Review

Power to the People!

Wie oft hat man das schon in irgendwelchen halbtrashigen Auswandershows oder halbguten Reportagen gesehen - Leute, die sich aus der gewohnten Zivilisation zurückziehen & ihre Kinder selbst groß ziehen, unterrichten & aufs Leben vorbereiten. Meist mit minderwertigen bis chaotischen Ergebnissen. In "Captain Fantastic" verfolgen wir gebannt einen Vater & sein halbes Dutzend Kinder, wie er mit ihnen im Wald wohnt, trainiert, lebt. Die kleine sozialistische Bande ist aber keineswegs hinterwäldrig oder zurückgeblieben - ganz im Gegenteil. Egal ob sportlich, geschichtlich oder wissenschaftlich, die besondere Familie ist in jeder Beziehung außergewöhnlich, begabt & weit fortgeschritten, alles große Charaktere. Als dann eines Tages die Meldung kommt, dass ihre geliebte, psychisch angeschlagene Mutter sich umgebracht hat (während sie in einer Reha zurück in die Zivilisation musste), macht sich die Truppe von Revoluzzern & charmanten Hippies auf zur Beerdigung, wo sie von der restlichen Familie gar nicht freundlich empfangen werden & arge Probleme mit der amerikanischen Gesellschaft bekommen... Oder andersrum ;)

"Captain Fantastic" ist ein Familiendrama mit herzlichen Humoreinschüben & einem überragenden Cast. Ein Mix aus "Little Miss Sunshine" & "The Descendents", der zu den kleinen Perlen des Kinosommers gehört, nicht nur wenn man auf die etwas kleiner budgetierten Produktionen oder gar Indies steht. Die Familie Cash & deren Reise, viel eher mental als mit ihrem schrulligen Bus, steht hier in jeder Hinsicht im Mittelpunkt. Viggo Mortensen fügt seiner ohnehin schon illustren Mappe an Performances eine weitere hervorragende hinzu. Aber im Endeffekt bietet jedes einzelne Mitglied, egal ob noch ein kleines Kind oder schon fast erwachsen, egal ob kletterbegabter Rotschopf oder aufmüpfiger Halbstarker, eine Leistung, die im Kopf bleibt. Von süß bis raffiniert oder unerfahren - jedem der Cashs wird genug Zeit gegönnt & mindestens eine sehenswerte Szene, mehrere kultige Lines. Action gibt es wenig & der Plot wandert äußerlich etwas auf der Stelle, dafür entschädigen wundervolle Aufnahmen grüner Wälder oder des Roadtrips als emotionales Eyecandy. Plus ist das Ganze wie gesagt eher als Reise des Geistes & Aufeinandertreffen der Philosophien zu verstehen, mit klarem Statement für die Freiheit, die Individualität & gegen das westliche, stark eingeschränkte & hier oft fast schon minderbemittelt wirkende System. Nicht zu sehr gegen Staat & Obrigkeit, aber Marx & Co. wären sicher nicht selten stolz. Und das aus Hollywood...

Zwar wird dies in Witzen oder ironischen Kleinigkeiten über Fettleibigkeit, Konsumwahn oder das Bildungssystem, über wahre Schlauheit, Menschlichkeit & pures Glück clever verpackt, doch genau diese etwas linkslastige, aber sicher nicht einseitige Message ist es, die hängen bleibt. Darüber denkt man noch lange nach & die Wirkung des Films ist ernster, als es sein leichter Ton oft vorgaukelt. Eine vorzügliche Mischung aus Leichtigkeit, Familienliebe & Sozialkritik. Gegen Ende rudert der Film dann doch noch etwas zurück, dreht sich vielleicht sogar im Kreis, doch erstens kann man das als Offenheit, Kompromiss & Treffen in der Mitte sehen & zweitens macht das den Film etwas nuancierter, realistischer & weniger einseitig/voreingenommen. Zurück bleiben außerdem noch ein paar Gänsehaut-Songs, die bezauberndste Familie des Filmjahres & eine Feel-Good-Stimmung mit mutigen Tipps für den eigenen Alltag, das eigene Glück & den eigenen Lebensweg. Und das nur selten kitschig, aufgezwungen oder übererklärt - und spätestens wenn mir ein Film an mehreren unterschiedlichen Stellen Tränen entlockt, bei denen man noch nichtmal weiß, ob es welche der Freude oder der Trauer sind, dann hat er für mich gewonnen. 

Fazit: Clash der Kulturen - wunderschöne Reise einer Familie, die außerhalb der Gesellschaft steht, aber uns so weit voraus ist. Ein bravuröses Semi-Märchen & klasse Sozialkritik, wenn auch nicht immer so komplett im Gleichgewicht mit sich selbst wie seine Figuren.

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