Review

Auf dem Weg ins Jenseits liegt der Westen

"Dead Man" ist kein klassischer Western, nicht vergleichbar mit heutigen Rollen von Johnny Depp (man vergleiche nur mal aus Spaß mit "Lone Ranger", ebenfalls ein "Western") & eigentlich auch nicht wirklich in den 90ern verwurzelt. "Dead Man" läuft neben jeder Spur. Und das ist gut so. Ein typischer Jarmusch & einer seiner Besten, wenn auch sicher nicht sein Zugänglichster. Es gibt keinen nur ansatzweise vergleichbaren Western, "Dead Man" ist ein charmantes & hypnotisches Kunststück. Poetisch & rau zugleich, eben die Interpretation des wilden Westens von einem der lyrischsten & ruhigsten Künstler im Filmschaffen. Ein schwarz-weisses Kunstwerk, dass von William Blake erzählt, der im Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts aus Versehen einen Mord begeht & nun quer durch das Hinterland des wilden Westens gejagt wird. Selbst schwer verwundet, findet er in seinen letzten Tagen endlich zu sich & erkennt den Sinn des Lebens & die Schönheit dessen... irgendwie. Ich erkenne vor allem die Schönheit dieses Films!

In diesem einzigartigen Western kann man sich verlieren. Wer etwas Geduld mitbringt & sonst mit dem Stil des Regisseurs zurechtkommt, muss "Dead Man" einfach lieben. Die Fotografie der amerikanischen Landschaft war selten so einnehmend, und das farblos. Man weiß nicht wirklich ob man sich in einem Traum, Alptraum oder Gedicht befindet. Wahrscheinlich alles gleichermaßen. In der Tat traumhaft ist Neil Youngs Musik - simpel aber Gänsehaut pur & definitiv ein Stand Out, der zum immer wieder durchschimmernden schwarzen Humor passt. Und bei der Liste der Darsteller kommt man aus dem Staunen kaum noch heraus - was ein Ensemble! Bis in die kleinsten Nebenrollen ist das darstellerisches Zucker. Schade nur, dass die Ladies etwas sehr kurz kommen. Johnny Depp ist hier in einer seiner drei besten Rollen, so schön voller Understatement & Nuancen, dass man sich über seine aktuellen Leistungen nur noch mehr ärgert. Er war mal der Beste! Das zeigt er hier bescheiden & so unendlich eindrucksvoll. Wo bist du hin?

Wer also nicht nur auf klassische, heroische & bunte Western steht, sondern mal von einem Geniestreich von Antiwestern gefördert werden will, der sollte diesen zeitlosen Film nicht länger schmähen. Der Gegensatz zu Tarantinos Stil, und trotzdem (oder gerade deswegen) zieht dieser vor "Dead Man" zu recht den Hut. Er lullt einen ein, und bevor man sich sieht ist man verliebt. Zuvor wird man immer wieder von schrulligen Charakteren & Gewalt- sowie Humorausbrüchen aus dem staunenden Halbschlaf geholt. Egal ob Lance Henriksen als menschenfressender Kopfgeldjäger oder Billy Bob Thornton mit Loch im Fuß - köstlich, daneben, finster. Eine Überhöhung des wilden Westens mit zum Teil erschreckenden Gedanken zur Entstehung des heutigen Amerikas. Zum Sleeperhit geboren, heute noch genauso wirkungsvoll wie zu seinem wenig beachteten Release. Man könnte meinen er mäandert etwas ziellos umher & lässt einen zu sehr alleine, ist nicht mehr als die Summe seiner Teile. Doch genau das Gegenteil ist der Fall & genau das ist sein Sinn. Die letzten Stunden des William Blake sind sehens- & einsaugenswert!

Fazit: esoterisch, hübsch, magisch - ein Western, der für sich alleine steht & mit Nichts vergleichbar ist. Jarmuschs Take auf das Thema zieht mich immer wieder in seinen Bann & Johnny Depp zeigt, wie unfassbar gut er mal war!

Details
Ähnliche Filme