Review

Der Tod eines gekränkten Männerstolzes

Wer zweimal den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnt, kann sich zu den ganz Grossen neben Fellini, Bergmann & Co. zählen. Herr Farhadi aus dem Iran darf das seit diesem Wochenende, denn "The Salesman" gewann wie "Nader & Simin" vor ein paar Jahren den Goldjungen der Academy. Zwar schreibe ich diesen Sieg auch ein ganzes Stück der politischen Lage & Zeichensetzung zu, zum Nachteil unseres Meisterwerks "Toni Erdmann", doch auch "Forushande", wie er im Original heißt, ist einer der besten Filme, die das europäische Kino in diesem Jahr hervorgebracht hat. Nicht ganz so gut wie der erste Oscargewinner des mutigen Regisseurs, aber ein starkes Slowburn-Drama-Stück, dass geschickt ein persönliches Schicksal eines Ehepaars mit der Lage des Irans verknüpft, ohne dabei zu auf die Nase zu sein. 

Die emotionale Story gibt dem Zuschauer fragen zu unberechenbaren Gefühlen an die Hand: Rache & Vergebung, Hass & Liebe, Ehre & Stolz, Wahrheit & Lüge. Es geht um ein iranisches Theater-Schauspieler-Pärchen, dass sich eine neue, nicht sehr luxuriöse Unterkunft sucht, da ihr altes Haus kurz vor dem Zusammenbruch steht & evakuiert wurde. Doch schon an einem der ersten Abende wird die Ehefrau schwer verletzt & scheinbar misshandelt im Bad gefunden, wonach sich der Mann auf die Suche nach dem Täter macht & versucht Frust, Trauer & Angst nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Klingt nach einer klassischen Rachestory, geht jedoch viel tiefer, bietet wesentlich weniger Tempo & Action. Das Setting ist exotisch & wirkt extrem real, die Missgunst & Skepsis gegenüber der Staatsmacht ist jederzeit spürbar. Die ohnehin schon beängstigende Situation bringen zwei der besten Schauspieler Irans noch näher an den Zuschauer. Oft wirkt das nicht mehr wie Schauspiel sondern schlicht schmerzhaft real, rau & roh. Schauspielkunst aus einem gar nicht so fernen Land! Außerdem extrem interessant: das Böse ist nicht immer pur, einseitig böse. Mehr will ich hierzu aber nicht verraten.

Das Finale schlägt ein paar unerwartete Haken & wirft eher ethische Fragen auf als kathartisch zu befriedigen. Muss man mit leben, fällt mir jedoch schwer. Dazu fiel es mir im umhermäandernden Mittelteil noch schwerer die Augen aufzuhalten & so richtig will der Film weder zum Ziel kommen noch klar Stellung beziehen. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt sind die ausgedehnten Ausflüge ins Theater mit der iranischen Version von "Death of a Salesman", deren Verbindung zur gesamten Geschichte mir auch eher schwammig vorkommt. Alles typisch Farhadi & sehr bedacht, insgesamt ein weiterer Beweis für das starke iranische Kino. Richtig neu oder begeisternd ist das allerdings nicht mehr. Gerade wenn man bessere, ähnliche Filme wie "Under the Shadow" in letzter Zeit sehen durfte. Wer jedoch wenig Kontakt mit dem arabischen Kino hatte in letzter Zeit & einen hochaktuellen Film sehen will, eine Brücke zum aufgeschlossenen Teil der arabischen Welt, einen emotionalen Wirbelsturm & Migräneanfall, dann kann man mit "The Salesman" kaum etwas falsch machen.

Fazit: eindringlich, emotional, wichtig für den Iran. Ein weiterer Topfilm von Ashgar Farhadi, der sich spätestens jetzt als Meister bezeichnen darf. Jedoch ein Stück von seinem Schaffenshöhepunkt entfernt & etwas zäh. Das kann er noch besser!

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