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"Dead Man" ist Jim Jarmuschs Umkehrschluß aus sämtlichen "Go west"-Filmen der 50er und 60er Jahre. Anstatt dass John Wayne einen ganzen Wagenzug Richtung gelobtes, westliches Land führt, bringt ein Zug den Buchhalter William Blake in die wahre Hölle. Schon in der Pre-Title-Sequenz wird klar, welche Töne Jarmusch hier anschlägt: Je näher sich Blake alias Johnny Depp der "Zivilisation" nähert, desto voller wird der Wagon, desto verkommener werden die Passagiere. Der hübsche Horizont mutiert zu einer grauen Müllhalde.

Und auch in dem angeblich fortschrittlichen, industrialisierten Kaff "Machine" geht es eher widerlich zu: Ein vielbeschäftigter Leichenbestatter, ein Haufen aufgebahrte Büffelschädel, und Oralsex am hellichten Tag. Als Blake dann noch durch einen Formfehler seinen erhofften Job bei Dickinson nicht bekommt, ist der Tag für den zurückhaltenden jungen Mann gelaufen. Der Tag endet in einem Schusswechsel: Betrunken hatte sich Blake mit der Papierblumenverkäuferin Thel angefreundet. Deren Freund Charlie fand dies nicht erheiternd, und begann zu feuern. Während Thel und Charlie gleich ins Jenseits durften, kam Blake mit einer Wunde in der Brust davon - sein Trip in den Tod sollte erst anfangen. Und hier fängt auch der Film von Jarmusch erst richtig an. Gejagt von Killern, die sich größtenteils gegenseitig außer Gefecht setzen, flieht er aus der Stadt. Zurück in die wilde Steppe, zurück zur Natur, wenn man so will. Hier trifft er auf den seltsamen Indianer Nobody, der William Blake für den reinkarnierten Poet mit gleichem Namen hält.

Was folgt, ist ein halluzinatorischer Schwarzweiß-Western, metaphorisch und surreal. Johnny Depp als William Blake verkörpert den Weißen Mann, der sich die Erlösung in der Industrialisierung der Sielder erhofft, aber nur enttäuscht, in diesem Falle gar ausgestoßen wird. Er findet Ruhe beim indianischen Volk, die sein Leben nicht als bereits beendet sehen. Während Blake sich selbst geradlinig auf den Tod hintreiben sieht (und in er Schlußsequenz des Filmes tut er das in Form einer Wikingerbestattung auch), spricht Nobody von einem sich immer wiederholenden Zyklus. Blake scheint dies zu keiner Stelle des Filmes komplett zu begreifen, nennt Nobody eher "seltsamer Mann". Aber dennoch entwickelt sich eine stille Freundschaft, die eher auf gegenseitigen Respekt, als auf wirklichem spirituellen Verständnis gegründet ist. So auch der abschließende, mehr als nur tragikomische Schlußdialog zwischen Nobody und William Blake...

"Dead Man" ist ein großer, wilder, hypnotischer, Western, mal brutal, mal auf erschreckende Weise schön. Die beachtliche Fülle an tollen Darstellern (Lance Henriksen, Michael Wincott, Iggy Pop, Crispin Glover, Gabriel Byrne, John Hurt, Alfred Molina, Robert Mitchum, Billy Bob Thornton, Steve Buscemi) und die schrägen, knartschigen, flimmernden Gitarren von Neil Young zeichnen dieses Meisterwerk des unabhängigen Kinos Amerikas aus! Willkommen im Wilden Westen.

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