Review

Überraschend interessiert an der Erzählung erweist sich Lo Wei ein Jahr vor dem erzwungenen Verleih seines wichtigsten Zugpferdes, Jackie Chan, an die Produktionsfirma Seasonal. Mal stehen die Kämpfe nicht in selbstzweckgerichteter Absicht im Vordergrund, sondern die Story und die Art und Weise, wie sie in Bildern umgesetzt wird. Zu schade, dass man auf ein etwas wirres und doch urtypisches Drehbuch zurückgreifen musste, das der Regisseur dann auch noch sehr verzwackt umsetzte - mit allerhand geisterhaften Gestalten, die diverse Filmparts in eine Mystery-Spur ziehen, und den klassischen erregenden Momenten des Theaters. Hier etwas Liebe, dort etwas Verrat.

Ungewohnt wirkt die Konzentration darauf, die Bilder für sich sprechen zu lassen anstatt die Kämpfe. Zumindest in der Komplettversion. Nicht synchronisierte Szenen lassen erahnen, dass der deutsche Markt einstmals einen ziemlich gewöhnlichen Jackie Chan-Film zu Gesicht bekam, dessen gewohnt ordentlich umgesetzte Kämpfe Mittelpunkt der Handlung waren. Mit gleich 23 Minuten mehr an Bord kommt jedoch Rahmenhandlung ins Spiel, Hintergründe werden aufgedeckt und zudem Bilder gezeigt, die “To Kill With Intrigue” zu einem von Lo Weis optisch schönsten Werken machen. Etwa eine Wide-Angle-Aufnahme von einem verdörrten Baum in einer einsamen Landschaft, vor dem gerade eine Frau steht, die soeben verlassen wurde. Auch wenn die Bilder manchmal ins Klischeehafte zu driften drohen, vermitteln sie doch manchmal eine gedämpfte Form von so etwas wie Poesie, sich abwechselnd mit dynamisch und nicht selten sehr einfallsreich geschnittenen Szenen des Kampfes.

Diese gleiten gerne ab ins Phantastische, ist Wirework-Arbeit doch an der Tagesordnung. Unbekannte Kämpfer werden verhüllt gezeigt, mit Tüchern und riesigen Deckelhüten, die sich wie Phantome mühelos über Stock und Stein bewegen und dabei kaum den Boden berühren. Zuerst Eleganz, dann hektisches Pacing, wenn es in den Infight geht. Rasch sich wiederholende Bilder von menschlichen Körpern, die wie Bälle durch die Luft wirbeln und einen Strom aus Stoff hinter sich herziehen, hektisch, stark frequentiert, sich ausdauernd wiederholend. Doch auch längere Einstellungen bleiben dem Betrachter nicht verborgen und so verhindert Wei, den Verdacht aufkeimen zu lassen, er wolle durch zahlreiche Close Ups schwache Choreografien vertuschen. Dass dem nicht so ist, davon kann man sich durch ausgefallene Kameraperspektiven überzeugen, die auch mal standhaft die Spur halten. Es ist nicht State of the Art, aber doch überdurchschnittliches Material, im Genre insgesamt ohnehin. Obwohl oder gerade weil realistische Lanzen- und Faustkämpfe, wie man sie von Chan gewohnt ist, sich mit Elementen des Übernatürlichen verbinden.

Man kann es sich bereits an einer Hand ausrechnen: Dass Jackie Chan in der Hauptrolle besetzt wurde, war der wohl eklatanteste Fehler, den Lo Wei mit seinem Star machen konnte und den er immer und immer wieder wiederholt hat. Von seiner ersten Szene an, in der er einer Frau ins Gesicht schlagen muss, sieht man ihm das Unwohlsein an, ohne hingucken zu müssen; es bleibt fraglich, womit der Regisseur seinen Stursinn rechtfertigte. Eine dramatische, von den Gräueln des Lebens geschlagene Figur, die sich keinen Witz erlauben darf... es gibt Männer für diese Rolle - Jackie Chan ist keiner von ihnen. Er wehrt sich vor der Kamera noch nicht groß gegen die Hürden, sondern lässt sie teilnahmslos über sich ergehen. Eine Tragödie, dass es dem Protagonisten nicht gelingt, tatsächlich Emotionen beim Betrachter auszulösen. Denn für die Wirkung des Films ist es eklatant. Er murmelt bedeutungsschwangere Phrasen vor sich hin und versetzt damit seine Antagonisten in Wallungen der Gefühle, von denen er selbst deutlichen Abstand nimmt.

Doch wird es dem Zuschauer durch die umständliche Erzählweise ohnehin schwer genug gemacht, der Geschichte zu folgen. Lange Zeit schwebt man in Rätseln und einer ungewissen Abfolge von Szenen, die zwar für eine Überraschung immer gut sind, nicht jedoch für die Aufnahmekapazität des Konsumenten. Um jedoch die Aussage seines Werkes über Metaphorik zu bestreiten, dazu ist Lo Wei nicht bewandert genug. Es sind Rätsel der Unfähigkeit wegen, unkompliziert eine Geschichte zu erzählen, nicht Rätsel des Rätselspaßes wegen.

Schöne Bilder und innovative Kampfszenen schaffen schließlich das Gegengewicht zu den massiven narrativen Schwächen und der x-ten Fehlbesetzung Jackie Chans durch Lo Wei. Ja, selbst die musikalische Untermalung darf diesmal als gelungen bezeichnet werden, zumindest in ihrer Aufgabe, die Mystery-Szenen noch mystischer zu gestalten. Visuell ist mit “To Kill With Intrigue” wirklich ein gutes Stück Arbeit gelungen - nicht an Referenzen wie “A Touch of Zen” heranreichend, aber doch den Durchschnittsbrei hinter sich lassend, von dem Lo Wei auch selbst genug fabriziert hat. Nur nützt das alles nicht viel, wenn man am Ende doch wieder nur eine gar nicht so interessante Rachegeschichte bekommt, die gängige Schemata nur unzureichend variiert. Und eine Herausforderung wurde dem Star hiermit auch noch nicht geboten. Die würde er erst ein Jahr darauf freudig annehmen.

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