*** Der Text enthält Spoiler ***
Mit der Nr. 20 aus dem offiziellen Bondfilm-Kanon stand ein Jubiläum an, welches man standesgemäß begehen sollte; alles musste größer und spektakulärer sein. Herausgekommen ist ein überladenes, nur teilweise unterhaltsames und ebenso teilweise lebloses Abenteuer, welches weitreichende Folgen hatte.
Schon was die Geschichte angeht, ist „Stirb an einem anderen Tag“ ein zweischneidiges Florett. Es beginnt vielversprechend. Die Auftaktsequenz in Nordkorea ist ordentlich inszeniert, die folgende Geschichte mit Folter, Isolation und dem letztendlichen Austausch bietet Potential (welches aber nicht genutzt wird). Erst mal auf eigene Faust unterwegs landet Bond auf Kuba, welches nicht nur optisch mehr als ansprechend ist, sondern auch den Charme der eigenen Vergangenheit heraufbeschwört. Erinnerungen an die Connery-Ära schweben quasi durch das Set. Die immer wieder eingestreuten Actionszenen sind brauchbar inszeniert und noch hat man das Gefühl, dass das was werden könnte.
Mit einer teils abstrusen zweiten Hälfte tut sich der Film dann jedoch keinen Gefallen. Das Drehbuch kapituliert förmlich vor zum Selbstzweck verkommenden Actionszenen. Die Figuren und so etwas wie Spannung sind einfach mal egal, stattdessen ergeht man sich in schlecht getrickstem Bombast, der bisweilen zum Fremdschämen einlädt (Kitesurf-Sequenz). Für einen Bondfilm fehlt das Flair, die Stärken der Serie, dieses bestimmte Gefühl – all das liegt auf Eis. Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass es auf Biegen und Brechen nur auf die Größe ankommen sollte, nicht auf die Technik – respektive den Inhalt.
Es will einfach vieles nicht funktionieren. Die One-Liner sitzen nicht, Atmosphäre will in dem Getöse nicht mehr aufkommen und am Ende muss man sich selbst daran erinnern, dass das ein James Bond Film gewesen sein soll.
Was können die Darsteller dafür? Wenig. Pierce Brosnan spielt in seinem vierten und letzten Auftritt die Rolle des inzwischen zum Supermann mutierten Agenten im Schlaf, bisweilen auch wie nebenbei. Und mag das Leben auch noch so grausam sein - einmal frisiert und schon ist Bond wieder wie aus dem Ei gepellt. Die comichafte Übertreibung, die in gewissen Dosen dazugehört, gibt es hier eimerweise und das nicht nur auf die Hauptfigur bezogen.
Bösewicht Gustav Gans Graves bringt in der Fechtszene Physis ein, bleibt aber nicht als eindrucksvoller oder charismatischer Gegenspieler in Erinnerung. Seine Motive, so politisch brisant sie auch sein mögen, schaffen es in Aufbau und Ausführung nicht dauerhaft zu fesseln. An der Damenfront gibt es mit Halle Berry und Rosamunde Pike gleich doppelt was für's Auge, inhaltlich machen sie ihre Sache auch nicht verkehrt. Als Q durfte noch einmal John Cleese ran, der seine Sache durchaus gut macht, aufgrund des folgenden Reboots aber wieder aussortiert wurde. Judi Dench als Bonds Chefin M hingegen durfte noch etwas bleiben.
Wie es bei einem Jubiläum quasi schon üblich ist, wird ordentlich aus der eigenen Vergangenheit zitiert. Da finden sich in Qs Werkstatt der Schuh mit dem Messer, der Raketenrucksack und das Krokodilboot. Ach ja, die gute alte Zeit. Zum Ausgleich findet sich aber auch das viel diskutierte „unsichtbare“ Auto, genauer ein Aston Martin V12 Vanquish, der gar nicht schlecht aussieht. Wenn man ihn sieht. Für mich ebenso ein Fremdkörper wie das von Q vorgestellte Holodeck.
Weiter mit der Nostalgie: Halle Berrys Aufstieg aus dem Meer erinnert zum Beispiel an den von Ursula Andress aus dem ersten Leinwandabenteuer. Aber auch Anspielungen, die hinter die vierte Wand blicken, werden geboten, wenn Bond ein Buch des seinen Namen spendenden Ornithologen in der Hand hält.
Dass man nicht an Originalschauplätzen in Nordkorea gedreht hat, liegt auf der Hand. Ebenso wurde nicht auf Kuba gedreht und von Island sieht man auch nicht besonders viel. Ist man eigentlich gewohnt, dass die Reihe dort gefilmt wird, wo sie spielt, ist dies hier kaum der Fall.
Das von Madonna vorgetragene Titellied „Die another day“ gehört zu den schlechtesten der ganzen Serie und will so gar nicht ins Bonduniversum passen. Und ist das nicht schlimm genug, bekommt man während des Abspanns auch noch einen gleichsam kaputten Remix des Titels geboten. Im Vergleich dazu ist David Arnolds Soundtrack eine Wohltat, obwohl er sich oft dezent versteckt. Was die Kamera angeht, so erledigt sie ihren Job. Ein Kompliment ist das allerdings nicht, zu routiniert wirkt die Arbeit von David Tattersall.
Fazit:
Der Jubiläumsbond ist ein anschauliches Beispiel dafür, was passiert, wenn man einen Luftballon immer weiter aufbläst. Brosnan hätte sicherlich einen würdigeren Abschied verdient, denn die schwankende Qualität seiner Einsätze ist eher den Drehbüchern und (ja, sehr subjektiv) auch der zeitgenössischen Filmästhetik geschuldet. Was „Stirb an einem anderen Tag“ betrifft, so ist dieser zwar kurzweilig und hat eine gute erste Hälfte, verzettelt sich dann aber mit fortschreitender Spielzeit in einer fragwürdigen Materialschlacht. Danach gab es erst mal eine Pause. Und die war auch nötig.