Entweder man hat es drauf, oder man hat es nicht drauf. Jerry O'Sullivan versuchte sich 1997 mit Gut-Pile an einem Rip-Off von bzw. einer Hommage an Sam Raimis Kultklassiker The Evil Dead (Tanz der Teufel, 1981), und obwohl sein Film kein Totalausfall und recht unterhaltsam ist, muß man O'Sullivan leider attestieren, daß er es nicht draufhat. Bereits zwei Jahre zuvor, 1995, nahm Shinichi Fukazawa in Japan ein ähnliches Projekt in Angriff. Es sollten mehr als ein Dutzend Jahre vergehen, bis sein Film fertig gestellt werden konnte, und weitere drei Jahre, bis er endlich veröffentlicht wurde. Das lange Warten hat sich gelohnt, denn Fukazawa hat es drauf. Wenn man sich beide Filme hintereinander ansieht, fallen die teils gravierenden Unterschiede sofort ins Auge. Gut-Pile imitiert den Stil von The Evil Dead technisch ganz okay, jedoch ohne Sinn, Verstand und Herz. Jigoku no chimidoro massuru birudâ huldigt The Evil Dead, ohne ihn allzu dreist zu kopieren, beschreitet gleichzeitig eigene Wege und fügt neue, tolle Ideen hinzu, sodaß man dem Film trotz vieler Parallelen seine Eigenständigkeit nicht absprechen kann. Und er hat das Herz am rechten Fleck, was den Sympathiewert gleich wesentlich in die Höhe schnellen läßt.
Die Geschichte beginnt mit dem Streit eines Paares, der völlig eskaliert, nicht zuletzt, weil die Frau offensichtlich einen an der Klatsche hat. Mit einem Messer geht sie in mörderischer Absicht auf ihren Liebhaber los, doch beim folgenden Gerangel ist sie es selbst, die die Klinge zu spüren bekommt, welche sich tief in ihre Brust bohrt. Was tun? Der Plan ist einfach. Dielenbretter auf, tote Frau rein, Dielenbretter zu. Es gibt nur einen Haken bei der Sache: Die Frau ist weder tot noch gibt sie auf. "You belong to me", kräht sie, bevor der Mann mit ein paar festen Schlägen mit der Schaufel das Problem aus der Welt schafft. Dreißig Jahre später. Die junge Journalistin Mika (Masaaki Kai) geht mysteriösen Erscheinungen auf den Grund, und durch ein ominöses Geisterphoto wird sie auf das alte, verfallene und seit Jahrzehnten leerstehende Haus, in dem sich damals das Drama abspielte, aufmerksam. Mit ihrem bodybuildenden Ex-Freund Naoto (Shinichi Fukazawa), dem Sohn des mittlerweile verstorbenen Besitzers, und einem professionellen Medium (Asako Nosaka) beginnt sie, das Haus zu erkunden. Das Medium spürt sofort die Präsenz einer Frau und versucht sogleich, diese zu beschwören. Unglücklicherweise hat er damit auch Erfolg.
Jigoku no chimidoro massuru birudâ ist ein kruder Retro-Horrorstreifen par excellence. 1995 gedreht, fühlt er sich an, als stamme er aus den frühen Achtzigern, wurde ein paar Mal von Videokassette zu Videokassette überspielt (die Bildqualität ist tatsächlich so schaurig-schlecht wie bei den 3rd- oder 4th-Generation-Kopien von seltenen Filmen, mit denen ich vor vielen, vielen Jahren meinen Videorekorder fütterte) und anschließend in einem Keller gelagert und vergessen. Bis man ihn irgendwann gefunden hat. Keine Ahnung, ob die schlechte Bildqualität ein gewolltes Stilmittel ist oder ob sie sich einfach aufgrund des nicht vorhandenen Budgets ergeben hat, aber der schrägen Stimmung, wie wenn ein verbotener Film an der Zensur vorbeigeschmuggelt worden wäre, kommt sie fraglos zugute. Sind die ersten zehn, zwanzig Minuten noch sehr ruhig und zurückhaltend inszeniert, sodaß man sich eher an einen gewöhnlichen J-Geisterhorror-Gruselstreifen denn an ein dämonisches Gorefest erinnert fühlt, so ändert sich dies dann komplett, sobald der ruhelose Geist von einem Körper Besitz ergriffen hat. Und wie wir seit The Evil Dead wissen, ist der einzige Weg, den Besessenen zu stoppen, das gnadenlose Zerstückeln seines Körpers.
Und da geht dann auch die Post ab! Es wird geschlitzt und gehackt, geschossen und geschlagen, die Gliedmaßen fliegen, das Kunstblut spritzt, und dennoch will der besessene Körper einfach keine Ruhe geben! Fukazawa inszeniert das ungemein launige Gemetzel als trashig-campiges, verblüffend abwechslungsreiches Blutbad, das man keinesfalls ernst nehmen kann. Spätestens wenn sich diverse Körperteile selbst zusammenbasteln, wie z. B. ein Kopf und eine Hand (und die Kopfhand dann wie eine Spinne herumkrabbelt), kann man sich ein Grinsen kaum verkneifen. Horror und Slapstick, Irrwitz und Fun-Splatter geben sich da munter die Klinke in die Hand und bescheren dem Zuschauer eine geile Zeit (in diesem Falle eine gute Stunde), die wie im Flug vergeht. Fans der seligen Achtziger werden sowohl vom lockeren Ton als auch von den saftig-billigen Spezialeffekten begeistert sein. Schräge Masken, eingefügte Bilder, gut gemixtes Kunstblut und ekliges Gekröse, liebevoll fabrizierte Körperteile, ja, sogar die gute alte Stop-Motion-Technik kommt ein klein wenig zum Einsatz. "Groovy", wie Ash sagen würde, wobei Regisseur Fukazawa als japanische, muskelbepackte Ausgabe des Evil Dead-Helden eine durchaus gute Figur macht.
Von den etwas seltsam anmutenden Titeln Jigoku no chimidoro massuru birudâ bzw. Bloody Muscle Body Builder in Hell sollte man sich also keinesfalls abschrecken lassen, zumal sie ja irgendwie auch ihre Berechtigung haben. Schließlich geht es sehr blutig zu, der Held ist ein Bodybuilder mit ansehnlich antrainierten Muskeln, und das, was im Haus abgeht, nimmt tatsächlich beinahe höllische Ausmaße an. Außerdem ist die Bodybuilding-Thematik kein belangloser Gimmick, sondern spielt im Kampf gegen die böse Macht eine entscheidende Rolle. Dieses japanische Retro-Gorefest ist einfach ein großer, charmanter Spaß und beweist eindrucksvoll, daß man mit Talent, Kreativität und Leidenschaft auch ohne nennenswertes Budget etwas richtig Tolles aus dem Boden stampfen kann. Wer Filme wie Sam Raimis The Evil Dead, Peter Jacksons Bad Taste (1987) oder Lam Nai-Chois Lik Wong (Story of Ricky, 1991) mag, der wird auch mit Jigoku no chimidoro massuru birudâ seine helle Freude haben, dessen bin ich mir sicher.