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Selbst als das Kindermärchen, das der neue Spielberg-Film ist, wird "BFG" wohl sehr schnell altern; immerhin versucht er sich an der Animation menschlicher Wesen (selbst wenn es sich um Riesen handelt), die nach dem momentanen Stand der Technik zwar in gewisser Weise ein breites Spektrum an Emotionen vermitteln können, jedoch längst noch nicht fotorealistisch oder gar natürlich aussehen. Damit gehört er immer noch in die Phase digitalen Experimentierens, die Robert Zemeckis vor mehr als einer Dekade mit "Der Polarexpress" und "Die Legende von Beowulf" eingeleitet hatte und die auch 2016 noch längst nicht abgeschlossen scheint, sondern allenfalls ohne Aufsicht auf Perfektionierung verfeinert wurde.

Der Fantasy-Rahmen erleichtert natürlich die Akzeptanz der unvollkommenen Computeranimation, auch wenn sich niemals der Eindruck wegwischen lässt, die 12-jährige Ruby Barnhill interagiere bloß mit einer grünen Wand.

Etwas träge mutet das Erzähltempo anfangs an; das alte London bei Nacht wird mit der Abseitigkeit der ersten Harry-Potter-Verfilmungen eingefangen, liefert dabei aber immerhin einen angenehmen Gegenentwurf zum krawalldürstigen Kino unserer Zeit: Der Riese poltert nicht etwa über die gepflasterten Straßen oder lässt Wellen von Erdbeben durch die Behausungen der nachtschlafenden Bevölkerung rollen, sondern bewegt sich leisetreterisch durch Schatten und Winkel. Spielberg mag hier erzählerisch nicht von der Stelle kommen, macht aber wenigstens Gegenstrom-Kino, das bescheidenes Understatement betreibt und auf altmodischen Werten beruht, weit mehr auch als sein wegen der Abenteueranleihen ebenfalls altmodisch wirkender, jedoch temporeicherer "Tim & Struppi".

Vieles, was speziell im Mittelteil in der Welt der Riesen geschieht, vermittelt dann weiterhin den Eindruck objektgebundener Ereignislosigkeit: Das Hauptnahrungsmittel des Riesen, eine schleimig aussehende Gurkenart, wird bis zur Redundanz in Form, Farbe und Konsistenz zelebriert, und auch mit dem Auftritt der bulligen Rüpel-Antagonisten bleibt "BFG" schlichtes, reines Kinderkino mit leicht verständlichen und wenig komplexen Konflikten. Echter Witz ergibt sich nur stellenweise, ebenso wie echte Filmmagie. Das letzte Filmdrittel leistet sich dann mehr Zugeständnisse an zeitgemäßes Kino, indem es die Begegnung von Mensch und Riese mit mehr Humor anreichert und sich zum Abschluss noch eine furiose Jagdsequenz leistet, die mit wilden Kamerafahrten und fallenden Riesen einen flotten Parcours abliefert.

So ganz auf der Höhe ist "BFG" trotz der sympathischen Hauptfigur aus dem Rechner (das Mädchen fällt dann doch eher unter die Kategorie "neunmalklug") nicht. Spielberg weiß die Mittel moderner Geschichtenerzählung nicht zu nutzen und verlässt sich lieber auf Bewährtes, wohingegen die Effekte des Films ebenso nah am "State of Art" sind wie sie weit entfernt sind von der glaubwürdigen Darstellung menschenähnlicher Charaktere. Als bunt leuchtendes Kindermärchen hat er allerdings dem krawalligen Jahr 2016 den durchaus willkommenen Ruhepol beschert.

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