Review

„Stirb an einem anderen Tag“, zum einen ein tragisches Beispiel für Qualitätsverlust, den Übersetzungen mit sich bringen können. Denn was im englischen harmonisch über die Zunge hüpft, kann diese in unserer Muttersprache dagegen ungemein strapazieren. Und zum anderen ein Titel, bei dem es auf den ersten Blick nahe zu liegen scheint, wem er hier gewidmet ist. Dementsprechend machen wir uns also auch keine Sorgen, wenn James Bond erst für stolze 14 Monate aufs Übelste gefoltert wird und kurz danach noch mit einem vermeintlichen Herzstillstand sein Umfeld in Panik versetzt. Andererseits sind die zunehmenden Ausmaße dessen, was der einst unverwundbar geglaubte und diesmal buchstäbliche Doppelnuller (20. Bond zum 40-jährigen Jubiläum) mittlerweile so einstecken muss, durchaus ein Grund zur Besorgnis. Kam er letztes Mal noch mit einem Arm in der Schlinge davon, ist er jetzt schon nach der ersten Konfrontation äußerlich eines Robinson Crusoe würdig und hat damit noch lange nicht alles überwunden. Hoffen wir mal, dass sich Robert Wade und Neal Purvis, sollten sie denn auch beim nächsten Bond, der ja aller Voraussicht nach wieder mit Pierce Brosnan gedreht werden wird, für das Skript verantwortlich zeichnen, als so gnädig erweisen, den Helden nicht auch noch irgendwann von künstlichen Gliedmaßen oder sonstigen Prothesen abhängig zu machen. Besonders wünschenswert wäre eine weitere Betätigung der beiden als Autorenduo angesichts der Tendenz, die sich mit ihren Drehbüchern abzeichnet, aber weniger, denn nach einem ganz ordentlichen Job für „Die Welt ist nicht genug“ (sie schrieben auch hier die Story) hätte wohl kaum einer damit gerechnet, dieses Mal wieder so eine Rahmenhandlung vorgesetzt zu bekommen, die bloß den Aufhänger für eine riesige Materialschlacht abgibt. Schön, von einer erneuten Ski-Verfolgungsjagd und einem Desaster à la „Der Morgen stirbt nie“, wo bereits nach einer guten Viertelstunde alle Karten offen lagen, bleiben wir Bond sei Dank verschont. Allerdings erinnert gerade die „Satellit-Bösewicht-mit-entstelltem-Gesicht-Verräter-in-eigenen-Reihen“-Kombination unweigerlich an ein anderes 007-Abenteuer mit ähnlichem Realitätsfaktor. Wie verzweifelt müssen die Herren Wade und Purvis gewesen sein, ausgerechnet in diese Klischee-Kiste zu greifen? Auch haben sie sich den Hauptkritikpunkt des 19. Bonds, zu stark an den Konventionen der Serie fest zu halten, etwas zu sehr zu Herzen genommen. Wenn sogar nicht mal mehr der eigene Arbeitgeber hinter seinem bisher besten Mann steht...
Ebenfalls säuerlich fällt die mangelhafte Entwicklung der Motive der gegnerischen Partei ins Auge, was aber auch auf das Konto des offenbar überforderten Regisseurs Lee Tamahori gehen könnte. Denn der hatte wohl schon Schwierigkeiten, das obligatorische Spielchen zwischen Bond und seinen Girls angemessen in Szene zu setzen. Da waren wir mit Michael Apted um Klassen besser bedient. Übrigens tanzt auch diese Zutat des Bond-Cocktails ziemlich aus der Reihe, aber bei Halle Berry war ja von vornherein klar, dass man sie nur wegen ihrer ganzen Auszeichnungen engagiert hat. Eine Afroamerikanerin an der Seite des britischen Geheimagenten, darüber sollte wohl jeder selber urteilen. Dann hätten wir da noch mit Rosamund Pike ein Eichhörnchen der jüngsten Sorte (ob die das schon darf?) und schauspielerisch von gleichermaßen begrenztem Vermögen. Apropos Vermögen: Das Budget, welches „Stirb an einem anderen Tag“ verschlang, lässt natürlich schon erahnen, welch verschwenderisches Action- und Effektfeuerwerk wieder mal auf uns zukommt. Immerhin ist Tamahori so schlau, nicht bereits zu Beginn eine große Bombe ohne Nachschlag platzen zu lassen, sondern serviert auch nach der zwar hochexplosiven, jedoch weniger originellen Anfangssequenz noch Unmengen an Kampfszenen und Verfolgungsjagden, durch die ein hoher Unterhaltungswert garantiert ist, trotz der teils groben Schnitzer im visuellen Bereich (noch so ein Indiz dafür, dass Tamahori zumindest zeitweise nicht alles optimal im Griff hatte). Wo keine Action angesagt ist, werden wir, nach Tradition des Vorgängers, mit exotischen Schauplätzen vom Feinsten verwöhnt. Ein Augenschmaus sondergleichen, bei dem zum Glück auch der Humor ausreichend vertreten ist. Ja, einige Höhepunkte haben es wirklich in sich, nur schade, dass Qs Auftritte so spärlich gesät sind. Da wäre noch locker eine ganze Prise mehr drin gewesen.
Ein besonderes Ärgernis hingegen stellt der Anteil dar, den Madonna an diesem Film trägt. Der Titelsong könnte glatt eine Art Retourkutsche ihrerseits dafür sein, dass sie nicht die gewünschte Rolle in dem Film bekommen hat, so grottenschlecht ist er. Ihr Cameo-Auftritt ist da noch das kleinere Übel und im Anschluss ein tiefes Durchatmen wert.
Tja, der beste Bond seit langem oder überhaupt hätte es werden sollen, und was soll man da großartig sagen? Man erkennt einmal mehr, dass hinter den sogenannten Kritiken in den Medien für teure Mainstreamware aus Hollywood ein vollkommen abgekartetes Spiel steckt. Von wegen „Bösewichter, die selbst einen Goldfinger blass aussehen lassen“ und so was, wenn in Wahrheit ein Toby Stephens krampfhaft versucht, einen auf den ultimativen Oberschurken zu machen, was natürlich schief geht, denn mit einer derart aufgesetzten Mimik wäre ein Vergleich mit Gert Fröbe ein schlechter Witz, um nicht zu sagen eine Beleidigung. Zwar steckt der Film voller interessanter und nett an zu sehender Anspielungen auf frühere Bonds, als Versuche, den alten Charme dieser ein zu fangen, sind diese jedoch nur als höchst dilettantisch ein zu stufen. Wer also den „Bond der 90er“ nicht mochte, wird mit „Stirb an einem anderen Tag“ genauso wenig anfangen können, denn abgesehen von besagten Ansätzen für ein „Back to the roots“ lautet das Motto „Höher, schneller, weiter“. Wer dagegen weiß, mit welchen Erwartungen an einen Bond dieser Generation heran zu gehen ist, wird zweifelsohne viel Spaß mit diesem besonders eisigen Fall für 007 (der vorläufige Titel kam nicht von ungefähr) haben, auch wenn er sich zunächst als gewöhnungsbedürftig erweist.

Fazit: Der doppelte Jubiläumsbond ist ein Ausnahme-Bond in fast jeder Hinsicht. Bisweilen über das Ziel hinaus, glücklicherweise aber mit dem nötigen Drive, der so manchem Kinotitel in diesem Jahr gefehlt hat. Zurücklehnen, anschauen und nicht zu sehr drüber nachdenken ist daher das Motto, mit dem man optimalen Genuss erzielen sollte.

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