„Hannover ist die Stadt, in der die Männer ihre Frauen an der Leine spazieren führen.“
Für seinen im Jahre 2016 erschienenen abendfüllenden Dokumentarfilm besuchten Till Harms und sein Team zehn Tage lang die Staatliche Schauspielschule Hannover – nicht etwa als Schüler, sondern als Beobachter sowohl der Aspirantinnen und Aspiranten der Aufnahmeprüfung als auch der neun Prüferinnen und Prüfer, die über die weitere Karriere ihrer Prüflinge entscheiden und aus insgesamt 687 Bewerberinnen und Bewerbern diejenigen zehn herausfiltern müssen, die einen der begehrten Plätze an der Schule erhalten.
„Es gibt eben mehr begabte Frauen als begabte Männer.“
Neben diversen fiktionalen Spielfilmen existierte mit „Die Spielwütigen“ aus dem Jahre 2004 bereits zuvor ein Dokumentarfilm zum Thema, den ich jedoch nicht kenne und deshalb auch keine Vergleiche ziehen kann.
„Wir suchen nach den Überlebenden des Schulsystems…“
Ohne jeglichen Voice-over-Kommentar und zunächst ohne Prüflinge oder Prüfer mit Namen oder Hintergrundinformationen vorzustellen, reiht der Film einzelne Momentaufnahmen des Auswahlprozesses chronologisch aneinander. Das beginnt mit der telefonischen Information derjenigen, die zur Prüfung eingeladen werden, geht über zahlreiche Ausschnitte verschiedener Vorspiel- und Prüfsituationen und endet mit den Entscheidungen innerhalb der Prüfungskommission. Sowohl Prüflinge als auch Prüfer geben dabei hin und wieder Kommentare und Statements direkt in die Kamera ab. Im Laufe der Zeit erfährt man dann doch noch Namen und Ressorts der Prüferinnen und Prüfer, von den Prüflingen erfährt man hin und wieder zumindest die Namen. So lernt man die agierenden Personen beider Seiten nach und nach ein wenig kennen und entwickelt ein Gespür sowie unterschiedlich gewichtete Sympathien für sie.
Mit Erklärungen hält sich „Die Prüfung“ aber bis zum Ende weitestgehend zurück. Handelt es sich bei den Auftritten der Prüflinge jeweils um gelernte oder um improvisierte Texte und Situationen? Was genau versucht die Kommission wodurch genau herauszufinden, worauf achtet sie besonders? Wofür wird überhaupt gesucht – Theater, Film oder beides? Rückschlüsse darauf lässt der Film nur selten zu, in erster Linie in der Runde am Ende, in der die Prüflinge ihre Pro- und Contra-Entscheidungen zumindest zum Teil begründen. So nimmt man als Zuschauerin oder Zuschauer exakt dieselbe beinahe teilnahmslos beobachtende Position wie die Kamera ein und ist gezwungen, sich einen eigenen Reim auf das Gesehene zu machen.
Dies wiederum kann durchaus Spaß bereiten, denn so lassen sich aus sicherer Entfernung vom heimischen Sessel aus die Leistungen gerade alles gebender Schauspielaspirantinnen und -aspiranten beurteilen oder lässt es rätseln, wie dieses oder jenes bei der Kommission wohl gerade ankommt. Erfährt man das dann im Anschluss, ist es manchmal schwer nachvollziehbar. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem eine Szene, in der eine Anwärterin eine Extremsituation spielen soll und in diesem Zuge sehr aggressiv aus sich herauskommt – was einer Prüferin dann „zu privat“ gewesen sei. Bei mir überwog angesichts der Strapazen, die den Prüflingen abverlangt werden, das Glücksgefühl, nicht selbst in der jeweiligen Situation zu stecken und kaum schauspielerische Ambitionen zu haben. Zu meinen persönlichen Eindrücken zählt aber auch, dass die Vorauswahl der Prüflinge offenbar recht gut verlaufen ist, denn aus Castingshows und ähnlichem gewohnte Fremdschammomente waren eher rar gesät. Die meisten Prüflinge wussten offenbar, was sie taten, hatten tatsächlich Talent und waren gut vorbereitet. Chargiert wird natürlich trotzdem kräftig!
Ansonsten wird viel geraucht, und seien es nur die Köpfe der interessanterweise grundverschiedenen Kommissionmitglieder, die gegen Ende in bemerkenswerter Offenheit die Vergabe der offenen Plätze diskutieren. Und wer sich die Mühe macht, die aufgeschnappten Namen der Bewerberinnen und Bewerber einmal in die Suchmaschine oder Filmdatenbank seiner Wahl einzugeben, wird feststellen, dass die meisten ihren Weg in die Schauspielerei gefunden haben – nur eben nicht immer zwingend dort, wo die Männer ihre Frauen… ihr wisst schon.