Wer schon mal in der Pflege, im integrativen Kindergarten oder in der Nervenheilanstalt gearbeitet hat, erlebt oft Situationen, in denen sich Mitmenschen dankbar zeigen für Dinge, die für andere alltäglich sind. Nach einer Weile steht nicht mehr das Gebrechen oder die Behinderung im Vordergrund, sondern die Persönlichkeit des Menschen. Unter solchen Voraussetzungen kommt das Drama von Kai Wessel schier erdrückend daher, welches den wahren Fall von Ernst Lossa zur Zeit der nationalsozialistischen Rassenhygiene veranschaulicht.
1944: Der dreizehnjährige Ernst (Ivo Pietzcker) ist Sohn eines fahrenden Händlers und hat bereits einige Erziehungsanstalten hinter sich. Nun landet er in der Nervenheilanstalt bei Kaufbeuren unter der Leitung von Dr. Veithausen (Sebastian Koch), wo er sich rasch mit der gleichaltrigen Nandl anfreundet. Ernst bemerkt, dass immer mehr Patienten, überwiegend Kinder, nach Verabreichung von Himbeersaft sterben. Er heckt einen Plan aus, um mit Nandl zu fliehen…
Der Stoff packt umgehend. Ernst, ein Lausejunge weniger Worte, macht sich noch über das kahlgeschorene Haupt eines Kindes lustig, kurz darauf wird bei ihm der Rasierer angesetzt.
Ernst neigt zwar zum Stehlen, trägt jedoch das Herz auf dem rechten Fleck, hilft beim Füttern von Patienten und zeigt Interesse am Befinden seines Umfeldes.
Es ist jene Sicht eines Kindes, welche die Ereignisse noch erschreckender gestalten, da ihnen oftmals etwas Selbstverständliches anhaftet.
Wessel umschifft pathetische Einschübe und setzt eher auf ruhige Szenen und einprägsame Momentaufnahmen. Ein entfernter Bombenagriff vom Dachsims aus beobachtet, ein Ruderboot bei Vollmond, Blinde Kuh zwischen weißen Tüchern auf der Wäscheleine und ein mit Gräbern überhäufter Hinterhof der Einrichtung. Auch der erhobene Zeigefinger wird vermieden, denn selbst die ausführenden Organe wirken wie Marionetten, die im Zuge ihrer Tätigkeiten komplett abgestumpft sind. Ein Arzt wie Veithausen wirkt deshalb so extrem, weil er sich in einem Moment liebevoll um einen jungen Patienten kümmert und im nächsten Namen von der Liste streicht, was dem nahenden Todesurteil gleichkommt.
In erster Linie lebt so ein Stoff natürlich vom berührenden Grundthema, doch auch Wessels Umsetzung trägt klar zur atmosphärischen Dichte bei. Die Darsteller sind bis auf die kleinste Nebenrolle absolut topp besetzt und speziell die jüngeren Mimen performen phasenweise grandios, doch auch Koch beweist einmal mehr sein Talent für ambivalente Figuren.
Der ruhige und oftmals melancholisch anmutende Score ist ebenso stimmungsvoll wie einige Außenaufnahmen und auch Ausstattung und Kostüme sind positiv hervorzuheben.
Insofern wird von Beginn an eine Authentizität geschaffen, die bis zuletzt nicht mehr loslässt und mit der einmal mehr verdeutlicht wird, welch unfassbare Ideologien unter den Nationalsozialisten umgesetzt wurden. Sehr starker Film, emotional wuchtig und in jeder Hinsicht eine uneingeschränkte Empfehlung.
9 von 10