"Bob le Flambeur", Jean-Pierre Melvilles vierter Langfilm, ist einerseits ein Klassiker des französichen Kinos und andererseits eine Vorlage für viele kontemporäre Gangster- und Überfallfilme. Selbstverständlich kann er mit der heutigen Rasanz, die ein Gangsterfilm haben muss, um ein breites Publikum anzusprechen nicht mithalten. "Bob le Flambeur" besitzt (zusammen mit dem restlichen Werk von Melville) jedoch ganz eigene Vorzüge, wie beispielsweise die Vorreiterschaft in Bezug auf ein ganzes Genre und die Schaffung einer Ästhetik, die sich heute bei Regisseuren wie John Woo, Quentin Tarantino oder Guy Ritchie wiederfinden lässt.
Worum geht es in dem Film? Der Hauptprotagonist "Monsieur Bob" ist ein gealterter Ganove und Spieler, den das Glück verlassen hat. Dadurch gerät er in finanzielle Schwierigkeiten. Als er von einem Freund erfährt, dass in der Grand-Prix Nacht im Casino von Dauville die kolossale Summe von achthundert Millionen Francs im Haupttresor erwartet wird, trifft er den Entschluss seinen letzten Coup zu planen. Hierfür stellt er ein Team an Bekannten zusammen, die ihm dabei helfen sollen. Der Überfall wird in der Folgezeit minuziös geplant, wobei die Bande erstmals die Pläne des Casinos von einem Croupier erpressen muss. Anschließend soll noch ein Finanzier für die Operation angeheuert werden.
Während der Vorbereitung des Coups muss sich Bob mit diversen Problemen auseinandersetzen. Innerhalb der Gruppe gibt es einen Jungen mit einem sehr losen Mundwerk, so dass eine "femme fatale" von dem Überfall erfährt. Gegen Ende des Films haben sich so viele Gerüchte herumgesprochen, dass selbst die Polizei von dem Vorhaben der Bande informiert ist. In der großen Nacht läuft nichts wie geplant, doch seltsamerweise hat Bob nach langer Zeit wieder Glück am Spieltisch...
Allein anhand dieser kurzen Inhaltsangabe wird der versierte Genrekenner, die ein oder anderen Elemente aus kontemporären Filmen wiederfinden. Ich erinnere vor allem an die Story eines Films wie "Ocean's Eleven". Außerdem klaute der größte Dieb der Filmgeschichte Quentin Tarantino auch aus "Bob le Flambeur"; die Szene, in der die Gangster den Coup besprechen, lässt sich 1:1 in "Reservoir Dogs" wiederentdecken.
Besonders postiv fand ich an "Bob le Flambeur", dass eine Stimme aus dem Off die Geschichte dieses gealterten Spielers erzählt. Außerdem schloss ich die Figur "Bob" sofort ins Herz, da seine Motive, seine Taten und seine persönlichen Einstellungen abseits der Gaunerei, ihn als einen guten Menschen charakterisieren. Beispielsweise lehnt er Prostitution und Zuhälterei wehement ab. Aus diesen Gründen heißt wohl auch das Remake aus dem Jahre 2002 "The Good Thief".
Wie bereits erwähnt, zeichnet sich Melvilles Film eher durch eine langsame Erzählweise aus, die den meisten Genrefans heutzutage eher nicht mehr zusagen würde. Die wenigen aber großartigen Dialoge werden im Gegensatz umsomehr akzentuiert. Die französische Gangstersprache der 1950er Jahre unterscheidet sich doch grundlegend von der, die in einem Film wie "La Haine" zu hören ist.
Nein, "Bob le Flambeur" ist kein intellektueller Film; diesen Anspruch besitzt er auch nicht. Es handelt sich schlicht und einfach um einen großartigen Genrefilm. Dennoch wandten sich einige Radikalisten einer gewissen Bewegung, die Ende der 50er in Frankreichs Filmlandschaft aufkeimte, gegen einen solchen Erzählstil.
Wer Filme wie "Pulp Fiction" oder die grottige Kopie der Kopie "Der blutige Pfad Gottes" "cool" findet, sollte sich mal dringend "Bob le Flambeur" oder einen anderen Film von Melville ansehen.
8/10 für einen großen Klassiker