Nach einigen eher weniger beachteten Frühwerken erlebte Adam Wingard einen gehörigen Karriereaufschwung mit seinem home invasion-Terrorfilm "You're Next" (2011), der eher im giallo und in Agatha Christie-Mysteries verwurzelt ist als im Slasherfilm – und in erster Linie [Achtung: Spoiler!] als schwarze Komödie über das Geschäft mit der Gewalt auftritt: Eine Familie, die ihren Reichtum dem Geschäft mit der Gewalt bzw. mit Waffen verdankt, wird aus reiner Geldgier mittels brutaler Gewaltanwendung dezimiert – von den eigenen Angehörigen; eine Survival-erfahrene Frau, die als Tochter eines verschrobenen Aussteigers in vielerlei Hinsicht außerhalb dieser gewalttätigen Gesellschaft steht, überlebt den über sie hereinbrechenden Alptraum nur dadurch, dass sie ihrerseits zu exzessiver Gewalt greift. Und Wingard bietet diese teils ironische, teils zynische Handlung in einem (post)modernen Horrorfilm dar, der seinerseits stets ein Geschäft mit der Gewalt betreibt. "You're Next", der im Titel eine(n) jede(n) Zuschauer(in) direkt anspricht, war nicht zuletzt auch ein Film über Bilder der Gewalt; ein Film, der Erwartungen und Gewaltgeilheit zuvorkommend bedient, sich aber immer wieder auch ironisch distanziert... ein Film, dem es letztlich so geht wie seiner Hauptfigur: er dient der Gewalt, obgleich er ihr zugleich entflieht.
Nach diesem Horrorfilm über Bilder der Gewalt – und dem Thriller "The Guest" (2014) – folgt nun ein Horrorfilm über die Gewalt der Bilder, der – was das Marketing lange geheimgehalten hat! – ein Sequel zum Auslöser der langlebigen Welle als Found Footage getarnter Horrorfilme darstellt. "Blair Witch" – zunächst als "The Woods" beworben – ist natürlich eine Fortsetzung zum 1999er Überraschungserfolg "Blair Witch Project"; und eine kleine Enttäuschung, wenn man von Wingard neuerlich eine ironische und gehaltvolle Annäherung an das (Sub-)Genre erwartet.
Dabei war schon "Blair Witch Project" – der gefaketes Found Footage-Material beileibe nicht als erster Film verwendete,[1] es aber im Mainstream-Kino erst so richtig als permanent durchgehaltene Technik en vogue werden ließ – ein doppelbödiges Spiel mit der Macht der Bilder: Ein Film, der Kennzeichen des Authentischen für das Gefakete übernimmt, der mit Leerstellen und dem Off, mit der Schwärze und dem bis zur Unkenntlichkeit Verwackelten mehr bewies als mit dem, was tatsächlich im Bild festgehalten wird... Und als Heather – die 1994 mit zwei Freunden in die Wälder von Burkittsville aufbricht, um dort für ihre Dokumentation über die örtlichen Hexenlegenden zu filmen – schließlich mit ihren Begleitern vom Unbekannten terrorisiert wird (um spurlos zu verschwinden), geht es im Dialog nicht bloß um die – in den Filmen der Faked Found Footage-Welle seit "Cannibal Holocaust" (1980) so leidige – Frage, weshalb sie überhaupt unermüdlich weiterfilmt ("It's all I fucking have left!"), sondern auch darum, dass das Videobild die Realität nicht mehr real erscheinen lässt: "It's not quite reality. [...] It's totally like a filtered reality, man. It's like you can pretend everything's not quite the way it is."
