Mit Verve zur großen 007-Jubiläums-Sause - Kater nicht ausgeschlossen
Zum Jubiläum lässt man es gerne krachen und fährt alles auf, was der über die Jahre gepflegte und etablierte Standard so hergibt. Geld spielt dabei keine Rolle, schließlich will man eine ausgelassene Party feiern von der auch noch Jahre später geschwärmt wird. So oder ähnlich ist man wohl bei EON Productions an den 20. James Bond Film heran gegangen um das 40-jährige Bestehen der einzigartigen Erfolgsgeschichte standesgemäß zu zelebrieren. Pierce Brosnans vierter Einsatz als britischer Gentleman-Agent 007 sollte nichts weniger als der bis dato spektakulärste Beitrag der Reihe bei gleichzeitiger Verbeugung vor den vorangegangen 19 Filmen sein. Ein überaus sportlicher Anspruch an dem man sich leicht verheben konnte, wie das megalomanische Endprodukt dann auch zeigen sollte.
DIE ANOTHER DAY (2002) bietet großartige Momente und Ideen, spektakuläre Actionsequenzen und Schauwerte, fantastische Set Pieces und Gadgets, attraktive Frauen und Locations, kurz alles, was einen handelsüblichen James Bond-Film ausmacht, ja inzwischen geradezu von ihm erwartet und gefordert wird. Nur kommt das Präsentierte dermaßen breitbeinig, prahlerisch und über die Stränge schlagend daher, dass sich am Morgen danach ein veritabler Kater einstellt. Der Jubiläums-Bond protzt, klotzt und strotzt als gäbe es kein Morgen und serviert ein in vielerlei Hinsicht überladenes Festtagsmenü, das binnen kürzester Zeit zu totaler Übersättigung führen kann.
Zunächst sah allerdings alles nach einer grandiosen Party aus, der man als Bondfan gespannt entgegen fiebern durfte. Pierce Brosnan hatte in seinen vorangegangen drei Bondeinsätzen die Reihe nach dem Beinahe-Aus Ende der 1980er Jahre zu neuen BoxOffice-Höhen geführt und war als 007-Darsteller allseits beliebt und akzeptiert. Für die weibliche Hauptrolle konnte man die frisch gebackene Oscargewinnerin und Beauty-Queen Halle Berry gewinnen und für den so prestigeträchtigen Titelsong den Immer-noch-Superstar Madonna. Auf dem Regiestuhl nahm der kantige Neuseeländer Lee Tamahori Platz, der schon in drei Hollywoodproduktionen diverse Stars dirigiert hatte und einen raueren, frischeren Ansatz versprach als seine drei stromlinienförmigeren Brosnan-Bond-Vorgänger.
Hinter den Kulissen sorgte man für Kontinuität wie Tradition und setzte auf Expertise und Erfahrung der bewährten Bond-Mannschaft, soll heißen das Autorenduo Neal Purvis und Robert Wade verfasste das Drehbuch, John Barry-Nachfolger David Arnold komponierte den Score und Peter Lamont sorgte für das so wichtige Produktionsdesign. (1) Die Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli (Stiefsohn und Tochter von Albert R. Broccoli) schienen sich der mit dem Familienerbe verbundenen Verantwortung voll bewusst und gedachten dem Jubilar ein so euphorisierendes wie memorables Fest zu bereiten.
In der ersten Filmhälfte wird einiges davon eingelöst und man wähnt sich zeitweise sogar im bis dato besten Brosnan-Bond. Nach einer gewohnt brachialen Pre-Title-Sequence, bei der Bond den Stützpunkt eines nordkoreanischen Waffenschiebers praktisch im Alleingang zerlegt, gerät Bond in Gefangenschaft, wird mit giftigem Getier und Waterboarding gefoltert und vom MI6 nur ausgelöst, weil man befürchtet er könne Staatsgeheimnisse verraten. Da M ihm nicht mehr zu trauen scheint, tritt Bond die Flucht nach vorne an und ermittelt auf eigene Faust um den Verräter in den eigenen Reihen aufzuspüren, der ihn offensichtlich kompromittiert hatte. Der Weg führt ihn nach Kuba, wir er der geheimnisvollen Schönheit Jing (Berry) begegnet und in einer dubiosen Gen-Klinik einen alten Bekannten aus seinem Nordkorea-Abenteuer aufspürt.
