Review

Die Wander-Zeitungsverkäuferin

"American Honey" ist ein echtes Epos. Und davon gibt es nicht mehr viele. Und als ob ihn das, in diesen überschleunigten Zeiten nicht schon besonders genug macht, wirkt er auch in seinem Thema, seinem Look & seinen Protagonisten sehr real & einzigartig. Jugendfilme gibt es wie Sand am Meer, doch Andrea Arnolds Mammutwerk ist ein Juwel. Überlang, etwas sinn- & ziellos umher mäandernd, dreckig, naiv - wie die Jugend selbst. Doch ebenso wunderschön, spontan, pur, natürlich & hoffnungsvoll - ebenso wie die Jugend sich anfühlen kann. Diese Dualität rechne ich ihm hoch an & durch seine gelassene Art, verzeihe ich ihm seine langatmige, repetitive Art. Zumindest etwas. Denn fast 3 Stunden über eine Bande verwahrloster Jugendlicher, die durch die Staaten tuckern & Magazine verkaufen, ist nicht immer aufregend. Doch das Gefühl nach diesem süßen Roadtrip tut gut & man vergisst ihn nicht so schnell. Das Schicksal der jungen Protagonistin Star beschäftigt einen & man reift etwas mit ihr. Geduld & ein gemütliches Kino bzw. Sitzmöglichkeit sind jedoch essenziell - nur nicht zu gemütlich, sonst kann man schonmal wegdösen...

Doch dann holen einen spätestens die fetten Bässe des abwechslungsreichen, Hip-Hop-lastigen Amerika-Soundtracks aus dem Land der Träume. Doch da diese eh kaum hübscher sein können als die sonnendurchfluteten Bilder dieses schrägen amerikanischen Traums, wird das jeder verschmerzen können. Der Roadtrip durch das rohe Hinterland der USA verwöhnt einen mit malerischen Bildern, trotz (oder vielleicht gerade wegen) seinem ungewöhnlichen Bildformat. Die magische Weite der Natur trifft auf grenzenlose Teenager, die von ihr angezogen werden, ohne wirklich etwas mit ihr oder ihrer Schönheit anfangen zu wissen. Die blutjungen Darsteller sind mehr als glaubhaft, wobei sowohl Shia LaBeouf als auch die Neuentdeckung Sasha Lane glänzen wie noch nie. Der eine, weil er lange nicht mehr so frei gelassen wurden & die andere, weil dies ihr erster Filmauftritt ist. Ihr Name im Film (Star) passt jedenfalls wie die Faust aufs Auge, nur getoppt von der Chemie zwischen den beiden. 

Warum "American Honey" dann für mich doch nicht ganz einer der besten Filme des Jahres ist, ist noch wesentlich offensichtlicher als die Stärken des ungefilterten Films. Dokumentarischer Stil & spürbare Lebensenergie hin, dreckig-schönes Generationenportrait her - alles schön & gut. Doch der Film ist einfach zu lang & nicht immer fesselnd. Und trotzdem bekommen Nebencharakter noch zu wenig Zeit - das muss man auch erstmal schaffen. Das Lebensgefühl zwischen Sternen & Dreck wird gekonnt eingefangen, doch am Ende bleibt mehr Gefühl als Story, mehr Einzelbilder als Geschichte. Das mag manchmal reichen, doch für das ganz große Meisterwerk nicht ganz. Außerdem verläuft der Film höhepunktlos im Sand & pendelt unangenehm zwischen purem Realismus & verklärter Holloywood-Romantik, samt Klischees & Semi-Überraschungen, die man sich bei solch einem Prestige-Indie eigentlich nicht erhofft. Das zieht sich durch die unzähligen Sexszenen bis noch zahlreicheren Tramping-Märchen. Und ein Mix aus Märchen & Möchtegern-Doku beißt sich halt manchmal unweigerlich...

Fazit: ungefiltert, ziellos, genauso melancholisch wie hoffnungsvoll - They Found Love in a hopeless Place!

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