Spiel mit dem Feuer
Paul Verhoeven is back! Und mit was für einem frechen Feuerwerk! Selten schrie jemand im Kino lauter als die Frau zwei Reihen vor mir, lange habe ich in einem Thriller nicht mehr so laut gelacht, Jahre sah ich keine bessere Schauspielleistung mehr als die der Huppert, mein Herz klopfte oft genug im Dreieck. "Elle" ist ein spätes Verhoeven-Meisterstück, wie es momentan nur er kann. Seit George Miller hat kein Regieopi mehr so aufgedreht. Er hat es noch immer faustdick hinter den Ohren. "Elle" ist Eurokino der Superlative, das Hollywood mal ganz alt & brav aussehen lässt. Dagegen wirkt selbst ein "Gone Girl" wie die Sesamstrasse.
Erotikthriller, dunkle Komödie, Gesellschaftskritik, Familiendrama, Charakterstudie - "Elle" lässt seine nicht kurze Spielzeit mit einem aufregenden Cocktail wie im Flug vergehen. Jede Einstellung ist spannend oder köstlich böse, jede Szene legt weitere Fragezeichen, Möglichkeiten & mehr Interesse frei. Es geht um eine eigentlich sehr starke Frau mittleren Alters, die missbraucht wird in ihrem Haus & dies jedoch erstmal geheimhält, sich auf ein makaberes Spiel mit Reizen, der Gefahr & tiefsten Sehnsüchten einlässt...
Hervorragend gespielt von allen Beteiligten, vom immer genialen Christian Berkel bis zu Anne Consigny als treueste Freundin. Doch es bleibt die Isabelle Huppert-Show. Was diese Grand Dame des europäischen Kinos hier abreisst, macht sprachlos. "La La Land" & Emma Stone haben mich verzaubert, aber das hier ist Kunst des Spielens auf einem anderen Niveau. Der Oscar hätte ihr gehören & "Elle" hätte allgemein noch mehr Aufmerksamkeit erregen müssen. Allein wegen Isabelle, die sich hiermit endgültig zur Legende spielt & in eine extrem schwierige Rolle ihr unendliches Talent & Charisma & Sexappeal legt. Berechnend, tiefgründig, traurig, verletzt, stark. Da gehen einem Adjektive & Superlative aus. Verhoeven & Huppert - das passt wie die Faust aufs Auge. Nicht frauenfeindlich, sondern auch männerfeindlich. Menschenfeindlich. Weltfeindlich. Und trotzdem mit dem Genug an Hoffnung, selbst in den unfassbarsten menschlichen Abgründen.
Überraschend lustig, abstoßend sexy, aufregend spannend - "Elle" fasziniert. Für mich ist das noch besser als "Basic Instinct". Die Auflösung des Rätsels, wer denn nun der Vergewaltiger ist, kommt vielleicht etwas früh, doch der Film bietet ja noch so viel mehr als nur diese Fragestellung. Tiefste Psychologie, von der vielleicht besten arbeitenden Schauspielerin unangenehm intensiv nahegebracht. Allein für eine Dinnerszene mit dem gesamten Hauptcast könnte ich niederknien. Da verzeihe ich sogar, dass ich Isabelle die Videospielentwicklerin nicht ganz abgekauft habe. Lustig ist aber, wenn man das dargestellte Game selbst gezockt hat. Ich hoffe auf weitere Filme des perversen Altmeisters aus Holland!
Fazit: Verhoeven ist mit Ende 70 unverschämter, krasser & überraschender als die meisten seiner 20-jährigen Kollegen. "Elle" ist ein perfides Vexierspiel voller doppelter Böden. Ein Denkmal von/an Isabelle Huppert. Hochspannungskino das alle Körperflüssigkeiten zum Glühen bringt. Provokant, mutig, positiv krank.