"Blair Witch Project" kann aber kaum ohne einen Blick auf "Curse of the Blair Witch" (1999) betrachtet werden, den ebenfalls Daniel Myrick & Eduardo Sánchez drehten und der gewissermaßen die Fake-Dokumentation zum Fake Found Footage-Genrefilm darstellt: Ebenfalls eine mockumentary, die sich aber noch stärker vom Spielfilm entfernt und noch mehr mit dem Dokumentarfilm liebäugelt. Hier inszenieren die Filmemacher vermeintlich authentisches Material aus den 90er, 70er und 40er Jahren, welches sie neben zahlreichen Dokumenten über das 19. und 18. Jahrhundert einbinden, um über das vermeintlich reale Verschwinden der Studentin Heather und ihrer Begleiter und über die Geschichte des Hexenglaubens und der damit verbundenden, unheimlichen Zwischenfälle in Blair/Burkittsville zu berichten. Diese vermeintliche Doku war noch vor dem Kinostart von "Blair Witch Project" zu sehen gewesen (wenngleich "Blair Witch Project" schon auf einigen Festivals die Runde gemacht hatte) und bewies nicht nur das Fingerspitzengefühl der Filmemacher, wenn es um das glaubwürdige Täuschen geht, sondern stellte auch noch einen irreführenden Marketing-Gag dar, um die vermeintliche Wahrheit der Bilder von "Blair Witch Project" zu bekräftigen; wofür man seinerzeit auch das noch junge Internet erfolgreich nutzte, indem man etwa schon 1998 die vermeintlich über Tatsachen informierende Seite www.blairwitch.com erstellte.
"Curse of the Blair Witch" trug zudem mehr als der Hauptfilm zum selbsterschaffenen Blair Witch-Mythos bei, der in dieser mockumentary Gestalt annimmt: 1785 wird Elly Kedward von einigen Kindern in Blair, Maryland der Hexerei beschuldigt. Man verurteilt sie und überlässt sie mitten im Winter – an einen Baum gebunden – der Wildnis. All jene, die sie beschuldigt oder verurteilt haben, verschwinden im Jahr darauf wie die meisten Kinder des Dorfes spurlos. Die Gemeinde verlässt Blair, wo 1824 Burkittsville entsteht. Dort kommt kurz darauf ein Mädchen in einem Bach um – Augenzeugen wollen einen nebelartigen Arm gesehen haben, der das Kind ertränkt hat. In den 1880er Jahren verschwindet ein Kind in den Wäldern, taucht wieder auf und gibt an, von einer unheimlichen Frau entführt und in einem Keller eingesperrt worden zu sein. Ein Suchtrupp bricht in die Wälder auf und wird später massakriert aufgefunden: gefesselt, ausgeweidet, verziert mit in die Haut geritzten Symbolen. In den 1940ern ist es dann ein Mann namens Rustin Parr, der sieben Kinder entführt und tötet – im Auftrag des Geistes einer alten Frau, wie er den Ermittlern später gesteht. Und 1994 verschwinden dann die drei jungen Leute, als sie am Blair Witch Project über die lokale Legende arbeiten und nahe Burkittsville Filmaufnahmen machen wollen... Mehr oder weniger alle fünfzig Jahre scheint sich in Burkittsville ein böser Fluch zu erfüllen.
Selbst als "Book of Shadows: Blair Witch 2" (2000) unter der Regie des vornehmlich für true crime-TV-Dokus bekannten Joe Berlinger als reiner, konventioneller Spielfilm in die Kinos kommt (und von einer Gruppe Neugieriger handelt, die unter Begleitung des Fremdenführers Jeff Patterson den seit dem Blair Witch Project-Fall populären Ort Burtkittsville aufsucht, bis sich alle unter übernatürlicher Einflussnahme gegenseitig an die Gurgel gehen), wird der vermeintlich echte Blair Witch-Mythos noch aufrecht erhalten: In "Shadow of the Blair Witch" (2000), der mockumentary zum Spielfilm-Sequel, wird "Book of Shadows: Blair Witch 2" als Verfilmung vermeintlich wahrer Tatsachen – nämlich der natürlich rein fiktiven 1999er Black Hills-Morde Jeff Pattersons – präsentiert, wobei die Black Hills-Morde nun ebenso zum zentralen Thema werden wie der Blair Witch-Mythos in "Curse of the Blair Witch".
