Review

kurz angerissen*

Das Erleben der realen, oftmals als mühsam oder kompliziert empfundenen Welt durch digitale Simulation 1:1 zu ersetzen oder wenigstens zu überdecken, ist vielleicht eine der prägnantesten Eigenschaften des fortschreitenden 21. Jahrhunderts. Das betrifft die Verlagerung des Privatlebens in soziale Netzwerke ebenso wie mehrere hundert Quadratkilometer große Videospielsandkästen oder die neuerdings aufkeimende Augmented Reality.

Insofern erweist sich „Nerve“ als waschechter Zeitgeist-Film, der grundsätzlich auf Jugendkultur gepolt ist, jedoch nicht die hoffnungslose Naivität mit den inzwischen fast wieder ausgestorbenen Jugenddystopien nach „Mockingbird“-Abbild teilt. Im Gegenteil; obwohl sich speziell Heranwachsende von der Thematik um eine virtuelle Großstadtvariante des klassischen „Mutprobe“-Spiels angezogen fühlen dürften, wird ihnen anstatt eines unbeschwerten Spaßparcours oder einer Motivationsspritze eine emotionale Herausforderung serviert. Denn dieser Spiel-auf-Zeit-Thriller liefert einen durchaus kulturkritischen Ansatz.

Ohne in letzter Instanz zu drastischen Mitteln greifen zu müssen oder auch nur besonders ausdrucksvolle Darsteller zu präsentieren (Dave Franco und Emma Roberts agieren sogar betont kindlich-unerfahren), entsteht ein drastischer Sog, der schwierige Entscheidungen (die logischerweise mit jeder Minute nur schwieriger werden) mit maximaler Immersion ausstattet und direkt erlebbar macht. In Panoramabildern der nächtlichen Stadt, über deren Skyline die bunten Schilder der „Player“ thronen, wird der virtuelle Charakter des Spielprinzips deutlich, ebenso wie der Egozentrismus der Spielerbewegung, die diese Stadt als ihre Stadt deklarieren. Überhaupt handelt „Nerve“ von Dominanzverhältnissen und Kontrolle, Situation und Affekt. Mit einem bewusst simplifizierten Konzept, dasTeilnehmer in „Player“ und „Watcher“ aufteilt, wird insbesondere der Selbstdarstellungskultur in sozialen Netzwerken ein Spiegel vorgehalten.

Seine schlichte Symbolik und sein flacher Ablauf hindern „Nerve“ allerdings erwartungsgemäß daran, tiefer gehende Fragen zu stellen. Den kritischen Ansatz in allen Ehren, erschöpft sich der intellektuelle Gehalt oft schon in den eindimensionalen Figuren (Emily Meade), so dass sich das dumpfe Grummeln im Magen kaum auf den Kopf überträgt.

*weitere Informationen: siehe Profil

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