Review

Ein Junge im gestreiften Pyjama sprang übers Kuckucksnest

Man könnte meinen, bei all den Filmen über den zweiten Weltkrieg & die unfassbaren Verbrechen der Nazis, hätte man schon alle Stories dreimal durchgekaut. Doch "Nebel im August" ist anders, handelt von einem kleinen, etwas aufmüpfigen Jungen, der in einer Art Pflegeheim für Behinderte / Psychiatrie landet. Und da die emotionale Achterbahnfahrt zur Zeit Nazi-Deutschlands spielt, betreibt die Führung des "Krankenhauses" & des Reichs, mehr oder weniger offen Euthanasie bei den geistig & körperlich Kranken, um das deutsche Volk "sauber" zu halten...

Pro Jahr gibt es meist um die 5 deutschsprachige, richtig gute Filme - und 2016 ist "Nebel im August" sicher einer davon. Die tragische, aber auch oft genug mit süßen Hoffnungs-Sonnenstrahlen durchzogene Geschichte des mutigen, 13-jährigen Ernst Lossa, geht einem wirklich an die Nieren. Ich wusste zwar, dass die Nazis (oder auch wie hier, normale, mehr oder weniger schlaue & scheinbar freundliche Wissenschaftler) neben den Juden & Andersstämmigen, auch Behinderte ausrotten wollten. Doch so emotional & nah wurde es mir noch nie vor Augen gehalten. Ein sehr tiefdringendes, wunderschön gefilmtes Drama, dass intensiv, differenziert & spannend eines unserer schwärzesten Kapitel beleuchtet. Aus Kinderaugen. Gnadenlos, traurig &, vom eigentlichen Thema (Euthanasie) her, sogar diskussionswürdig. 

Die Romanverfilmung hat mich gerührt & noch lange beschäftigt, wie es in den letzten Jahren wohl nur noch "Son of Saul" als Kriegsfilm geschafft hat. Neben den warm & hoffnungsvoll gefilmten Bildern der Anstalt, der einzigen wirkliche Schauplatz des Films, prägen vor allem die tollen Darsteller diese Tränenperle. Ivo Pietzker als Held der Geschichte spielt eindringlich, glaubhaft & vielseitig. Eine pure, ehrliche Darstellung einer Coming-Of-Age-Geschichte im Vorhof der Hölle. Dazu etliche glaubhafte Patienten der Heilanstalt, ein vielschichtiger, weder schwarz noch weiß gemalter Heimleiter des Todes & sein "Himbeersaft" verteilender Engel in Krankenschwestergestalt, die böseste seit Schwester Ratched - fertig ist eine bedrückende, realistische & graue kleine Welt, die trotz all des Grauens nie den Kopf vollständig in den Sand steckt. 

Irgendwo zwischen ARD, Michael Haneke & Hollywood minus seinem Kitsch, ist "Nebel im August" deutsches Kino, auf das wir stolz sein können. Für das man unbedingt eine Kinokarte ziehen muss, selbst wenn er später im Heimkino nichts von seiner Wirkung verlieren wird. Ein Trip zu einen Tabuthema, in die Zeit, die es zu eben diesem machte. Nebengedanken zur Rolle der Kirche im dritten Reich oder David "Die Blechtrommel" Bennent in einer famosem Nebenrolle, kommen zwar etwas kurz, doch im Endeffekt entfaltet der Film einen Sog, eine Wirkung & eine Intensität, die nur ganz wenige deutsche Kriegsfilme erreichen. Das macht ihn zu einem der besten seiner Zunft & wird ihm mit Sicherheit auch international Respekt & goldene Statuen einbringen. Er transzendiert sogar über das Genre hinaus & man vergisst ihn nicht. Zum Glück. 

Fazit: Sonne im (Kino-)Oktober - extrem eindringliches Kriegsdrama über die Euthanasie der Deutschen im zweiten Weltkrieg. Eine der besten deutschsprachigen Produktionen des Jahres & ein Kandidat für den Fremdsprachen-Oscar! 

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