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„Digital Activity - Drahtseilakt im Netz"

Der Jugend mit dem erhobenen, vielleicht sogar noch pädagogisch motivierten Zeigefinger zu kommen ist meist grandios zum Scheitern verurteilt. Vor allem Eltern und Lehrer können davon epische Arien singen, sind es doch insbesondere sie, die exponiert an vorderster Konfrontationsfront stehen. Will man sich kritisch zu aktuellen Auswüchsen der Jugendkultur äußern und dabei nicht komplett ignoriert werden, ist eine Begegnung auf Augenhöhe zumindest ein Ansatz.  So gesehen ist die Idee eines poppigen, offensiv zielgruppenorienterten Kinofilms keine blöde. Denn sitzt man erst einmal im selben Boot, ist Teamwork gefragt, zumal wenn der Seegang etwas rauer wird.

Der Onlinegame-Thriller „Nerve" funktioniert exakt nach diesem Schema. Die Hauptdarsteller sind cool und sexy, die Bilder schick und innovativ. Der Film ist wie ein Rausch inszeniert und entfaltet flugs eine regelrechte Sogwirkung. Das Thema schließlich ist brandaktuell. Es geht um jugendliche Selbstfindung und Identitätsbildung in einer digitalen Traumwelt, die Sehnsüchte wie Gemeinschaftsgefühl, Geborgenheit, aber auch Abenteuerlust und Adrenalin-Kick praktisch per Knopfdruck bereit stellt. Die finstere Kehrseite der glitzernden Fassade wie völliger Verlust der Privatsphäre, öffentliche Zurschaustellung sowie lediglich vorgegaukelte Wärme bzw. Emotionalität bleibt lange Zeit unbemerkt, nur um dann umso erbarmungsloser zuzuschlagen.

Clever ist der Einfall, das Ganze in nicht allzu ferner Zukunft anzusiedeln. Erstens können so aktuelle Auswüchse wie „Pokémon go" oder auch die x-te „Big Brother"-Variation enorm zugespitzt werden und zweitens kann die versteckte Botschaft „Seht her, wie weit es noch kommen wird, falls es so weiter geht!" unters Volk gebracht werden. Und allzu weit entfernt vom digitalen Hier und Jetzt ist das fiktive Onlinespiel „Nerve" definitiv nicht. Meldet man sich als Mitspieler („Gamer") an, werden einem von den Zuschauern („Watchers") diverse Aufgaben gestellt, die ein gewisses Maß an Mut und Selbstüberwindung erfordern. Hat man die jeweilige Prüfung bestanden, bekommt man eine doppelte Belohnung in Form eines Geldtransfers und dem Einzug in die nächste Runde. Wer versagt, ist raus. Da dies aber natürlich auf zahlreichen Bildschirmen und Smartphones live mitverfolgt wird, ist der Grad zwischen sozialer Berühmtheit und Ächtung ein ganz schmaler. Eng damit verbunden ist eine sich permanent steigernde Sensationsspirale. Ein neues Level bedeutet mehr Watcher, die auch mehr geboten bekommen wollen. Und durch die sich rasant vergrößernde Fanschar steigt dann auch gleichzeitig der Druck, sie nicht zu enttäuschen.

Die 18-jährige Vee (Emma Roberts) ist eigentlich alles andere als empfänglich für die „Nerve"-Verlockungen. Die eher schüchterne, ängstliche und bodenständige Vee steht seit jeher im Schatten ihrer extrovertierten und flippigen Freundin Sidney (Emily Meade). Aus diesem Gefühl der ständigen zweiten Geige heraus steigt sie als Gamer bei „Nerve" ein. Und es beginnt vergleichsweise harmlos. Den nächstbesten Wildfremden für 5 Sekunden zu küssen erfordert schon etwas Courage, aber der charmante Ian (Dave Franco) macht es ihr leicht. Die Watcher finden Gefallen an dem Paar und schicken sie fortan gemeinsam auf die „Nerve"-Piste. Die anfänglichen Mutproben werden allerdings immer extremer und Vee und Ian damit buchstäblich über Nacht zur Internetsensation. Ein Aussteigen scheint unmöglich, zumal Ian nicht ganz so zufällig auf Vee getroffen war, wie es den Anschein hatte ...

„Nerve" ist die Verfilmung von Jeanne Ryans gleichnamigem Debütroman (2013). Buch wie Film treffen geschickt den Nerv der Zeit und verpacken Gefahren wie Auswüchse des Internets in einen schicken Thriller. Aufgrund seiner audiovisuellen Ausrichtung ist die Filmversion da sogar noch im Vorteil. Wie die Watcher im Film verfolgt man als Kinozuschauer den rauschhaften Trip der beiden Gamer aus der Voyeursperspektive und wird damit gewissermaßen zum Komplizen der sensationsgeilen „Nerve"-Community. Das Regieduo Henry Joost und Ariel Schulman verstärkt diesen Effekt geschickt durch einen  treibenden Elektropop-Score gepaart mit stylischen Bildern, ungewöhnlichen Kameraperspektiven und optischen Gimmicks wie aufpoppenden Fenstern, die Kommentare und Reaktionen der Watcher zeigen. Man fiebert regelrecht mit Vee und Ian mit und goutiert jede weitere Eskalation mit dem wohligen Schauer der Gewissheit, sich nicht selbst in Gefahr begeben zu müssen. Kurzum: der schleichende Übergang zwischen Faszination und Sensationsgier vollzieht sich nicht nur vor den Augen, sondern mit den Augen des Zuschauers. Und obwohl einem zunehmend bewusst wird, dass das Ganze auf ein böses Ende zusteuert, fürchtet man fast schon den Abbruch.

Am Ende kommt dann doch noch der erhobene Zeigefinger - und das mit aller Macht. Das ist angesichts der bis dato ungemein geschickt kreierten Atmosphäre sowie der subtil, aber stringent gezogenen Spannungskurve ein wenig zu brachial. Der wohl gemeinte Appell an den Zuschauer droht aufgrund seiner Holzhammer-Attitüde beinahe in die eingangs beschriebene Autoritätenfalle zu tappen. Weniger im Sinne von weniger vordergründig wäre hier mehr im Sinne von wirkungsvoller gewesen. Andererseits ist die Jugend gerade für Extreme durchaus empfänglich, sofern sie sich verstanden fühlt. So gesehen dürfte die Botschaft mindestens angehört werden, denn mangelndes Verständnis kann man „Nerve" beim besten Willen nicht unterstellen.

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