Diese ersten knapp 60 Minuten legen ein halsbrecherisches Tempo vor, ohne dabei gehetzt zu wirken. Tamahori lockert den düsteren Grundton (Bond wird verraten, gedemütigt, im Stich gelassen und aussortiert) mit einer Handvoll lässig eingestreuter Gags auf, die zudem charmant mit Mythos und Historie der Figur spielen. Da marschiert ein zotteliger und langbärtiger Bond im Pyjama ins beste Hotel am Platz und bekommt selbstredend seine übliche Luxussuite. Wenige Augenblicke später ist er wie aus dem Ei gepellt sofort wieder Herr der Lage und enttarnt augenzwinkernd aber bestimmt einen chinesischen Agenten, der ihm sogleich den nächsten Hinweis liefert.
In dieser kurzen Szene ist praktisch alles enthalten was den typischen Bond-Charakter seit den Tagen Sean Connerys ausmacht. Eine unaufgeregte, fast schon aufreizend entspannte Souveränität, ein genüßlich zur Schau getragener Snobismus sowie eine unwiderstehliche Fixiertheit auf das Wesentliche. Auf Kuba schließlich tritt er ganz ähnlich auf, wobei der große Auftritt hier ganz klar Halle Berry gehört. Wie einst Ursula Andress in DR. NO (1962) entsteigt sie den azurblauen Fluten, bekleidet lediglich mit einem knappen Bikini und einem ansehnlichen Taucher-Messer. Eine solche Szene funktioniert natürlich nur in einem Bondfilm, wo man sie im Prinzip sogar erwartet. Vor allem aber ist sie mit der überdeutlichen Referenz an den allerersten Bondfilm und einen der ikonischsten Momente der gesamten Reihe ein sehr originelles Geburtstagspräsent.
Als man sich nach dem schmissigen Auftakt und den schwelgerische Erinnerungen hervor rufenden Hommage-Tupfern schon so richtig gemütlich in den Geburtstagssessel fletzt, ziehen mit dem Auftauchen des Gegners erste Gewitterwolken auf. Toby Stevens hinterlässt als Selfmade-Diamantenkönig Gustav Graves einen irritierenden Eindruck. Die großspurige Arroganz wirkt aufgesetzt und passt ebensowenig zu seinem jugendlichen Jedermannkonterfei wie die größenwahnsinnigen Machtpläne. Man kauft ihm den Supergangster mit Welteroberungsambitionen einfach nicht ab und hätte für diese Rolle besser einen deutlich älteren und charismatischeren Darsteller gecastet. So geht ein ebenfalls offenkundiger Hommage-Schuss erstmals nach hinten los und weitere Fahrkarten sollten folgen. Das gilt vor allem für die ohnehin gern in Grenzbereiche vorstoßenden Gimmicks und Gadgets.
Einerseits sind die Spezialwaffen der Abteilung Q ein ganz wesentliches Element der Filme, dem man jedesmal auf Neue in freudiger Erwartung entgegen fiebert. Andererseits gab es spätestens seit YOU ONLY LIVE TWICE (1967) auch schon ein paar Peinlichkeitsentgleisungen zu verdauen, die den zunehmenden Comic-Strip-Charakter der Franchise betonten. Während das in der Roger Moore-Ära gar nicht mal negativ auffiel, sondern sogar sehr gut zum leichteren Ton der Filme und Moores Bond-Interpretation passte, wandelte man in den Brosnan-Filmen schon auf schmalerem Grad. Die anvisierte Mischung aus der Härte und Ernsthaftigkeit der Connery-Filme sowie der Leichtigkeit und der humorvollen Selbstironie der Moore-Bonds ging nicht immer auf und erforderte einiges an Fingerspitzengefühl. Der Publikumsliebling des fernsteuerbaren, mit allerlei Spezialwaffen ausstaffierten BMW in TOMORROW NEVER DIES (1997) war ein Beleg dafür, dass auch grenzwertige Ideen voll aufgehen können. Offenbar beflügelt von diesem Erfolg, dachte man im Jubiläumsfilm noch einen drauflegen zu können, ja vielleicht sogar zu müssen, und verpasste Bond einen für den Gegner unsichtbaren Dienstwagen. Offenbar bekam man während des Drehs selbst etwas kalte Füße ob der tatsächlichen Genialität des Einfalls und setzte den Trick in nur zwei relativ kurzen Szenen ein. Das schwächt zumindest die Lächerlichkeit und das damit verbundene Fremdschämpotential etwas ab, aber wirft auch die berechtigte Frage auf, warum man nicht gleich gänzlich Verzicht geübt hatte.
