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Der Geschäftsmann George Tanner (Brian Keith) befindet sich bei dem Yakuza Boss Toshiro Tono (Eiji Okada) mit einer größer angelegten Waffenlieferung im Verzug. Als Druckmittel entführt der Mafioso dessen Tochter und droht damit, sie bei weiterer Verzögerung zu töten. Tanner, der früher selbst als Militärpolizist in Japan stationiert war, bittet seinen ehemaligen Kollegen und guten Freund Harry Kilmer (Robert Mitchum) um Hilfe. Die beiden reisen nach Japan und suchen dort den ehemaligen Yakuza Ken Tanaka (Ken Takakura) auf, der Harry noch einen Gefallen aus vergangenen Nachkriegstagen schuldet und sie nun bei der Konfliktlösung unterstützen soll. Gleichzeitig trifft Harry seine alte Liebe Eiko Tanaka (Keiko Kishi), die Schwester Kens, wieder und ist, wie damals in den 50ern, hin- und hergerissen zwischen seiner Leidenschaft für jene Frau und der Befangenheit, niemals die durch eine feste Bindung enstehende Missgunst Kens abwenden zu können.

Ya-Ku-Za ist die dialektale Aussprache der japanischen Zahlen 8, 9 und 3. Diese Kombination gilt bei dem fernöstlichen Kartenspiel Hanafuda als vollkommen wertlos. So sehen sich auch die Angehörigen der japanischen Mafia, der Yakuza, als Wertlose innerhalb der Gesellschaft. Dies geschieht allerdings nicht aufgrund einer gesunden Selbstkritik, sondern mit einer Art „perversem Stolz“ (wie es in der Titelsequenz des Films beschrieben wird). Traditionell kamen die Yakuza in der Edo-Ära (1600-1868) aus den niederen Kasten, sprich Bauern, Handwerker und vor allem Kaufleute. Ihrer eigentlichen sozialen Unterlegenheit widersprechend, begannen die Yakuza innerhalb ihres Familienverbandes einen Ehrenkodex aufzubauen, der dem Bushido, dem Lebensweg der Samurai, in vielen Bereichen erstaunlich ähnelt.

Der Film beschreibt diese verschiedenen Vorstellungen von Ehre, Verpflichtung, Stolz und hierachischer Struktur innerhalb einer Gemeinschaft. Für den Kriegsveteranen und ehemaligen Yakuza Ken gibt es keinen schlimmeren Zustand, als einem Amerikaner (und damit dem „Feind“) gegenüber verpflichtet zu sein. Harry hatte seine Schwester einst in den Wirren der Nachkriegszeit vor dem Tod bewahrt und hat damit Kens „Giri“ erworben, die moralische Verpflichtung, ewig in Harrys Schuld zu stehen, bis ein angemessener Ausgleich erbracht werden konnte. Harrys junger Kompagnon Dusty stellt im Laufe des Films einmal fest, dass Ken nicht besonders erfreut über den unerwarteten amerikanischen Besuch ist und fragt Harry, warum er ihm in so einer ernsten Angelegenheit dennoch vertraut. Die schlichte Antwort lautet : „Giri“. Dies zeigt, wie unantastbar solch ein Wertmaßstab für einen traditionsbewussten Menschen wie Ken ist, der sich selbst als „Krieger“ betrachtet, der verantwortlich für die Niederlage seines Landes war.

Die Thematik des Films zeigt viele Parallelen zum japanischen Genre ninkyō, einem Subgenre des Yakuza-Films. Zentrales Element hierbei ist stets der Zwiespalt der Akteure zwischen besagtem Giri und dem Ninjō, der Pflicht einem guten Freund in Notlagen beizustehen. Harrys Ninjō und Kens Giri lassen den Zuschauer damit zwei grundlegende Punkte der japanischen Moral- und Wertvorstellung begreifbar machen. Normalerweise sind die Filme des ninkyō bekannt für eine extreme Ansammlung von Klischees und unrealistisch wirkender Dramatik. Besondere Popularität fand dieses Genre in den 50er Jahren, weil es abseits vom verlorenen Krieg und dem allgemein feststellbaren Wertverfall funktionierte und ein Loblied auf alte Traditionen inszenierte. Und genau hier löst sich The Yakuza vom ninkyō, die Traditionen schnüren die Figuren geradezu ein. Eiko ist nicht in der Lage Harry zu heiraten, weil sie weiß, dass sie bei Ken daraufhin in Ungnade fallen würde. Ken darf Harry seine Bitte nicht ausschlagen, obwohl er die Yakuza vor 10 Jahren verlassen hatte und seine gesamte Existenz gefährdet, indem er sich erneut in die Angelegenheiten der Unterwelt einmischt. Harry schließlich fühlt sich gegenüber seinem Freund George verpflichtet und riskiert für ihn sein Leben und seine Liebe zu Eiko.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal geht der Film sehr ähnliche Wege wie seine japanischen Pendants, was sicher nicht zuletzt an der kühlen Ästhetik von Kameramann Kozo Okazaki liegt. Interessanterweise scheint sich Regisseur Sydney Pollack auch direkte Vorbilder gesucht zu haben, um seine Dekonstruktion verquerer Wertvorstellungen zu inszenieren. So erinnert der Showdown auf dem Anwesen des Yakuza, der Georges Tochter entführte, an die Filme Seijun Suzukis, vor allem an dessen „Kanto Wanderer“. Hierbei ist zu erwähnen, dass es gerade dieser Film war, der Suzukis Wendepunkt vom schlichten Auftragsfilmer zum freien (wenn auch weiterhin an das Studio Nikkatsu gebundenen) Regisseur darstellte. Es war der erste Beitrag zum ninkyō-Genre, in dem auch die Kehrseite der Medaille gezeigt wurde und die Yakuza teilweise sogar lächerlich erschienen, als anachronistische Verirrte, die den Umbruch der alten Zeiten mit aller Macht zu verhindern versuchten. Hierbei fällt nicht nur die äußerliche Ähnlichkeit Takakuras und dem Kanto Wanderer Chieko Matsubura ins Auge, wenn sie ihren Feldzug mit dem Katana gegen eine Übermacht an Gegnern bestreiten, sondern vor allem die für Suzuki typischen schnellen Schnitte und sogar Jump Cuts während energiegeladener Actionsequenzen. Auch das Ende der beiden Filme zeigt interessante Parallelen, wenn es nach dem aktionsreichen Showdown noch eine gute Viertelstunde weitergeht, weil der Schwerpunkt eindeutig auf den Emotionen der Protagonisten und nicht auf ihren kämpferischen Auseinandersetzungen liegt.