Dann wird es ruhig um die noch junge "Blair Witch Project"-Reihe, derweil mit Filmen wie "The Last Horror Movie" (2003), "Noroi" (2005), "The Poughkeepsie Tapes" (2007), "Cloverfield" (2008), "Trolljegeren" (2010), "The Sacrament" (2013), "The Houses October Built" (2014) oder "As Above, So Below" (2014) und mit den den Filmreihen um "August Underground" (2001), "[Rec]" (2007) und "Paranormal Activity" (2007) die Found Footage-Ästhetik einen wahren Boom erlebt: um schließlich in einem Film wie "Cybernatural" (2014) zu münden, wo nur noch – ohne jeden klassischen Schnitt – die Bildschirmoberfläche eines Laptops den Ort eines Geschehens zwischen eMails, Chats und Internetseiten, zwischen Youtube, Facebook und Skype abgibt. (Und zeitgleich boomen auch die film- und medienwissenschaftlichen Untersuchungen der Medialität im Horrorfilm.) Selbst Regiegrößen wie George A. Romero ("Diary of the Dead" (2008)) und Barry Levinson ("The Bay" (2012)) liefern Beiträge zu diesem Boom ab, während angehende Jungregisseure wie z.B. John Erick Dowdle geradezu auf die Found Footage-Ästhetik festgelegt zu sein scheinen; und mit "V/H/S" (2012) gerät diese Ästhetik zum gemeinsamen Nenner eines Episoden-Horrorfilms: Adam Wingard hat als einer von insgesamt zehn Regisseuren die Episode "Tape 56" beigesteuert.
Als Fake Found Footage-erfahrener Filmemacher und erfolgreicher, gefeierter Genre-Jungfilmer scheint er der ideale Mann für ein "Blair Witch Project"-Sequel zu sein; doch Wingard, der das erste Sequel mehr oder weniger überspringt und bloß einige Details zum Blair Witch-Mythos aufgreift, die im Dunstkreis von "Book of Shadows: Blair Witch 2" entstanden oder zumindest gefestigt worden sind, hat nun die undankbare Aufgabe, einen Horrorfilm fortzusetzen, der – stärker als viele spätere Nachahmer dieser Ästhetik – vor allem auf das Verhüllen und das Verschweigen setzt. Um nicht wie ein Remake daherzukommen, muss "Blair Witch" die Ereignisse des Originals ausbauen und mit neuen Elementen anreichern – und darf zugleich nicht die Geheimnisse des Blair Witch-Mythos entzaubern.
Letzteres gelingt "Blair Witch" nicht so recht: Zwar ist Wingard bemüht, seinerseits neue Geheimnisse aufzubauen, lässt nun aber – wie das schwächere erste Sequel – keinen Zweifel am übernatürlichen Wirken einer Hexe und entbehrt damit eine der größten Qualitäten des Originals, welches auch in den letzten Bildern noch den Schluss zulässt, dass man Zeuge von zwar ausgesprochen unheimlichen, aber nicht unbedingt unerklärlichen Vorgängen geworden ist. "Blair Witch" hingegen lässt [Achtung: Spoiler!] spätestens dann, wenn das Zerbrechen einer Voodoo-Figur aus Zweigen schlagartig das tödliche Zerbrechen einer Nebenfigur nach sich zieht, keinen Zweifel mehr am burkittsviller Hexentreiben. Der Film wird in dieser Beziehung ausgesprochen (über)deutlich, wenngleich auch er halbwegs darauf achtet, mit Schwärze & Undeutlichkeit zu hantieren, um das Unheimliche & Unbekannte zu verbergen. Aber auch dieses Spiel mit der Leerstelle und der Unkenntlichkeit geht bei Wingard weniger weit: Immer wieder sieht man, wie die Körper gefallener Figuren von geradezu übermenschlichen Kräften ins Off gerissen werden; und gegen Ende huschen dann in der Nähe des Hexenhauses immer wieder schemenhafte Gestalten umher, von denen die Bedrohung auszugehen scheint: eine nackte, dürre Frauengestalt lauert den Figuren auf, wie Geister erscheinen und verschwinden die Gestalten, in denen die Hauptfiguren ihre Bekannten vermuten, und eine Nebenfigur wird – getrieben vom Einfluss der Hexe von Blair – zum Mörder in der Tradition Rustin Parrs (in die er sich selbst ganz explizit stellt; Subtilität ist nicht gerade die Stärke dieses Films). Dass man nun prima darüber streiten kann, welche dieser schemenhaften Gestalten nun Hexe oder besessenes Opfer oder gar bloßer Spuk sind, ist bei weitem nicht Geheimnis genug, um an das zurückhaltendere Original heranzureichen.