Während Bond also noch vergleichsweise glimpflich davon kommt, schlägt die missglückte Gimmick-Offensive auf Gegnerseite schwerer ins Kontor. So begibt sich der in Ungnade und von Bond enttarnte Waffenschieber Colonel Tan-Sun Moon (Will Yun Lee) in die besagte kubanische Gen-Klinik, aus der er dann als britischer Emporkömmling Gustav Graves komplett runderneuert wieder auftaucht. Dieser totale DNA- und Identitätstausch wäre in einem Science-Fiction-Spektakel womöglich ein schmissiger Einfall gewesen, in einem Agenten-Abenteuer, auch vor dem Hintergrund der teilweisen Comic-Werdung der 007-Filme, ist das einfach nur absurd. Dazu hat Moon/Graves auch noch eine geheime Satellitenwaffe entworfen, die er mit einer Art biomechanischen Anzug steuern kann und die in der Lage ist, das Minenfeld zwischen Süd- und Nordkorea zu vernichten um so eine Invasion zu ermöglichen.
Ähnlich phantastisch geht es bei den finalen Actionszenen zu. Zunächst gelingt Bond die Flucht aus Graves isländischem Eisdomizil via Jetski-Geschoss, aber als Moon/Graves seinen Satelliten einsetzt und damit eine Tsunami-artige Flutwelle auslöst, surft Bond kurzerhand auf dem Dach seines Kufenrenners über die Wogen und landet sanft per Fallschirm wieder am Eispalast. Dort angekommen liefert er sich ein Autoduell mit Graves rechter Hand Zao - dessen knallgrüner Jaguar XKR ebenfalls mit allerlei explosivem Spielzeug hoch gerüstet ist -, das in der völligen Zerstörung des Eisplastes gipfelt bei der Bond ganz nebenbei noch die fest sitzende Jinx vor dem Ertrinken rettet. Zum Endkampf trifft man sich schließlich an Bord einer Antonov An-124 Transportmaschine, die im Verlauf zunehmend auseinanderfällt und verglüht, wobei Bond und Jinx mit einem Onboard-Helikopter in buchstäblich letzter Sekunde noch entkommen können. Dass die physikalischen Gesetzte bei all diesen Sequenzen kaum mehr ein Rolle spielen ist die eine Sache, der offenkundige Einsatz von CGI-Technik die andere. Vor allem letzteres steht einer Rehe dis sich immer (zu Recht) stolz vom Rest des Feldes abgesetzt hatte, indem sie auf handgemachte Stunts setzte, gar nicht gut zu Gesicht und wurde seinerzeit auch vielerorts enttäuscht bis entrüstet kritisiert.
Hier soll allerdings auch nicht verschwiegen werden, dass Tamahori auch zwei ungemein kinetisch und druckvoll inszenierte Sequenzen gelingen, die wiederum die Stärken der Reihe zeigen und eines runden Geburtstags mehr als würdig sind. Zum einen wäre da die Pre-Title-Scene in der Bond Moons Waffenlager zerstört und die beiden sich anschließend mit zwei gepanzerten Luftkissenbooten eine explosive Verfolgungsjagd liefern. Zum Finale der deutlich besseren ersten Filmhälfte kommt es schließlich zu einem Fechtduell zwischen Bond und Graves, die dabei einem exklusiven Londoner Club in seine Einzelteile zerlegen und vom schnöden Degen über das mittelalterliche Breitschwert alles einsetzten, was Dekoration und Bestand so hergeben.
