Chris Pine spielt einen hoch verschuldeten Texaner, der dringend Geld beschaffen muss, wenn sein Haus und sein Grundstück nicht zwangsverkauft werden sollen. Die Bank, die seiner verstorbenen Mutter einst einen Kredit gewährte, würde indes mit einem Zwangsverkauf ein gutes Geschäft machen, da sich unter dem Grundstück Öl befindet. In seiner Verzweiflung startet der Noch-Besitzer zusammen mit seinem soeben aus dem Gefängnis entlassenen Bruder, gespielt von Ben Foster, eine Serie von Banküberfällen, um die Schulden schnell genug bedienen zu können. Im Nacken sitzt ihnen ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger, gespielt von Jeff Bridges.
Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 haben sie sich wieder Gehör verschafft: Die Bewohner der oftmals abfällig als Fly-Over-States titulierten US-Bundesstaaten zwischen den großen Ballungsräumen an den Küsten, die teilweise in entvölkerten Landstrichen oder in deindustrialisierten, verarmten Gegenden leben. Und kaum eine Gegend könnte beispielhafter für dieses vergessene Trump-Land sein, als Oklahoma oder der daran grenzende Westen von Texas, in dem „Hell or High Water“ spielt. Eine Gegend, in welcher der Wilde Westen gewissermaßen weiterlebt, in der Schusswaffen offen getragen werden dürfen (und getragen werden), eine Gegend, von der aus Los Angeles oder Washington gefühlt ähnlich weit entfernt sind wie Moskau, Peking oder Sydney. David Mackenzie nutzt nun seinen Neo-Western „Hell or High Water“, um tief in eine Gegend einzutauchen, die auch von den urban geprägten Akteuren Hollywoods lange vernachlässigt wurde.
McKenzie dringt, unterlegt von einem großartigen Western-Soundtrack, tief in den verschlafenen Westen von Texas vor, schwelgt gleichermaßen in wunderschönen Aufnahmen der weiten Landschaften und in eher tristen Einstellungen verfallener Industrie-Brachen und ärmlicher Häuser. Er bedient sich der Optik und der Klischees des ur-amerikanischen Western-Genres, um ein desillusionierendes Bild eines verarmten Landstrichs zu zeichnen, dessen Bewohner finanziell irgendwie über die Runden kommen und die Bank verfluchen, die sie vermeintlich ausnimmt. Wer es hier wagt, als New Yorker in einem Steakhouse eine Forelle zu bestellen, gilt gleich als Snob und wer die Bank überfällt muss damit rechnen, dass er von den Dorfbewohnern unter Beschuss genommen und verfolgt wird, dass die Texaner das Recht in die eigene Hand nehmen.
Aber „Hell or High Water“ ist kein trister Film über eine verschlafene Gegend, die aus deutscher Perspektive rückständig wirkt. Die knorrigen Texaner sind mit ihrem trockenen Humor durchaus sympathisch, das gilt für die Kellnerinnen in diversen Diners ebenso wie für den von Jeff Bridges verkörperten Gesetzeshüter, der seinem indianisch stämmigen Partner allerhand Zynisches entgegenschleudert. Bridges läuft dabei in einer Rolle, die wie für ihn gemacht ist, noch einmal zu ganz großer Form auf. Zwar ist nicht jeder Spruch aus seinem Mund ein echter Lacher - wie im gesamten Film nicht jeder sarkastische Kommentar wirklich sitzt -, aber er ist ohne Frage eine Bereicherung für diesen Film. Vorbild für Land und Leute könnten die Western der Coen-Brüder wie „True Grit“ oder „No Country for Old Men“ sein, ohne dass „Hell or High Water“ als ein Plagiat erscheinen würde.
Was die Rahmenhandlung angeht, ist „Hell or High Water“ ein gradliniger Neo-Western über zwei Bankräuber, der sich auf seine Figuren konzentriert und nur sehr dosiert auf Action-Einlagen setzt. Da wäre der von einem gewohnt entfesselten und aufbrausenden Ben Foster verkörperte Ex-Sträfling, der sich an den Banküberfällen, an der Gewalt und am Adrenalin berauscht, aber auch loyal zu seinem Bruder steht. Er lässt sich von diesem davon überzeugen, ihn bei den Banküberfällen zu unterstützen, obwohl er angesichts seiner fatalistischen Einstellung damit rechnen dürfte, diese nicht zu überleben. Der andere Bruder wird von einem etwas ausgemergelten, darstellerisch jederzeit überzeugenden Chris Pine gespielt, der sich neben Foster und Bridges wohltuend zurücknimmt, aber die einnehmendste Figur im Film verkörpert. Er spielt einen Verlierertypen, der seine Kinder aus dem Kreislauf der Armut befreien will und dafür nicht zuletzt sein Leben riskiert. Für Unterhaltung sorgen somit eher die Spannungen zwischen den beiden ungleichen Brüdern als die Banküberfälle oder die Action-Einlagen, die ruhig etwas aufregender hätten sein können. Der Verlauf der Handlung ist indes durchaus gelungen, aber mit Ausnahme des starken Endes zu deutlich an den altbekannten Handlungsbahnen des Genres orientiert.
Fazit:
David Mackenzie hat mit „Hell or High Water“ einen knorrigen Neo-Western inszeniert, der das verschlafene West-Texas mit einer Mischung aus desillusionierenden Eindrücken und trockenem Humor portraitiert und die beiden ungleichen Protagonisten gelungen charakterisiert.
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