Auch bei modernen Horrorfilmen denken die Macher angesichts des Erfolgs inzwischen eine Nummer größer, momentan sind Gruselfilme mal nicht von Geburt an als Nischenprodukt für das erste Nerd-Wochenende gebrandmarkt, sondern mitunter die großen Kassierer, sofern die Macher den rechten Schauer-Ton treffen.
Seit James Wan – angeblich gar nicht mal so dem Genre verhaftet – herausgefunden hat, dass seine Vorstellung von einer verstörenden Bildgestaltung ausreicht, Massen von Menschen bis auf die Gardinenleiste zu treiben, legt er, angeblich ja inzwischen leicht widerwillig, aber immer noch hochtalentiert, nach. Noch ist das Eisen heiß.
Das fing bei „Insidious“ an, dem es zum Überraschungserfolg gereichte, ging dann zu dem Monsterabräumer „The Conjuring“ über, der offenbar den lokalen Zeitnerv mitten in die Fresse traf und setzte sich dann mit sehr brauchbaren Ergebnissen für „Insidious 2“ und dem von der Kritik zerrissenen, aber für ein schnelles Cash-In wie gemachten Spinoff „Annabelle“ fort.
Das größte Pfund war und ist aber immer noch „Conjuring“, dass einen wesentlichen Vorteil bei westlichen Zuschauermassen pflegt: es trägt seinen christlichen Glaubensunterbau – wenn auch sehr direkt und naiv gestaltet – vor sich her. Nebenbei präsentiert es als Hauptfiguren zwei Personen, die tatsächlich auf dem Gebiet tätig waren und die man als „Vorerzähler“ eben genau dieser filmischen Abenteuer abstempeln kann, das gibt einen leisen, weiteren Originalitätsbonus.
„Conjuring“ ist so die Prada-Tasche unter den Spukfilmen, nur echt mit Aufdruck und wie von einem namhaften Designer erschaffen, ein Qualitätsprodukt mit perfekt angerührter Patina. Dazu mehr oder weniger – eher weniger – Blut und schon darf man die Produktion praktischerweise loben, ohne anrüchig zu erscheinen als angesehener Kritiker, der sich eine spaßige Geisterbahnfahrt ja schon wegen des Berufsethos nicht mehr erlauben darf (zumindest nicht in seinen Zeilen).
Hier kommt also nun „Conjuring 2“ und wenn Teil 1 die Designertasche des Films darstellte, haben Wan und Co für Teil 2 noch deftig Swarowski-Kristalle außen dran geklebt, sogar von unten. Mit über 140 Minuten Lauflänge wirkt der Film wie ein zweiwöchiger Urlaub im All-Inclusive-Club, in den Wan alles gekippt hat, was das Genre (und andere Untergenres) jemals am Start hatten: moderner Geisterhausfilm, dämonische Präsenzen, Exorzist-Referenzen, Poltergeist-Reminiszenzen, Seancen, Ouijaboard, Visionen, Stühlerücken, Möbelfliegen, skeletthaft dürre Gestalten in allen Ecken und jede Menge Jump Scares, wobei man nicht massenhaft aufeinander häuft, um sämtliche Sinne zu beballern, sondern die Geschichte folgerichtig und mit Blick auf wirklich fast alle teilnehmenden Familienmitglieder entwickelnd.
Den Enfield-Geisterspuk gab es tatsächlich und ob nun echt oder nicht – er hat England eine ganze Weile in Acht und Bann gehalten, zumindest solange die Unterhaltungspresse mitmischte. Natürlich stehen die Warrens als Geisterermittler wieder auf der Liste, doch stehen die erstmal neben den „britischen“ Ereignissen und hangeln sich zunächst – das gibt es als nährstoffarmen, aber ungemein populären Bonus – noch durch den legendären Amityvillefall als eine Art James-Bond-Teaser. Da ihre Teilnahme am „Enfield Mystery“ relativ begrenzt war, bringt man die Figuren erst nach und nach zusammen und solange darf man sich den verschiedensten Schrecktechniken hingeben, allen möglichen Nachtängsten und Geräuschen im Dunkel, bis die Bude sich selbst ummöbliert.
Weil aber neben dem ganzen Alter-Mann-Geisterspuk natürlich ein „big baddie“ fehlt, bringen die Warrens noch eine äußerst dämonische Nonne mit ins Spiel, die in einigen Sequenzen echt für feuchte Handflächen sorgt.
Nur im Finale kann der Film wie sein Vorgänger nicht recht punkten, „Conjuring 2“ ist so gut gefüllt, dass es kaum noch Mittel zur Steigerung für einen Showdown mehr gibt.
Auch nicht besonders zahnschmelzschonend ist die süßliche Eheverbindung auf Bibelbasis der Warrens, die hier und da hervor suppt, aber Wan stoppt das alles meistens, bevor der Zuckerschock kommt.
Ausgezeichnete Leistung konstatiere ich allen beteiligten Jungdarstellern, allen voran natürlich Madison Wolfe, während der sonst trocken-spröde Patrick Wilson auch mal mit Augenzwinkern ran darf, sobald er zur Gitarre Elvis nachsingt.
Was man braucht, ist Geduld. Das ist kein Fertigsnack, es gehört schon Geschick dazu, so einen Haufen Gruselversatzstücke mit Geschick so zu ordnen, dass sie sich nicht gegenseitig erschlagen, doch bei über zwei Stunden Lauflänge geht es auch nicht um die bessere Verdauung von Pizza oder Bratnudeln, da ist schon etwas Epos dabei, wenn es angesichts des Genres auch nur „B“-Epos ist.
Wer seinen Horrorgenuß aus einer hohen Schock-Taktung zieht und eine wilde Geisterbahnfahrt mit möglichst wenig Pausen will, wird den Film vielleicht überladen-gezogen empfinden, geht man mit Geduld und Spaß heran, taucht man ziemlich lange Strecken im atmosphärischen Pool am Stück.
Übertroffen werden kann diese Komposition vermutlich nicht noch einmal, aber bei den „Warrens“ ist sicherlich nichts unmöglich, angesichts der Anhäufung fluchbeladener Exponate in ihrem Privatmuseum und der persönlichen Fehde, die die Dämonenwelt offenbar gegen das arme Ehepaar aufgezogen hat.
Für mich, der die „Insidious“-Filme verstörender fand, allein wegen der Fremdartigkeit des Unterbaus, wirkt dieser zweite Teil sogar noch besser nach als das Conjuring-Original, aber vielleicht steh ich auch mehr auf den rasanten Bastard von Kunst und Kintopp. (8/10)