Review
von Leimbacher-Mario
Dreh dich nicht herum, denn der Plumssack geht um
Der südkoreanische „The Wailing“ ist natürlich ein Brocken für die (zumindest den Vorurteilen nach) ungeduldige Horrorgemeinde. Mit satten 2,5 Stunden, auf koreanisch und japanisch, sehr ruhig, bedächtig und nahezu ohne JumpScares, traditionsbewusst und bewandert in der dortigen Kultur. All das kann abschrecken - sollte es aber nicht. Denn dann würde man eine der ergiebigsten Gruselperlen der jüngeren Vergangenheit verpassen. Voller schleichendem Unbehagen, nachwirkenden Fragen und tagelanger Gänsehaut. Es geht um einen (eher unfähigen) Polizisten und Familienvater in einem koreanischen Dorf, in dem sich die Bewohner scheinbar zombieähnlich an die Gurgel gehen und gegenseitig dezimieren. Seuche oder Zauber? Ein mysteriöser Japaner zieht schnell den Verdacht auf sich, da die seltsamen Aggressionen samt Eiterquasten auf der Haut erst angefangen haben, als er sich am Rande der geschlossenen Gemeinde niedergelassen hat...
„The Wailing“ hat mich gerührt und geschüttelt. Zuerst war ich mir gar nicht so klar, was da gerade vor meinen Augen passiert war und wie sehr ich dem Spiel der übernatürlichen (?) Mächte (und der genialen Drehbuchschreiber!) auf den Leim gegangen bin. Doch spätestens als es dämmerte und mein Kopf immer noch am Rattern war, konnte ich eine zweite Sichtung nicht schnell genug ansetzen und bin nun fest davon überzeugt, dass „The Wailing“ genauso schwer und stark ist, wie seine Laufzeit und kaum internationale Konkurrenz aus den letzten Jahren fürchten muss. Geschweige denn amerikanische. Dieses südkoreanische Alptraumfutter greift tiefer und bleibt länger, vertraut seinen Zuschauern und deren Intelligenz und Empathie, deren Konfusion und inneren Kampf. „The Wailing“ lässt fast alles unter der Oberfläche brodeln. Aber dafür höllisch heiß und erbarmungslos beständig. Verwirrend aber nicht wirr, bissig aber gut getarnt, mysteriös aber immer das Interesse haltend. Das Wort Meisterwerk wird oft vorschnell in den Ring geworfen - aber hier sind alle Vorschusslorbeeren berechtigt. „The Wailing“ ist eine Schlechtenachtgeschichte, die zum mehrmaligem Schauen einlädt und als das ziemliche Gegenteil der aktuellen Traumfabrik-Spukhäuser ala dem „Conjuring“-Universum stehen bleibt. Tragisch, komisch, mystisch. Egal ob man sich auf die übernatürlichen Elemente einlässt, die religiösen Untertöne schätzt oder eher die sozialen, aussenseiterfeindlichen Komponenten hängen bleiben - „The Wailing“ bietet genug Facetten und Schattierungen für alle Herangehens- und Betrachtungsweisen.
Fazit: unheimlich intensiv, positiv behäbig, aufregend exotisch - „The Wailing“ ist episches Horrorgourmetkino der Extraklasse. Völlig entgegen westlicher Gruselgefilde und sehr eindringlich. Nachlesen schadet nicht! Dickes Ding!