Oscar Isaac spielt den Mutanten Apocalypse, der unter dem Namen En Sabah Nur im alten Ägypten lebte. Aufgrund seiner Fähigkeit, sich die Talente anderer Mutanten anzueignen, beherrschte er die antike Welt, bis er verraten und unter einer einstürzenden Pyramide begraben wurde. Nun, in den 1980er Jahren erwacht er und muss zu seinem Missfallen feststellen, dass die Menschen über die Mutanten herrschen, die in der Welt mit ihren komplexen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen keine allzu dominierende Rolle einnehmen. Um das zu ändern, versucht er, diese Systeme zum Einsturz zu bringen. Er schart er einige Mutanten um sich, darunter den verbitterten Magneto, gespielt von Michael Fassbender, der soeben Frau und Kind verloren hat. Professor X, gespielt von James McAvoy, und seine X-Men stellen sich dem übermächtigen Mutanten und seinen Mannen dennoch entgegen.
Vor knapp zehn Jahren begann Marvel damit, ein regelrechtes Universum von Superhelden aufzubauen, sodass auch bei den Soloabenteuern der einzelnen Helden eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter mit von der Partie ist. Und da DC neuerdings mitzieht, werden die Vernetzungstendenzen im Comic-Genre eher weiter zu- als abnehmen. Während es einige altgediente Reihen, wie etwa den Solo-„Spider-Man“, die nicht zum Kosmos von Marvel und DC gehören wollten, nach und nach dahingerafft hat und lediglich mit den „Guardians of the Galaxy“ eine unabhängige Reihe etabliert werden konnte, stellen die X-Men, die immerhin seit 2000 die Leinwände bevölkern, eine der letzten Ausnahmen dar. Mit gleichbleibend hoher Qualität ist die Reihe das wohl letzte Kontinuum in einem Genre, das in den letzten zehn Jahren gewaltig umgekrempelt wurde, wenngleich auch die „X-Men“ mittlerweile über zwei Zeitlinien und die „Wolverine“-Spin-Offs verfügen. Und auch der neue Film dürfte überzeugend genug sein, um die Mutanten weiter als eigenständige Franchise zu erhalten.
Dabei begeht Bryan Singer, Regisseur von „X-Men“, „X-Men 2“ und „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“, eigentlich einen schweren Fehler: Er setzt auf einen übermächtigen Superschurken, der es problemlos mit einer ganzen Armee von Mutanten aufnehmen kann. Das sieht im Trailer meist bedrohlich und vielversprechend aus, sorgt aber für einen vorhersehbaren Verlauf und meist für einen CGI-Overkill beim Showdown. Genau dadurch wurde zuletzt das Vergnügen bei „The Avengers: Age of Ultron“ etwas getrübt, während „Batman v Superman“ an diesem und weiteren Mängeln grandios scheiterte. Dass der sonst so charismatische und wandelbare Oscar Isaac in dieser Rolle unter Gummi, Plastik und Make-Up kaum zu erkennen ist, macht es nicht besser.
Nichtsdestotrotz ist „X-Men - Apocalypse“ ein über weite Strecken unterhaltsamer Film geworden, wenngleich eine Viertelstunde Laufzeit weniger es sicherlich auch getan hätte. Es sind die üblichen Konflikte unter den Mutanten, vor allem ihr vieldiskutiertes Verhältnis zu den Normalmenschen, die auch im sechsten Film der Reihe aufgrund neuer Facetten für eine gelungene dramaturgische Untermalung sorgen. Diesmal steht dem eher pazifistischen und optimistischen Professor X mit Apocalypse ein Konterpart gegenüber, der nicht unter den Menschen leben, sondern sie beherrschen will, der keinerlei Kompromisse zulässt. Zwischen diesen beiden Polen steht der von Michael Fassbender gespielte Eric Lehnsherr bzw. Magneto, der um einen weiteren, sehr persönlichen Background erweitert wird. Seine Wut auf die Menschen wird verständlich, seine widersprüchliche Figur von einem gewohnt präsenten Michael Fassbender verkörpert, der aus einem starken Cast noch herausragt. Überhaupt ist auch dieser „X-Men“ mit James McAvoy, der gewohnt versierten Jennifer Lawrence, einem überzeugenden Nicholas Hoult und auch einigen unverbrauchten, neuen Gesichtern ausgezeichnet besetzt. Letztere verkörpern einige neue bzw. aus der Ur-Trilogie bekannte Mutanten, die sich hervorragend in den „X-Men“-Kosmos dieser zweiten Zeitlinie einfügen. Schade nur, dass die 80er Jahre als historische Kulisse eine allzu untergeordnete Rolle spielen. Was den historischen Kontext angeht, waren die Vorgänger da definitiv gelungener.
Auch erzählerisch ist der etwas kalkulierbare Film, der einen klaren Spannungsbogen aufweist und trotz der gewaltigen Menge an Mutanten und Figuren weitgehend den Überblick behält, durchaus gelungen, wenngleich es kleinere Längen zu bemängeln gibt. Was Action und Animation angeht, wird zwar wenig Bahnbrechendes geboten, das ist aber auch schwer geworden in einer Zeit, in der Comic-Verfilmung auf Comic-Verfilmung folgt, in der die Welt im Wochentakt in Schutt und Asche gelegt wird und alles nur Denkbare problemlos auf die Leinwand gezaubert werden kann. Stattdessen gibt es am Anfang eine einfallsreiche Sequenz im Zeittunnel, im Mittelteil eher dosierte Action. Sehenswert ist dabei vor allem der in Ultra-Zeitlupe stattfindende Sprint von Quicksilver durch die explodierende Schule, der sehr eindrucksvoll und vor allem auch sehr originell geworden ist. Der Showdown, bei dem es dann dem Supermutanten an den Kragen gehen soll, während die Städte der Welt auseinander genommen werden, rundet einen sehenswerten Film schließlich gelungen ab. Dass beim Kampf gegen den Übermutanten der stets drohende Overkill gerade noch abgewendet wird, liegt vor allem daran, dass das Finale auf drei Ebenen funktioniert. Es gibt einigermaßen bodenständige Kämpfe zwischen einzelnen Mutanten zu sehen, während parallel der entfesselte Magneto für Bombast und Endzeitstimmung sorgt. Das Duell zwischen Professor X und Apocalypse findet derweil auf mentaler Ebene statt, was Singer etwas surreal, aber visuell durchaus eindrucksvoll bebildert. Damit ist das Finale vor allem aufgrund des Abwechslungsreichtums absolut sehenswert.
Fazit:
Der ganz große Wurf ist Bryan Singer zwar nicht gelungen, weil er auf einen allzu übermächtigen Gegenspieler setzt und sich damit haarscharf an der Grenze zum Overkill an Bombast und CGI bewegt. Doch auch dieser „X-Men“ ist letztlich sehenswert, weil die Action-Szenen überzeugen und auch diesmal ein interessanter Grundkonflikt im Mittelpunkt steht. Die neuen Gesichter fügen sich indes in den von Mutanten nur so überschäumenden Film gelungen ein, der dennoch mit Übersicht und durchweg mit darstellerischer Klasse zu überzeugen weiß.
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