling! - Traumreise in L.A."
Der Mann traut sich was. Als sich die frisch verliebten Mia und Sebastian - inspiriert durch eine Kinovorstellung von „Rebel without a Cause" - zum Griffith Observatory hoch über LA aufmachen, lässt er sie im Planetarium einfach in den Sternenhimmel entschweben und dort Walzer tanzen. Ein magischer Kinomoment, metaphorisch und filmhistorisch aufgeladen, keine Frage, aber dennoch ungekünstelt, berührend und auf verblüffende leichtfüßige Art die bedrohliche Kitschfalle vermeidend.
Damien Chazelles „La La Land" ist voll von solch zauberhaften Momenten, eine bittersüße Ode an die Liebe, an Jazz, an Los Angeles und vor allem an das klassische Hollywood-Musical der 1930er und 40er Jahre. Dennoch wartet man nie darauf, dass Fred Astaire und Ginger Rogers, oder Gene Kelly um die Ecke tänzeln, denn trotz aller Reminiszenzen und Verbeugungen hat Chazelle seinen eigenen Stil, der erkennbar in der Gegenwart zu Hause ist.
Schon das auf diversen Festivals gefeiertes Regiedebut „Guy an Madeline on a Park Bench" (2009) gab einen Vorgeschmack auf Chazelles Virtuosität im Vermischen von Klassik und Moderne. Dieser zukunftsorientierte Musical-Enthusiasmus setzt in „La La Land" zu neuen Höhenflügen an und animiert selbst ausgewiesene Sing- und Tanzmuffel zum Summen und Wippen. Sofern sie der meisterhaft arrangierte Auftakt packt.
Chazelle geht hier volles Risiko. Hop oder top, entweder es funktioniert, oder das Publikum wendet sich ab. Ein forscher, beherzter, fulminanter Beginn: ein typischer Verkehrsstau in der Rush Hour, nichts geht mehr auf einer mehrspurigen Abfahrt in LA. Plötzlich steigt eine junge Frau aus dem Auto und beginnt von ihren Träumen zu singen und dazu zu tanzen, immer mehr Stau-Leidensgenossen werden davon angesteckt, schließen sich ihr an, bis der ganze Zubringer eine schmissige Tanznummer auf die Dächer der stehenden Autos legt. Die Botschaft ist klar: hier erwartet euch ein leidenschaftlich vorgetragenes Musical, macht mit, oder lasst es. Wir ziehen das durch.
Nach diesem donnernden Auftakt beginnt die eigentliche Geschichte um zwei glücklose Mittzwanziger, die von einer Karriere in der Stadt der Engel träumen. Mia (Emma Stone) läuft seit Jahren von Casting zu Casting, aber die begehrten Rollen bekommen immer andere. Sebastian ist ein ebenso begnadeter wie erfolgloser Jazzpianist, der sich mehr schlecht als recht als Auftragsmusiker über Wasser hält. An die Eröffnung einer eigenen Jazz-Bar ist so natürlich nicht zu denken. Zweimal begegnen sich die beiden Gefallenen rein zufällig, erst beim dritten Mal funkt es.
Ryan Gosling und Emma Stone gelten schon seit ihrer ersten Zusammenarbeit in „Crazy, Stupid, Love" (2011) als Traumpaar, in „La La Land" bekommt diese unverkennbare Chemie regelrecht Flügel. Ob bei den gemeinsamen Tanz- und Gesangseinlagen, der sich parallel entwickelnden Seelenverwandtschaft und Liebesgeschichte, vor allem aber bei den stummen Szenen funkt und blitzt es, dass es eine wahre Freude ist.
Ihre gemeinsame Geschichte ist zugleich rührend, tragisch, mitreißend und witzig. Chazelle gliedert sie in 5 Kapitel, orientiert an den vier Jahreszeiten (der Winter bildet die Klammer). Das Kunstvolle dabei ist die Einheit von Musik, Handlung und optischer Gestaltung. Jedes Kapitel hat eine ganz eigene Stimmung, die auch die gängigen Assoziationen mit den jeweiligen Jahreszeiten mit aufgreift. So entsteht ein in sich geschlossener Kreislauf des Lebens, mit all seinen Höhen und Tiefen, Wünschen und Sehnsüchten.
Das hätte leicht schmalzig und rührselig werden können, aber dafür ist Chazelle zu clever. Immer zur rechten Zeit durchbrechen Wortwitz und Situationskomik die melancholische Atmosphäre. Vor allem Ryan Gosling zeigt nach dem letztjährigen „Nice Guys" erneut sein ausgesprochenes Talent für fein austarierte Selbtsironie. Wenn er sich in einer 80er-Revival-Band als entsprechend ausstaffierter Keyboarder verdingt und sich über die Simplizität des Wave-Klassikers „I ran" echauffiert, ist das zum Brüllen komisch, überschreitet aber nie die Grenze zur Lächerlichkeit oder Parodie. Chazelle verfolgt eben eine klare Linie, auf der er sich lediglich hin und wieder einen exaltierten Abstecher gönnt.
Trotz der fraglos artifiziell anmutenden Musical-Szenen, einer immer wieder auch grell bunten Farbgebung und einer klassischen Theater-Dramaturgie ist „La La Land" von einer luftigen Natürlichkeit geprägt. Das liegt zum einen an der im Gegensatz zur akustischen und optischen Inszenierung geradezu subtil erzählten Beziehung zweier verwundeter Künstlerseelen und der entsprechenden Darbietung der Darsteller. Wesentlich dabei ist aber auch die Arbeit der sowohl klassische wie modern ausgerichteten Profi-Choreographin Mandy Moore, die intensiv mit den Amateur-Tänzern Stone und Gosling arbeitete und sie soweit brachte, dass sie ihre Szenen ohne Schnitte durchtanzten. Gerade weil es nicht immer perfekt wirkt und erkennbar nicht die Klasse von Profi-Tänzern erreicht, sind die Tanzeinlagen so mitreißend. Wenn die beiden auf den Hollywood Hills vor der Kulisse des illuminierten Los Angeles über den Asphalt steppen und sich langsam emotional wie tänzerisch annähern, dann ist die Symbiose zwischen Märchenhaftigkeit und Natürlichkeit perfekt.
Krönung ist schließlich das audiovisuell meisterlich arrangierte Finale, in dem Chazelle dem eigentlichen Ende der Geschichte eine zugleich wehmütige wie freudige „Was wäre wenn"-Sequenz folgen lässt, die einem Mini-Musical gleich noch einmal die Beziehung von Mia und Sebastian durchspielt und nebenbei den großen Vorbildern Tribut zollt. Eine poppig bebilderte, nur durch Tanz und Musik erzählte Traumreise, die beide zeitgleich vor ihrem geistigen Auge erleben. Ein wunderbarer, emotionaler, perfekter Abschluss. Könnte Kino nur immer so sein.