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Stirb an einem anderen Tag / Die another Day


Die Welt ist nicht genug-Regisseur Michael Apted war im Vergleich zu seinen 90er 007-Kollegen wahrscheinlich der talentierteste Filmemacher, schließlich hatte er bereits solche Filme wie Gorky Park oder Gorillas im Nebel in Szene gesetzt. Da aber selbst dieser Umstand keinen positiven Effekt auf den Output hatte, durfte wieder ein relatives Leichtgewicht ran: der Neuseeländer Lee Tamahori. Dieser darf sich beim ersten Agentenauftrag des neuen Jahrtausends zumindest damit rühmen, gegenüber seinen 3 Vorgängern dem Film eine eigene Note verpasst zu haben. Dass aber eigenartig nicht mit einzigartig zu verwechseln ist, wird mit diesem abermals unausgegorenen Machwerk unterstrichen.

Der altbekannte Pistolenlauf erscheint. Bond kommt von rechts. Der rasante Dreher zum Beobachter und es kommt zum Schuss. Aber was war das? Eine 3D-Kugel ist uns um die Ohren geflogen! Dies soll der Auftakt für diesen bewusst coolen Streifen (und das nicht nur wegen dem Schauplatz Island) sein. Es geht genauso „hip“ weiter: Wir lernen, dass Bond neuerdings surft, um unentdeckt an eine Küste zu gelangen. In den verbleibenden Minuten des Pre-Titles wird dermaßen in die Luft gejagt, geknallt und geschossen, als ob sich die Pyrotechniker am Set fast beim Onanieren auf ihre Künste erwischt hätten. Bond wird gefangen genommen, und man ist erfreut, sich die nächsten Minuten bei der Titel-Sequenz zu erholen. Aber was vernehmen unsere Ohren? Madonnas mutigen, unglaublich innovativen, aber ebenso grausam misslungenen Elektroschrott-Song Die another Day. Immerhin hat Daniel Kleinman mit dem Publikum Mitleid, und so lenkt er uns erstmals mit Bildern, die Bonds Leidengeschichte der Folter weitererzählen, ab.

Die kommende 1¼ Stunde bildet dann das Sahnestück des Films. Nie zuvor in 40 Jahren Bondgeschichte hat man den Topagenten so gesehen. Wenn Pierce Brosnan den Robinson Crusoe Look bis Minute 30 beibehält, im klatschnassen Schlafanzug in ein Luxushotel eincheckt, in John McClane-Manier ein blutverschmiertes weißes Hemd trägt und eine bis dato unbekannte Enttäuschung als Reaktion auf Miranda Frosts üblen Korb zeigen muss, veranschaulicht all dies, dass der Nimbus der Unantastbarkeit unseres Musteralphamännchens gebrochen ist.
Zwar ist Ms Verhalten einmal mehr nicht plausibel – hier hätte sie nichts dagegen gehabt, Bond im nordkoreanischen Internierungslager versauern zu lassen, obwohl sie in Der Morgen stirbt nie versucht, ihn vor dem Raketenangriff des Admirals zu schützen–, dennoch wird man mit einer Fülle von liebevollen und originellen Details entschädigt. So gibt es sowohl unzählige Anspielungen auf das gesamte Bondfranchise (das Vogelbuch auf einem Schrank, der Union Jack-Fallschirm, die Spiegel in der Klinik, die Requisiten der alten Teile in der Q-Abteilung, etc.) als auch originelle Impulse (Erklingen von The Clashs genialem London Calling bei Bonds Rückkehr, Simulation des Angriffs auf das MI6-Hauptquartier wo Bond M bewusst anschießt usw.). Das Tüpfelchen auf dem i bildet das Fechtduell zwischen 007 und dem genial-exzentrischen Gustav Graves. Keine andere Sequenz seit 1989 hat solch klassisches Bond-Flair wie das Messen dieser zwei Egomanen.

Ein weiterer positiver Aspekt ist die Integration eines wirklich lustigen anstelle lächerlichen Humors. Stark wie zynisch manch Einzeiler daherkommt, wenn auch die Dialoge mit sexueller Konnotation arg grenzwertig und geschmacksabhängig erscheinen. Allerdings kann Oscar-Preisträgerin Halle Berry die aufgebohrte, gleichberechtigte Rolle der Jinx nur optisch ausfüllen und wird von der unbekannten Rosamunde Pike (im Film Miranda Frost) im Spiel locker geschlagen.

Wenn jedoch die letzte gute halbe Stunde des Films mit dem Finale auf Island eingeläutet wird, verliert sich Tamahori in Gigantomanie, Effekthascherei und sinnloser Prahlerei seiner bereits eingangs erwähnten Handschrift. Passt der Fastmode in der Bildwiedergabe zum Stil des Films, wirkt der übertriebene Einsatz von Slow-Motion geradezu amateurhaft und deplaziert. Die Computeranimationen und Modelle sind gerade im Vergleich zur zeitgenössischen Konkurrenz erschreckend minderwertig; zudem legitimiert der vorherrschende Blockbuster-Druck noch keine aufgeblasenen Comichelden-ähnliche Elemente. Kleine Leuchttürme des sich verlierenden Endaktes sind das durchaus interessante Duell Aston Martin vs. Jaguar auf der Eisfläche oder wie Fechtmeisterin Miranda Frost mit Sun Tzus Werk über die Kriegskunst auf der Brust stirbt.

Fazit: Die interessante Ausgangsidee des ungeliebten Spitzenmannes, dem von M initiierten Aufeinanderprallen zweier absolut gegensätzlicher Agententypen (Bond vs. Frost) sowie die tollen Schauplätze (Kuba, Island-Palast) reichen wieder einmal nicht aus, um den alten Karren aus dem Dreck zu ziehen. Welcher Teufel hat die Verantwortlichen zu diesem verzweifelt übertriebenen Ende getrieben? Knapp 90 Minuten stimmt fast alles, aber ein unsichtbares Auto, der ferngesteuerte Diamantlaser-Satellit und ein Science-Fiction-Kampfanzug sind in der Masse einfach zu viel. Wenn Neu-Q zu Bond sagt „Ja, aber das hier ist die so genannte Zukunft, also gewöhnen sie sich daran!“ ist man beinahe geneigt, als Ewiggestriger Bond eher sterben zu lassen.

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