Review

“It’s Preferable Not to Travel with a Dead Man.” (Henri Michaux)

Independentfilmer Jim Jarmusch (DOWN BY LAW, NIGHT ON EARTH, BROKEN FLOWERS, COFFEE & CIGARETTES) erzählt in seinem Anti- / Arthaus-Western die Geschichte von William Blake (Johnny Depp), – nein nicht dem Schriftsteller und Maler –, dessen Reise in eine neue Stadt sich zur Odyssee in den Tod entwickelt. Der Film ist in tristem, niederschmetternd düsterem Schwarzweiß gehalten, was als Stilmittel ganz schön reinhaut. In Kombination mit dem Soundtrack von Neil Young entsteht ein beinahe verstörend finsterer Trip.

Es sind die Anfänge der Industriellen Revolution. Die ersten Züge rollen durch die junge Nation der USA und speien dabei schwarzen Rauch, der den Himmel verdunkelt. Die Städte sind voller Dreck, Matsch und Öl und wirken uneinladend und bedrohlich. Die Bevölkerung lebt verarmt und geschunden im Dreck. Die Landschaft wirkt ausgebeutet. Die Ur-Einwohner sind versprengt und größtenteils ausgerottet.
Der junge, zart besaitete William Blake reist quer durchs karge Land. Sein Ziel: die Stadt „Machine“, in der er sich in Dickinsons Stahlwerk eine Festanstellung als Buchhalter verspricht. Als daraus nichts wird, landet er völlig pleite und abgebrannt in einem Saloon, in dem er die hübsche Thel kennenlernt, die Papierblumen verkauft.
Thel: „Wonach riecht das?“
Blake: „Papier?“
Thel: „Aber es ist ja auch Papier.“
Die beiden verbringen die Nacht zusammen, als plötzlich Thels Ex, der Sohn von Mr. Dickinson, ins Zimmer stolpert. Ein Streit entfacht. Nach einem Schusswechsel sind Thel und ihr Ex tot und Blake steckt eine Kugel in der Brust. Der Schwerverwundete flüchtet. Dickinson (Robert Mitchum) schickt sofort drei Kopfgeldjäger los, die den getöteten Sohn rächen sollen. Blake trifft indessen auf den Indianer „Niemand“ (Gary Farmer), der sich seiner annimmt und ihn auf seine Reise in den Tod begleitet…

„Hast du vielleicht Tabak da?“

Die 1990er-Jahre waren ein mühsames Jahrzehnt des Experimentierens für Johnny Depp. Es war die Zeit des „Viper Rooms“. Er datete Kate Moss und Winona Ryder. Um sich vom Image des Teeniestars zu lösen, suchte der 30-Jährige seine Rollen mit Bedacht aus, was nicht immer finanziell lukrativ für ihn ausging. Er werkelte sich durch diverse Independent-Produktionen, wie ARIZONA DREAM, GILBERT GRAPE, Tim Burtons ED WOOD, bis hin zu seinem eigenen gefloppten Regiedebut THE BRAVE. Die Rolle des todgeweihten William Blake, des Schwächlings, der mit seinem Karo-Jackett und dem „John Bull Topper“-Zylinder wie ein Zirkusclown aussieht, passt da gut ins Bild.

„Sind Sie William Blake?“
– „Ja. Kennen Sie meine Gedichte?“

DEAD MAN lebt von seiner düsteren, pessimistischen Grundstimmung und seinen umwerfenden Schauspielern. Lance Henriksen (MILLENIUM, ALIENS – DIE RÜCKKEHR, HARTE ZIELE) spielt den eiskalten Kopfgeldjäger, dem der Ruf vorauseilt, er habe Vater und Mutter gefickt, „zersäbelt, gebraten und aufgefressen“, was sich als zutreffend herausstellt.
Gary Farmer trägt mit der Rolle des Indianers „Niemand“ – „Ixibitsche Nabigoin“ [„Der, der laut redet und doch nichts sagt“] – viel zum mystischen Touch des Films bei. Er zitiert William-Blake-Gedichte, verzehrt die Nahrung der Großen Geister („Großvater Peyote“) und begleitet den Angeschossenen zu „der Brücke aus Wasser, wo das Meer auf den Himmel trifft“. Ein überaus spiritueller Charakter, der stets auf die menschliche Sterblichkeit und die Irrungen der Moderne hinweist.
„Ich reise mit Niemand.“
Weitere Stars von Weltklasse sind in kleineren Nebenrollen versteckt. Iggy Pop und Billy Bob Thornton (BAD SANTA) geben sich als degenerierte, Oposum fressende Trapperfamilie. Gabriel Byrne (MILLER’S CROSSING, DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN) mimt den schießwütigen Ex mit dem gebrochenen Herzen. In einer seiner letzten Rollen: Robert Mitchum (EL DORADO, NACHT DES JÄGERS, DER LÄNGSTE TAG).

„Und das Wasser in Ihrem Kopf war der Landschaft gar nicht unähnlich…“

DEAD MAN entführt den Zuschauer auf eine poetische, melancholische Odyssee durch karge Birkenwälder und malerisch uneinladende Natur. Wie in den meisten Jarmusch-Filmen geht es um einen Mann auf der Reise. Dieser Mann, William Blake, durchlebt während des Films sogar eine ziemlich radikale Metamorphose, sprengt seinen Kokon aus Schüchtern- und Angepasstheit und findet auf diesem Trip in den Tod tatsächlich zu sich selbst. Der feine Großstadtpinkel endet schließlich als dreckiger Outlaw mit wuscheligem Schafsfellmantel und indianischer Kriegsbemalung, der mit toten Rehlein kuschelt.
Zugegeben: Man muss Geduld mitbringen und im Stande sein außerhalb vorgegebener Kriterien zu denken. Schafft man es aber, sich auf den Film einzulassen, entfaltet er vollends seine betörende Wirkung.

Der ganze Film wäre aber keinen Pfifferling wert ohne den düsteren, bedrohlichen, kratzigen Gitarren-Soundtrack von Neil Young, der sich bis zum obszönen Geschreddere steigert. Mir fallen nur wenige Filme ein, in denen der Score eine derart tragende Funktion einnahm. Vielleicht in DRIVE, ein paar Carpenter-Filmen wie HALLOWEEN, ASSAULT und DIE KLAPPERSCHLANGE, KOYANISQATSI, um im selben Genre zu bleiben: SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Die Musik wirkt aber nicht nur stimmungsverstärkend, sie trägt die Handlung und erzählt sie praktisch mit. Die zerrissenen Klänge verschmelzen mit dem niederschmetternden Schwarzweiß zu einem bizarren Erlebnis, das den Zuschauer, wie die Hauptfigur William Blake, auf die dunkle Seite seiner selbst führt.
Wahrlich meisterliche Arbeit vom Mann mit dem „Crazy Horse“.

Soundtrack: (+)(+)(+)(+)(+)[(+)(+)(+)(+)(+)]
Schwarzweiß: (+)(+)(+)(+)(+)
Johnny Depp: (+)(+)(+)(+)(-)

„Schon mal gewünscht, du wärst der Mond? Junge, mir wird der Schniedel kalt…“

Fazit:
Düster, melancholisch, spirituell. So schwergewichtig, als hätte man eine Kugel neben dem Herzen stecken.
Kein Western, sondern eine Pilgerfahrt ins Jenseits.

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