Diese deutlicheren Andeutungen sind Zeichen einer Überbietungstaktik, mit der Wingard seinen Film erstellt: Lief man im Original noch im Kreis (wofür das Publikum eher die Dummheit der Figuren verantwortlich machen konnte, die – gleichwohl studiert – nicht einmal in der Lage waren, einem Flussverlauf zu folgen), so ist es hier eindeutig der Raum selbst, der sich ausdehnt und krümmt (ein wenig wie die Psychatrie in "Grave Encounters" (2011), der sich ebenfalls einer Found Footage-Ästhetik bedient); erschallten im Original die Schreie des ersten Verschwundenen ganz überraschend erst nach äußerst langer Zeit, so ist es hier die Zeit selbst, die sich ausdehnt und krümmt (und die Frage aufwirft, weshalb die Hexe von Blair denn zuvor im 50-Jahres-Rhythmus ihr Unwesen getrieben hat, wenn sie die Zeit ohnehin beschleunigen oder verzögern oder zurückspulen kann und nun auch nach bloß 20 Jahren wieder im großen Umfang zuschlägt): Der zwielichtige, jugendliche Führer der Hauptfiguren wird – als er die Gruppe an der Nase herumführt – verstoßen und taucht am Abend desselben Tages wieder auf; völlig verwildert & mitgenommen stammelt er, dass er nun schon fünf Tage im Wald umhergeirrt sei. Und als dann am nächsten Tag auch am Vormittag noch kein Sonnenaufgang in Sicht ist, erleben die Hauptfiguren dieses unheimliche Phänomen am eigenen Leib. Wingard, der hiermit vagen Andeutungen des subtileren Originals treu bleibt und Fan-Theorien aufgreift, die schon Jahre vor seinem Sequel die Runde machten, kann somit auf die – weniger unheimlichen – Tagesszenen verzichten und entspinnt immerhin äußerst effektiv eine klaustrophobische Stimmung: seinem Wald ist nicht zu entkommen. Eine gelungene, bedrohliche Tonmischung, zahlreiche jump scares und hysterische Panik unter den Figuren sorgen in der zweiten Hälfte des Films gekonnt für haarsträubendes Grausen. Auch die Gewalt wird hier gehörig angezogen und statt eines blutigen Bündels ausgerissener Zähne (wie es im Original zu sehen ist) gibt es hier zerbrochene Menschen, Messerstiche und entzündete Wunden, aus denen man sich angewidert lange, dicke Tausendfüßler herauszieht: eine etwas selbstzweckhafte Körperhorror-Szene, die allenfalls noch als Androhung, dass das Böse in "Blair Witch" problemlos in einen hineinfahren kann, ein wenig Bedeutung in sich trägt.
Wingard schießt aber etwas über das Ziel hinaus, wenn er – mit Blick auf ein möglichst überraschendes Ende – die außer Kraft gesetzten Naturgesetze in eine unnötige Zeitschleife münden lässt: Das auf 2014 datierte Video, das Heathers Bruder zu Beginn des Films im Internet entdeckt hat und das eine schemenhafte, gehetzte Gestalt in jenem Gemäuer zeigt, in welchem Heather 1994 zuletzt zu sehen war (woraufhin der Bruder seine Schwester zu erkennen glaubt und mit Freunden nach Burkittsville aufbricht), entpuppt sich gegen Ende als exakt jenes Video, welches eine der weiblichen Hauptfiguren dreht, als sie panikerfüllt Heathers Bruder in das Hexenhaus folgt. Dieser völlig überflüssige plot twist scheint bloß um seiner selbst willen vorhanden zu sein;[2] als möglichst originelle Wendung, die immerhin den Nebeneffekt hat, dass die ausgesprochen unglaubwürdige Motivation der Hauptfigur – die nach 20 Jahren wegen der undeutlichen Figur einer Videoaufzeichnung nach der verschollenen Schwester sucht und sich äußerst unbewaffnet auf den Weg macht, obwohl von einem Verbrechen auszugehen war – hinter einem fatalistischen, vorgezeichneten Kreislauf zurücktritt: Heathers Bruder ist bloß überzeugt davon, wegen einer womöglichen Aufnahme seiner verschollenen Schwester loszuziehen, derweil er schon längst im Bannkreis der Blair Witch steckt. (Und Heather selbst geistert womöglich tatsächlich noch als Besessene in den Wäldern umher: Der Film schließt solch eine Lesart nicht aus, weist sie aber auch keinesfalls als einzig mögliche aus. Er liefert bloß genug Freiraum für Theorien, über die sich Blair Witch-Fans dann nach Herzenslust streiten können.)