Was den Film zu einem wahrhaft gelungenen Beitrag zur East-meets-West-Thematik macht, ist seine Verständlichkeit für ein westliches Publikum, ohne dabei zu sehr zu vereinfachen oder gar in vorurteilsbeladene Klischees abzurutschen. Die elegante, amerikanische Erzählweise trifft dabei auf eine oft sehr japanisch wirkende Inszenierung mit langen, ruhigen Einstellungen, die von hektisch geschnittenen Actionszenen unterbrochen werden. Auch wenn Begriffe wie Giri und Oyabun (der „Vater“ einer Yakuza Organisation, der die untergebenden Kobun anführt) Erwähnung finden, ist es nicht deren reine Nennung bzw. Übersetzung, die dem Publikum verständlich macht, worum es sich dabei handelt. Es sind die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren, deren befangenes Agieren, ihre empfundene Beklemmung, die von diesen Begriffen bestimmt werden. Als Zuschauer muss man nicht den genauen Hintergrund und Ablauf des Yubitsume (das rituelle Abschneiden des kleinen Fingers als Zeichen der Sühne bei den Yakuza) kennen, um zu verstehen, warum Harry zum Schluss so handelt und warum er sich gegenüber Ken so sehr in der Schuld sieht. Ein kleiner Wehrmutstropfen bei dieser Art der Herangehensweise ist natürlich, dass man durch die geringere Vorbildung des Publikums, die Genregrenzen nicht so rigoros sprengen kann, wie es Suzuki oder auch Fukasaku bei ihren Werken getan haben. Der westliche Zuschauer würde die Bedeutung vieler Zusammenhänge aufgrund der Unkenntnis traditioneller ninkyō Filme und der japanischen Lebensphilosophie schlicht nicht verstehen, wenn man ihn mit einer zu gewagten Dekonstruktion überfährt.

Neben Robert Mitchum und Brian Keith, die sowieso jedem bekannt sein dürften und die ihre Parts mit Bravour meistern, ist vor allem die Wahl der japanischen Darstellerriege erstaunlich gut ausgefallen. Ken Takakura hat genauso in den traditionellen Vertretern des Yakuza Eiga wie auch in den rebellischen Werken Fukasakus mitgewirkt. Seine Rolle des gebrochenen „Kriegers“, der nun seine Existenz erneut aufs Spiel setzt, um seinem eigentlichen Feind gegenüber die seit Jahrzehnten währende Schuld zu begleichen, ist wahrscheinlich die entscheidenste und beste Darstellung des Films. Keiko Kishi, die in großen Werken Kobayashis und Ozus mitgespielt hat, und der großartige Eiji Okada (bekannt aus „Die Frau in den Dünen“) runden dieses Staraufgebot aus beiden Teilen des Erdballs ab.
Als The Yakuza produziert wurde, handelte es sich um das teuerste Originaldrehbuch, das jemals veräußert wurde, ganze 325.000$ wurden gezahlt. Gerade einmal mit 20% davon musste sich Leonard Schrader begnügen, obwohl heutzutage niemand bestreitet, dass er der eigentliche Hauptautor des Skripts ist. Durch seinen mehrjährigen Aufenthalt in Japan und seine Bekanntschaft zu einigen Angehörigen der Yakuza, verfügte er als einziger der Autoren über das nötige Hintergrundwissen, um diese Geschichte von Schuld und Sühne in einem den meisten Amerikanern fremden Land zu erzählen. Sein Bruder Paul und der damals bereits sehr erfolgreiche Robert Towne werden dennoch einiges dazu beigetragen haben, dass unter der Regie von Sydney Pollack ein Film wie The Yakuza entstehen konnte. Ein stilvoller Thriller, der meisterlich inszeniert ist, mit jederzeit glaubwürdigen Darstellern glänzt und uns gleichzeitig eine fremde Kultur auf verständliche und trotzdem tiefgründige Weise näherbringt. Leider erhält der Film wesentlich weniger Anerkennung als ihm eigentlich zuteil werden sollte. Obwohl er wahrscheinlich den Zenit des East-meets-West-Filmphänomens darstellt und dabei gleichermaßen als spannender Krimi, wie auch als psychologische Charakterstudie funktioniert.

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