Stranger Things | Stranger Things 2 | Stranger Things 3
"Stranger Zone" wäre ein schöner Alternativtitel gewesen, wenn man es sich recht überlegt. Schließlich liegt es in der Absicht der Duffer-Brüder, Zonen zu überschreiten. Vom Digitalen ins Analoge, vom Normalen ins Paranormale, vom Jahr 2016 ins Jahr 1983. Selbst die Buchstaben des neonrot leuchtenden, langsam von außen ins Bild gefahrenen Titels sind eine typographische Nachbildung der "Twilight Zone" und der "Dead Zone". Der Kaninchenbau ist nur einen Schritt weit entfernt; in der Asthöhle eines Baumes im angrenzenden Wald vielleicht oder auch gleich hinter der Tapete der Wohnzimmerwand. Die Figuren gleiten zwar regelrecht willenlos durch das Erlebte, durchstoßen dabei aber ungewollt harte Barrieren, als würden sie in einer Kabine mit aktiviertem Steigbügel durch eine Geisterbahn gefahren werden, während sich alle paar Meter die Szenerie komplett verwandelt. So viel zur Wahrnehmung einer Gruppe Heranwachsender; so viel zum Coming-Of-Age.
So wie sich die Felgen der BMX-Räder im Mondschein spiegeln und die Zimmer der Jugendlichen mit Postern von Mystery- und Horrorklassikern tapeziert sind, muss man sich keinerlei Hoffnung machen, dass die echten 80er Jahre wieder zum Leben erweckt werden, so wie sie damals erlebt wurden. "Stranger Things" ist vielmehr eine Schein- und Kunstwelt, gebunden an Phänomene der damaligen Popkultur. Die gesamte Ästhetik der Produktion bezieht sich auf die fiktive Filmrealität, die zu jener Zeit das Kino beherrschte. Wenn man davon ausgeht, dass es im Phantastischen Kino der 80er hauptsächlich um Eskapismus ging, könnte man also sogar behaupten, mit den 80ern im eigentlichen Sinne habe das alles gar nicht viel zu tun. Das eigentliche Monster der ersten Staffel ist also vielleicht nicht der Demogorgon, der bemerkenswerterweise - gar nicht mal so stilecht- mit dem Computer zum Leben erweckt wurde anstatt durch Animatronik und Puppeneffekte. Es ist die Serie selbst, ein perfider Gestaltwandler, der sich als etwas ausgibt, das er nicht ist.
Die Trigger funktionieren natürlich dennoch. Angehörige der Geburtenjahrgänge 70er bis frühe 80er müssten schon sehr emotionslos sein, um diese Serie nicht zumindest mit einem nervösen Zucken zu registrieren. Schließlich ist eine komplette Generation gerade durch all diese bunten Klassiker miteinander verbunden, die von den Duffers so eifrig zitiert werden. Weil die zunächst achtteilige Serie auch noch die Dramaturgie eines langen Kinofilms verfolgt, wird es wohl auch nicht viele Querein- oder Aussteiger gegeben haben; wenn man überhaupt Pausen einlegt, dann am Ende einer Staffel. Die Folgestaffeln würden das filmische Konzept dann auch fortführen; eine große "2" bzw. "3" hinter der Titeleinblendung zeugt davon, dass man sich eher als klassische Movie Franchise versteht.
So wird man also von vorne bis hinten mit Fragmenten bedient, die an das drei Jahrzehnte jüngere Ich in uns appellieren, und das mit einer analytischen Präzision, die mehr als berechnend wirkt. Der Netflix-Kunde ist hier die Art König, die von von ihren Dienern genau das bekommt, was sich in ihren Gesichtern ablesen lässt... was bekanntermaßen nicht immer zum Glück führt. Vielleicht fühlt sich das Ende der ersten Staffel deshalb so leer an, vielleicht bleibt deshalb trotz allerbester Unterhaltung ohne eine Spur von Leerlauf so wenig zurück: Was fehlt, ist das überraschende Moment, die eine schief gespielte Note oder eben der kleine Kniff, der gerade deswegen so gut passt, weil er nicht so schrecklich vorhersehbar ist.
Dabei macht gerade die erste Staffel nichts offenkundig falsch. Kinder zu den Leads zu erklären, ist eine riskante Entscheidung, die aber letztlich belohnt wird. Angetrieben von teils außergewöhnlichen Darstellern ist ihre Gruppendynamik zweifellos das Herz der Serie, wobei vor allem Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo und natürlich Millie Bobby Brown wie Sprungfedern auf den Kreislauf der Kleinstadtkonstruktion einwirken. Dazu kommen sehr gut gecastete Erwachsenen-Darsteller wie Winona Ryder und David Harbour. All diese Figuren sind natürlich reinste Abziehbilder der Marke "Goonies" oder "Monster Squad", aber so gut wie alle Hauptfiguren wissen die Klischees sehr charmant über den Bildschirm zu geleiten. Lediglich bei den Nebenfiguren wie Nancy (Natalia Dyer) und Steven (Joe Keery) geht der Plan noch nicht ganz auf, die Schablonen zu durchbrechen und mit ungewöhnlichen Entwicklungen zu überraschen.