Auf der Habenseite ist auch das Darstellerensemble zu verbuchen. Abgesehen vom fehl besitzen Toby Stevens und der bereits in den vorigen Brosnan-Bonds bemüht kratzbürstig agierenden Neu-Moneypenny Samantha Bond, hat man die Richtigen für die passenden Rollen gecastet. Allen voran gibt Brosnan eine gleichermaßen beherzte wie selbstbewusste Jubiläumsvorstellung und harmoniert auch wieder sehr gut mit der gewohnt souveränen Dame Judi Dench als knochentrockene MI6-Chefin M. Halle Berry ist ein erfrischend schlagkräftiges und schlagfertiges Bondgirl und Rosamunde Pike zeigt als zwielichtige Graves-Vertraute Miranda Frost bereits ihr großes Potential. Natürlich fehlt der nach THE WORLD IS NOT ENOUGH (1999) überraschend verstorbene Desmond Llewelyn schmerzlich, aber Monty Python Urgestein John Cleese landet als Q-Nachfolger R auf seine ganz spezielle Art ebenfalls ein paar humoristische Treffer. Der von Titelsong-Interpretin Madonna absolvierte Kurzauftritt schließlich ist entgegen vieler Unkenrufe ein gelungener Cameo-Gag der geschickt in die Handlung integriert wurde.
Letztlich konnten aber nur Rezeption und vor allem das Kinopublikum über Erfolg oder Misserfolg richten. Am großen Premierentag zeigte sich die internationale Fachpresse zwar nicht unbedingt begeistert, aber doch angemessen gnädig ob des historischen Jubiläums. Einige der offenkundigen Dissonanzen wurden freilich auch da schon wahr genommen, sollten aber erst in der längerfristigen Rezeption mehr Gewicht bekommen. Ähnlich sah es auf Fanseite aus. Heute einer der weniger innig geliebten Bond-Streifen war DIE ANOTHER DAY anno 2002 vom Start weg ein globaler Megahit, der die ebenfalls bereits äußerst einträglichen übrigen Brosnan-Filme noch einmal deutlich übertreffen konnte. (2) Der runde Geburtstag war also ein voller Erfolg und der britische Superagent bestens gerüstet für das neue Jahrtausend. Dass es dann lange vier Jahre bis zum nächsten Abenteuer dauern sollte und der so beliebte Brosnan von dem so gut wie unbekannten Daniel Craig beerbt werden würde, war jedenfalls weit und breit nicht in Sicht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Fazit:
Der Jubiläumsbond DIE ANOTHER DAY (der 20. Film im 40. Jahr) ist ein Spektakel der Superlative, im Guten wie im Schlechten. Die kinetisch und druckvoll inszenierten Actionszenen driften in der schwächeren zweiten Filmhälfte zunehmend in Unsitten wie CGI-Einsatz und physikalische Phantastereien ab, die man aus dem heutigen Superheldenkino kennt. Die zunächst schnörkellos und spannend erzählte Geschichte um Verrat und Rehabilitierung weicht im weiteren Verlauf einem über die Stränge schlagenden und großspurig dargebotenen Science-Fiction-Szenario. Und die anfangs so auf den Punkt eingestreuten Reminiszenzen an die Bondfilm-Historie verlieren sich später im Bombast diverser Überreibungen und Albernheiten. Was den Film aber zusammen hält ist sein nicht wegzudiskutierender Unterhaltungswert, die durch die Bank schmissige Vorstellung der Darsteller und die aus allen Poren dringende Feierlaune. Happy Birthday, Mr. Bond.
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(1) Purvis & Wade verfassten ihr 2. Bond-Drehbuch, David Arnold schrieb seinen 3. Bond-Soundtrack und Peter Lamont sorgte bereits zum 8. Mal für Ausstattung und Kulissen.
(2) GOLDENEYE brachte $356 Millionen ein, TOMORROW NEVER DIES knapp $340 Millionen, THE WORLD IS NOT ENOUGH $362 Millionen und DIE ANOTHER DAY satte $432 Millionen.