Erfreulich ist der Umstand, dass die Überbietungstaktik des Films auch vor der Technologie nicht haltmacht: Die Hauptfiguren machen sich GPS- & kameratechnisch bestens ausgerüstet auf den Weg und können selbst Aufnahmen einer Drohne sichten. Und je beängstigender die Lage wird, desto häufiger filmen die Figuren bloß noch mit ihren am Kopf getragenen bluetooth-Kameras, sodass der Film zunehmend in die POV-Ästhetik rutscht; gegen Ende kommt dann auch wieder eine ältere Videokamera zum Einsatz, mit welcher eine der Heldinnen auch das Geschehen hinter sich im Auge behält. "Blair Witch" ist gemeinsam mit dem Original schon deshalb ein interessantes Doppelpack, weil der technische Fortschritt in diesen unterschiedlichen Fake Found Footage-Werken überdeutlich zutage tritt; und wenn "Blair Witch" gegenüber dem Original überhaupt einen Vorteil besitzt, dann besteht er darin, dass die verfeinerte Technik, über welche die Figuren verfügen, die Fallhöhe weit größer werden lässt, wenn sich gegen Ende die innere Verfassung der Figuren immer deutlicher in die Verfassung der Filmbilder einschreibt: Alles wird hektischer, grisseliger, zu hell oder zu dunkel – und der Wandel ist radikaler als er es 1999 war. Zu einer Aussage über Macht und Bedeutung der Bilder kommt Wingard aber dennoch nicht. (Und Anschlussfehler, die dafür sorgen, dass die Found Footage-Ästhetik gelegentlich unglaubwürdig bzw. sinnlos erscheint, gibt es auch noch...)
So ist "Blair Witch" weder der Film, den man nach "You're Next" erwarten wollte, noch der Film, der an "Blair Witch Project" heranreicht. Es ist allerdings eine kurzweilige, wirksame Geisterbahnfahrt, die Wingard hiermit anbietet – und einer der besseren Horrorfilme in Found Footage-Ästhetik noch dazu. Mit weniger eindeutig übernatürlichem Treiben und größerer Reflexionsbereitschaft über das Filmbild an sich – das hier ja nicht bloß (subgenregemäß) explizit hervorgehoben wird, sondern sogar den Grund für diese Reise nach Burkittsville abgibt – wäre aber sicherlich ein subtilerer, gehaltreicherer Film möglich gewesen.
6,5/10
1.) Würde man "Blair Witch Project" selbst in eine Tradition der Found Footage-Ästhetik stellen wollen, so wären als damals junge Filmerfolge sicherlich der nur spärlich, dann aber intensiv auf vorgefundene Videobilder setzende "Ringu" (1998) und der belgische Festivalerfolg "C'est arrivé près de chez vous" (1992) zu nennen, während unter älteren Werken "Cannibal Holocaust" (1980) und "Punishment Park" (1971) eine wichtige Vorbildfunktion einnehmen dürften. Und es ist sicher kein Zufall, dass die Filmemacher ihre Produktionsfirma Haxan Films getauft und damit auf Christensen "Häxan" (1922) Bezug genommen hatten: Denn schon Christensens Film – der freilich von Found Footage noch nichts wusste – verwischt als einer der ersten Filme gezielt & gekonnt die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentation; unnötig zu sagen, dass es dort ebenfalls um Hexentreiben & Hexenglauben geht.
2.) Von dieser Pointe einmal abgesehen endet "Blair Witch" letztlich wie das Original 17 Jahre zuvor. Nun erfährt man jedoch noch – wie aus dem Regelwerk eines blöden Gesellschaftsspiels – von der These, dass man der Hexe ins Gesicht sehen müsse, um ihrem Treiben zu unterliegen; wofür sie allerdings allem Anschein nach zu sorgen weiß.