Die zweite Staffel ist vielleicht auch deswegen die schwächste, weil es ihr nicht gelingt, an diesem Umstand etwas zu verändern. Obgleich sie sich angeboten hätte, eine komplett neue Bedrohung auf den Plan zu bringen, begnügt sie sich lieber damit, die Mythologie der ersten Staffel nach Vorbild des "Alien"-Zyklus auszudehnen. Neue Nebenfiguren wie die jungenhafte Max (Sadie Sink) und ihr rüpelhafter Bruder Billy (Dacre Montgomery) oder der herzlich-naive Everyman Bob (Sean Astin) erweitern das Repertoire und zementieren den Eindruck, dass jetzt alles ein bisschen größer und vielfältiger wirkt. Neben dem Cast gilt das auch für das Setting, die Effekte, die Menge der Subplots und die Bedrohung, die durch einen spinnenartigen Monolithen erweitert wird. Nebenbei erkundet die mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Eleven ihre Ursprünge im Stil einer Origin-Geschichte, was die ganze Geschichte viel zu nah an den Rand aktueller Superheldenverfilmungen befördert - ein Bezug zur Jetztzeit, den man eigentlich um jeden Preis hätte verhindern müssen. Überhaupt zeigt eine letzte herzzerreißende Szene auf dem Schulball, dass es längst nicht mehr die Monster und Spezialeffekte sind, bei denen die Serie ihre Stärken ausspielt, sondern die immer noch sehr jungen Charaktere, die einem langsam ans Herz wachsen.
Es würde aber letztlich bis zur dritten Staffel dauern, bevor sich das Abziehbild von der Vorlage endlich komplett lösen würde. Nicht nur die Darsteller haben nach zwei Jahren Drehpause einen gewaltigen Schuss in die Höhe gemacht, auch die Welt, in der sie leben, hat sich extrem gewandelt. Eine große Mall wird zum Hauptschauplatz von "Stranger Things 3". Oft in Aufsicht abgefilmt, verheißt sie für die frisch gebackenen Teenager eine aufregende Zukunft, die zugleich einen Abschied von der Ungezwungenheit aus Kindheitstagen bedeutet. Selbst wenn die Serie im dritten Jahr mit einigen Charakteren eine Spur zu hysterisch umgeht (allen voran David Harbour, dessen Rolle zum lebenden HD-Männchen in Miami-Vice-Montur umgeschrieben wurde, womit er aber die Coolness eines Tom Selleck auch wieder herzhaft demontiert), weiß sie doch wieder besonders schöne Dinge mit der zentralen Gruppe anzustellen. Und diesmal funktionieren sogar die Nebenfiguren: Joe Keery hat sich längst vom Ekelpaket zum Sympathieträger gemausert, Maya Hawke kitzelt diese Eigenschaften vielleicht erst aus ihm heraus, Dacre Montgomery gibt der bis dahin deformierten Bedrohung ein menschliches Gesicht und Sadie Sink, so nervig ihre Rolle inzwischen auch angelegt ist, stellt Wunderbares mit dem Dreh- und Angelpunkt der Serie an, denn durch sie wird Millie Bobby Brown zur ganz normalen Teenagerin, die sich so irrational verhält, wie sich Mädchen in diesem Alter eben verhalten - was herrliche Szenen rund um die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern zur Folge hat.
Darüber hinaus hängen die Filmzitate diesmal nicht mehr bloß an der Wand, sondern sind schlüssig in den Plot eingebettet. Die Zombies von George A. Romero, das "Ding" und die "Körperfresser" legen sich auf das Kleinstadtgebälk nieder und sorgen für die bislang schönsten Bilder der gesamten Serie, die natürlich aufgrund des anhaltenden Erfolgs inzwischen auch mehr Budget zur Verfügung hat. So fleischig-schleimig, wie die Kreatur inzwischen Menschen in sich aufsaugt, könnte man beinahe vergessen, dass die sich auflösenden Körper offensichtlich wieder nur mit dem Computer realisiert wurden. Und doch - was wären das für tolle Bilder gewesen, hätte man für das Finale im Feuerwerk eine gigantische animatronische Puppe in der Mall aufgestellt. Dann hätten die Duffer-Brüder die Herzen der Zielgruppe vielleicht ein für allemal gewonnen.