Die Kunst des eleganten Grauens
2013 hat James Wan mit„The Conjuring“ gezeigt, dass man Horror auch mit Klasse erzählen kann – ohne die ewig gleichen Jumpscares, ohne Blutfontänen und ohne den billigen Nervenkitzel. Stattdessen: Atmosphäre, Suspense, Kameraarbeit zum Niederknien und Charaktere, die einem wirklich etwas bedeuten. Drei Jahre später legt er mit „The Conjuring 2“ nach - und liefert einen Gruselschocker alter Schule, der nicht nur mit Schockmomenten, sondern mit Stil, Substanz und Seele daherkommt.
Diesmal geht’s nach England, ins graue, verregnete Enfield der 1970er Jahre, wo eine alleinstehende Mutter (Frances O'Connor) mit ihren vier Kindern plötzlich unerklärliche Dinge erlebt. Möbel rücken sich von selbst, Spielzeug erwacht zum Leben, und eine fiese Stimme aus dem Dunkeln scheint das Familienleben zunehmend zu terrorisieren. Kurz: das klassische Spukhaus-Szenario. Nur eben auf James-Wan-Niveau – also besser, atmosphärischer, nervenaufreibender. Wie schon im ersten Teil betreten Ed und Lorraine Warren (Patrick Wilson und Vera Farmiga – das unerschütterliche Traumpaar des Paranormalen) die Bühne, um zu helfen. Und sie tun es mit jener Mischung aus Empathie, Glauben und einem Hauch Heiligkeit, die sie zu den vielleicht sympathischsten Geisterjägern der Filmgeschichte macht.
Natürlich basiert alles – wie schon bei „The Conjuring“ – auf einem „wahren Fall“. Doch Wahrheit ist hier eher Folklore als Fakt. Wans Film interessiert sich weniger für die Authentizität der Beweise, sondern für die Wahrhaftigkeit der Emotion. Was „The Conjuring 2“ so bemerkenswert macht, ist seine Weigerung, auf die typischen Mechanismen des modernen Horror-Kinos hereinzufallen. Keine inflationären Jumpscares, keine Schockeffekte im Sekundentakt, keine Effekthascherei. Stattdessen: Suspense. Geduld. Atmosphäre. James Wan ist kein Regisseur, der dem Zuschauer einfach einen Schock nach dem anderen vor die Füße wirft. Seine Kamera schleicht, sie beobachtet, sie lauert. Man merkt förmlich, dass er die großen Meister des Genres studiert hat – Hitchcock, Friedkin, Carpenter – und ihnen hier liebevoll huldigt. Er baut Suspense nicht mit Lautstärke, sondern mit Stille auf – und das ist eine Kunst, die viele moderne Horrorfilme längst vergessen haben. Die Atmosphäre ist von Beginn an zum Schneiden dicht. Dunkle Flure, flackernde Lampen, die bedrückende Enge des Londoner Reihenhauses – das alles vermittelt ein Gefühl der Beklemmung, das sich mit zunehmender Laufzeit immer weiter steigert.
Und dann ist da diese Gestalt, die längst ihren eigenen Popkultur-Fußabdruck hinterlassen hat: die Nonne - jene bleiche Dämonengestalt mit unheiligem Schleier, tritt hier zum ersten Mal auf. Ein Schatten im Hintergrund, ein böser Blick in der Dunkelheit. Ihr Auftritt ist knapp, aber nachhaltig. Kein billiger Jump, kein Effektfeuerwerk. Nur pure Präsenz. So stark, dass sie später zwei eigene Filme bekam. Patrick Wilson und Vera Farmiga sind längst das Herz der Conjuring-Reihe. Ihre Darstellung des Ehepaars Warren funktioniert nicht über religiösen Pathos, sondern über Menschlichkeit. Man glaubt ihnen, dass sie nicht nur Dämonen bekämpfen, sondern auch füreinander da sind. Ihr Verhältnis ist von Zuneigung, Vertrauen und tiefer Spiritualität geprägt – fast schon romantisch inmitten all des Grauens. Frances O’Connor als überforderte Mutter bringt eine bemerkenswerte Bodenständigkeit ins Spiel – keine hysterische Opferrolle, sondern eine Frau, die kämpft, weil sie gar keine andere Wahl hat. Doch die wahre Überraschung des Films ist Madison Wolfe. Ihre Darstellung der besessenen Janet ist schlicht sensationell – eine Performance, die irgendwo zwischen Angst, Schmerz und Verzweiflung balanciert, und dabei nie ins Theatralische kippt. In ihren Augen liegt eine Mischung aus kindlicher Unschuld und unheimlicher Leere – ein Balanceakt, den sie mit erstaunlicher Reife meistert. Diese junge Schauspielerin trägt große Teile des Films auf ihren Schultern – und sie tut es mit Bravour.
„The Conjuring 2“ ist, trotz seiner meisterlichen Inszenierung, etwas zu lang geraten. Mit 134 Minuten dehnt sich die Spannung an manchen Stellen zu sehr, kleine dramaturgische Wellen verlieren sich im Spuknebel. Doch das ist Klagen auf hohem Niveau – wer sich so wohldosiert gruselt, darf sich auch Zeit lassen. Was diesen Film so besonders macht, ist seine doppelte Bewegung: „The Conjuring 2“ ist sowohl eine Verneigung vor den Klassikern als auch ein selbstbewusstes Statement des modernen Horrors. Wan zitiert ohne zu kopieren, spielt mit Konventionen, ohne ihnen zu verfallen. Er knüpft an „The Exorcist“ und „The Haunting“ an, aber mit der Ruhe und Präzision eines Regisseurs, der weiß, dass die wahre Angst nicht im Schock, sondern in der Stille lauert.
Fazit
„The Conjuring 2“ ist ein wunderbar altmodischer, elegant inszenierter, zutiefst effektiver Gruselschocker – intelligent, atmosphärisch, mit einem Hauch Nostalgie und einer Menge Stil. Ein Werk, das die Mechanik des Grauens beherrscht, aber niemals die Eleganz verliert. James Wan vertraut auf die stillen Mittel: Atmosphäre, Charaktere, filmisches Handwerk. Er huldigt seinen Vorbildern, aber er imitiert sie nicht. „The Conjuring 2“ ist ein Beweis dafür, dass James Wan die feine Klinge des Horrors so virtuos führt wie kaum ein anderer.