Review

„Konrad aus der Konservenbüchse“ und „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ sind die wahrscheinlich bekanntesten Verfilmungen von Christiane Nöstlingers Romanvorlagen. Der autobiografische „Maikäfer flieg“, welcher die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs aus der Ich-Perspektive schildert, birgt natürlich die Gefahr einer Verharmlosung, was Regisseurin Mirjam Unger jedoch relativ geschickt umgeht.

Die achtjährige Christine (Zita Gaier) erlebt im Frühling 1945, wie das Elternhaus bombardiert wird. Ihre Mutter erhält das Angebot, in einer Nazi-Villa in Neuwaldegg unterzukommen, wo schon bald ihr desertierter und am Bein verletzter Vater (Gerald Votava) auftaucht.
Kurz darauf treffen russische Besatzer ein, deren Unberechenbarkeit im Wodkarausch gefürchtet ist. Doch Christine freundet sich rasch mit dem jüdischen Koch Cohn an…

Der Streifen macht es Zuschauern nördlich von Bayern nicht gerade leicht, die Dialoge im Detail zu verstehen. Der Dialekt sorgt zwar für Authentizität, erfordert allerdings eine erhöhte Aufmerksamkeit.

Diese ist aufgrund der kindlichen Sichtweise auf die Dinge jedoch gegeben, denn Christine kann sich nicht an eine Zeit ohne Krieg erinnern und genießt innerhalb der alltäglichen Schrecken das Gefühl von Freiheit und Abenteuer und will nicht zurück in „diese Scheiß Schule“. Das Mädchen ist eigensinnig und trotzig, jedoch auch schlau und hilfsbereit und vor allem neugierig. Während sich die Bewohner der Villa vor der russischen Roten Armee fürchten, läuft Christine unbefangen zwischen den Besatzern umher und interessiert sich vor allem für den Außenseiter Cohn, der mit seinem gebrochenen Deutsch als zweiter Sympathieträger fungiert.

Neben diesen beiden bleiben viele Figuren etwas zu schwach gezeichnet, was zwar einerseits der kindlichen Sichtweise geschuldet ist, doch andererseits wird diese ab und an aufgehoben, jedoch kaum für eine nüchterne Betrachtung der Dinge genutzt, was insgesamt ein wenig unausgegoren daherkommt. Ähnlich verhält es sich mit der Kamera, welche oft die Sichtweise von Christine auf Augenhöhe annimmt, dann jedoch Szenen außerhalb ihres Sichtfeldes aufgreift, die dem Geschehen allerdings kaum neue Facetten verleihen.

Überdies lässt sich Unger Zeit mit der Erzählung, welche beinahe kapitelartig anmutet. Das daraus resultierende Zeitportrait fördert kaum spannende Momente zutage, obgleich unnötige Rührseligkeiten ausgeklammert werden. Allerdings kommt es gelegentlich zu charmanten Auflockerungen, während im letzten Drittel verstärkt auf das Menschliche innerhalb einer unmenschlichen Zeit eingegangen wird, was Christine eindeutig symbolisiert, da sie frei von Vorurteilen ist und unbefangen auf jeden zugeht.

Zita Gaier ist als Christine treffend besetzt und performt sehr stark, vor allem die auflockernden Momente liegen ihr. Ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlässt Gerald Votava als besonnener Vater, welche überaus nuanciert agiert. Ohnehin sind keine Ausfälle zu verzeichnen und eine Krista Stadler ist selbst in einer Nebenrolle eine Bereicherung fürs Ensemble.

Letztlich liefert Unger eine unterhaltsame Umsetzung der literarischen Vorlage, welche die kindliche Perspektive nicht immer konsequent aufbereitet, in vielen Belangen jedoch Sympathiepunkte aufgrund einiger skurriler Situationen einheimst.
Toll ausgestattet und handwerklich solide in Szene gesetzt, bieten sich mit „Maikäfer flieg“ Betrachtungsweisen, die in gewisser Hinsicht stellvertretend für diese Generation ist, welche Fremdartigem vorbehaltlos gegenübertritt. Keine verkehrte Botschaft…
7 von 10

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