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Oscar-Film, ick hör' dir trapsen. 14 Oscar-Nominierungen sind natürlich überragend, aber da man ja die Jury kennt und um ihre manchmal etwas fragwürdigen und konservativen Entscheidungen weiß, kann es sich bei "La La Land" genauso gut wieder um einen überschätzten Hype-Film handeln, der das viele Lob eigentlich gar nicht verdient hat. Es ist ein Musical, und da waren womöglich viele einfach nur froh, daß es überhaupt mal wieder eins gibt. Man mag über die Anzahl der Nominierungen streiten, aber eins steht fest: "La La Land" ist ein äußerst sympathischer Film, schwungvoll, lustig und dramatisch, der überdies, wenn ich mir die Kritiken so durchlese, auch stolz von sich behaupten kann, selbst Musical-Muffel mitzureißen.

Obwohl "La La Land" eindeutig in der Jetztzeit verankert ist und uns daran auch ständig mit neumodischen Wagen und Smartphones erinnert, fühlt er sich an, als befänden wir uns noch in den 50-Jahren – ein gleichsam seltsam und faszinierend anachronistisches Gefühl, das natürlich vor allem in den verträumten Hauptfiguren begründet liegt, die mit der Moderne nicht sonderlich viel anfangen können und lieber längst Vergangenem nachhängen: Mias Zimmer ziert ein großes Ingrid-Bergman-Poster, Sebastian teilt ihre Leidenschaft für alte Filme, weshalb außer Frage steht, daß das erste richtige gemeinsame Date in einem Kinosaal stattfinden muß, in dem "… denn sie wissen nicht, was sie tun" läuft. Klar, der gesamte Film ist als Neuaufbereitung der alten Musicals angelegt, dreht sich aber auch inhaltlich um längst vergangene Zeiten. Früher war alles besser – ein Motto, dem die beiden Protagonisten sicherlich mit vollem Herzen zustimmen würden.

Doch Chazelle betont nicht nur die Nähe zu den klassischen US-Musicals mit Fred Astaire, in denen in der Regel am Ende alles wieder gut war, sondern nennt auch Jacques Demy und seine französischen Musikfilme als Inspirationsquelle für "La La Land". Für den Auftakt auf der Autobahn etwa stand eindeutig die Eröffnung der "Mädchen von Rochefort" Pate, und spätere Einlagen wie Tänze vor bonbonbunten Hintergründen unter Hervorhebung ihrer Künstlichkeit schreien regelrecht nach Demy. Das überdeutlichste Zitat allerdings findet sich vom rein inhaltlichen Standpunkt in der Schlußszene wieder, wenn sich das Paar, nachdem es sich beim letzten Zusammentreffen noch die ewige Liebe geschworen hatte, wie einst in "Die Regenschirme von Cherbourg" aus den Augen verliert und nach fünf Jahren, jeder längst in seinem eigenen mehr oder weniger spießigen Leben ohne den jeweils anderen mehr oder weniger gut angekommen, unerwartet wiedersieht, um noch einen zarten Anflug von Wehmut und Trauer zu erleiden und dann doch getrennte Wege zu gehen. Wer Chazelle hier vorwirft, er würde den leichten Ton der Vorbilder nicht treffen und deren Unbeschwertheit zuwiderlaufen, hat offenbar übersehen, daß er ganz unterschiedliche Musical-Stilrichtungen in seinen Film wirft.

Hinterher darf man dann eifrig die Frage diskutieren, ob "La La Land" befürwortet, alle anderen Bedürfnisse wie das private Glück der eigenen Karriere unterzuordnen, denn nun scheint auch die Schlußszene aus Chazelles Vorgänger "Whiplash", die augenscheinlich das Gleiche propagiert, kein Zufall mehr. Beim Regisseur spielt die Liebe offensichtlich lediglich die zweite Geige, wenn sie dem Erfolg im Wege steht. Aber anders als "Whiplash" bietet er hier im Schnelldurchlauf in rund acht Minuten eine Alternative in Form eines großartigen, weil einfallsreichen "Was wäre, wenn...?"-Szenarios an, bei dem man sich regelrecht wünscht, Chazelle würde hier auch die Grenzen der Zeit sprengen und die vergangenen fünf Jahre, die Mia und Sebastian getrennt voneinander verbrachten, einfach löschen und besagtes Traumszenario der gemeinsamen Zukunft Wirklichkeit werden lassen, und das allein durch die Kraft der Musik und des Tanzes durch die mannigfaltigsten Bühnenbilder.

Die Songs schwanken zwischen schmissig ("Another Day of Sun" als Auftakt ist eigentlich schon der frühe Höhepunkt, weil ungemein eingängig) und nachdenklich-sentimental ("City of Stars"), wie es der ganze Film zunehmend wird. Es kommt daher auch nicht von ungefähr, daß "La La Land" in der zweiten Hälfte mehr und mehr mit neuen Liedern geizt, je mehr die sich allmählich auftuenden Beziehungsprobleme zutage treten. An ihre Stelle rücken zutiefst glaubwürdige und schmerzhafte Gespräche zwischen Mia und Sebastian, als sie zunächst noch gute Miene zu bösem Spiel machen und des lieben Friedens willen (man sieht sich aufgrund Sebastians ständiger Tourneen kaum noch) keinen Streit vom Zaun brechen möchten, was sich aber schlichtweg nicht verhindern läßt, weil sich einfach zu viel aufgestaut hat, sowie einige Tiefschläge (Mias Theaterprobe vor gähnend leeren Rängen), die gegen Ende aber wieder auf einer versöhnlichen Note enden.

Den wie immer charmanten und im Vergleich zu so manch anderem Film, in dem er etwas blaß blieb, gut agierenden Ryan Gosling überstrahlt die zauberhafte Emma Stone noch durch eine unglaubliche Präsenz, die von total aufgedreht (die herrliche "I Ran-Szene" auf der Party) bis hochemotional (etwa ihr Lied beim Vorstellungsgespräch) reicht. Es ist schade, daß sich die nach Screwball-Komödien-Konzept kreierten Neckereien, die sich die beiden anfangs zuwerfen, relativ früh aufhören und nicht noch etwas weitergehen. Da "La La Land" für zwei Stunden für seine Love-Story unbestritten etwas wenig Stoff hat, hätte man vielleicht etwas an Drama sparen und an Komödie ergänzen können, gerne ergänzt durch ein, zwei weitere Lieder.

Letzten Endes zielt Chazelle mit seiner Ode an das Musical und, nicht zu vergessen, an den Jazz – nach "Whiplash" bereits zum zweiten Mal in Folge – aber tatsächlich direkt ins Herz des Zuschauers und macht "La La Land" wohl zum idealen Film für Verliebte - mit einigen magischen Momenten zum Träumen. Ob man ihn mit guter Laune verläßt, hängt auch davon ab, ob man den unmittelbaren vor dem eigentlichen, eher traurigen Ende eingebauten positiven Alternativwerdegang des sympathischen Pärchens für sich höher gewichtet. Ein schöner Film, dessen Erfolg ja vielleicht den Weg für eine neue Musical-Ära freimacht. 8/10.

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