Obgleich der Titel auf den ersten Blick etwas anderes vermuten ließe, handelt es sich nicht um die Verfilmung einer Comicheldengeschichte. Wobei, nicht nur Helden benötigen zwischendurch eine Auszeit, andere steigen gar komplett aus und kehren dem routinierten, zivilisierten Dasein den Rücken. Leben in der Wildnis, eins mit der Natur zu werden, - was bei einem einzelnen Aussteiger funktionieren mag, wird dann zum Problem, sobald Verantwortung für eigene Kinder ins Spiel kommt, wie Autor und Regisseur Matt Ross veranschaulicht.
Seit rund zehn Jahren lebt Ben (Viggo Mortensen) mit seinen sechs Kindern in den Wäldern von Washington, gibt ihnen Unterricht, lehrt sie die Gesetze der Natur und hält sie körperlich fit. Als seine psychisch labile Frau Selbstmord begeht, reist die Sippe zur Trauerfeier nach New Mexiko. Da sind Konflikte mit dem angepassten Leben vorprogrammiert…
Einige Zeit stehen einzig und allein die Selbstversorger im Mittelpunkt. Der Älteste erlegt kurz und schmerzlos einen Hirsch, es gibt Nahkampftraining, jedoch auch eine Jam Session am Lagerfeuer. Ben besteht zwar auf Einhaltung vieler Regeln, doch kommt er nicht wie ein übermäßig strenger Pädagoge daher, zumal die Zöglinge zufrieden wirken und ihnen Raum für Kreativität gelassen wird. Dadurch erscheint das Leben unter freiem Himmel (wahlweise auch in einem geräumigen Campingbus) beinahe glorifiziert, wäre da nicht eine angebrochene Hand beim Klettern, welche schlicht bandagiert wird, bevor es zur nächsten Übung geht.
Als die Familie während ihrer Reise zunächst bei Bens Schwester einen Zwischenstopp einlegt, werden die Kontraste teilweise mit der Brechstange hervorgehoben: Konsolenspiele gegen Schießtraining unter freiem Himmel, Bens Achtjährige kennt die „Bill of Rights“ und vermag diese mit eigenen Worten zu erläutern, wogegen bestimmte Markenschuhe genauso wenig ein Begriff sind wie Cola („Giftiges Wasser“). Dass die Kids nur durch Wälzen von Literatur sechs Sprachen beherrschen, wirkt natürlich genauso überzogen wie die Luxusvilla des Schwiegervaters (Frank Langella).
Bei alledem kommt der Humor jedoch nicht zu kurz, etwa, als der Akt des Geschlechtsverkehrs erklärt („aber…da kommt Pippi raus“) oder der Geburtstag des Idols Noam Chomsky zum Feiern vorverlegt wird. Bei der ernsten Grundthematik und vielen nachdenklich stimmenden Unterthemen entstehen dadurch Momente, die einerseits aufheitern und andererseits betroffen machen.
Beispielhaft sind hierfür Szenen, als der Älteste ein Mädchen kennen lernt und ihr noch am Ende des ersten Abends einen aufrichtig gemeinten Heiratsantrag macht. Einstellungstests für jede Elite-Uni bestanden, doch Konversation mit einem gleichaltrigen Mädchen ist kaum möglich.
Obgleich die Geschichte im letzten Drittel das Potential nicht voll ausschöpft und mit einer halbgaren Lösung zwischen den Extremen aufwartet, stimmt das Gesamtergebnis überaus zufrieden. Im Audiovisuellen überzeugen ein paar wunderbare Landschaftsaufnahmen, während der überwiegend ruhige Score innerhalb der emotionalen Momente zu punkten weiß.
Darstellerisch sticht primär Mortensen positiv hervor, jedoch können auch die jüngeren Mimen durch die Bank überzeugen.
Man mag dem Stoff eine mangelnde Ambivalenz ankreiden, jedoch versteht es Ross, Tragik und Komödie zu einem runden Gesamtbild zu formen, welches innerhalb der zwei Stunden hervorragend unterhält und einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
8 von 10