Mit dem Aufkommen der Streamingdienste wurden die Lagerfeuerserien weniger – die Serien, die jeder schaute, über deren neueste Folge montags auf Pausenhöfen, an Wasserspendern oder im Internet diskutiert wurde. Im Streamingzeitalter schaut jeder bei unterschiedlichen Streaminganbietern, in unterschiedlichem Tempo, da Staffeln oft en bloc veröffentlicht werden. Phänomene wie „Akte X“, „24“ oder „Game of Thrones“ wurden seltener, doch Netflix gelang mit „Stranger Things“ dann tatsächlich nochmal eine dieser Serien, die direkt zum übergreifenden Popkultur-Phänomen wurde.
Anno 2016 war der Streamingsektor freilich noch übersichtlicher, als die Duffer-Brüder Matt und Ross nach erfolgslosen Pitches beim Fernsehen mit „Stranger Things“ bei Netflix landeten. Die Eighties-Nostalgie war da schon von Indie-Filme wien „Turbo Kid“ über Actionreißer wie „The Expendables“ bis hin zu Studioproduktionen wie „Guardians of the Galaxy“ schon ordentlich angeheizt, außerdem in Mode, Büchern („Ready Player One“), Games („Broforce“) und Musik (Gunship, Carpenter Brut) zu finden. Tatsächlich sind die 1980er ja auch das erste vollwertige Jahrzehnt der Blockbuster-Kultur, nachdem „Der weiße Hai“, „Star Wars“ & Co. in der zweiten Hälfte der 1970er die Grundsteine dafür legten. Doch egal ob in Musik, Film oder Games – für viele Menschen wurden die 1980er zum Idealbild der Popkultur, mit der selbst viele von denjenigen sozialisiert wurden, die erst später geboren wurden. Vielleicht auch, weil der poppige Optimismus, der in der Dekade vorherrschte (und manches realweltliche Problem überdeckte), eher nostalgietauglich ist als beispielsweise die politischen Verwerfungen der 1960er und 1970er oder das resignierte Generation-X-Gefühl der 1990er.
„Stranger Things“ beginnt im Jahr 1983, mit einer typischen Eighties-Situation, nämlich einer Runde „Dungeons and Dragons“. Die Highschool-Schüler Mike Wheeler (Finn Wolfhard), Dustin Henderson (Gaten Matarazzo), Lucas Sinclair (Caleb McLaughlin) und Will Byers (Noah Schnapp) spielen im Keller von Mikes Elternhaus, nach der Runde fahren sie auf BMX-Rädern davon – doch Will kommt zu Hause nie an. Seine Mutter Joyce (Winona Ryder) und sein Bruder Jonathan (Charlie Heaton) suchen verzweifelt nach ihm, auch wenn zuerst niemand an ein Verbrechen in dem verträumten Städtchen Hawkins glauben mag, auch nicht Polizeichef Jim Hooper (David Harbour). Parallel ist das Publikum sich jedoch gewahr, dass im Forschungslabor Hawkins National Laboratory sinistre Experimente vorgehen, denen ein namenloses Mädchen (Millie Bobby Brown) entkommen kann. Im Wald trifft diese auf Mike, Dustin und Lucas, die sie Eleven nennen, da auf ihrem Arm die entsprechende Nummer eintätowiert ist. Eleven besitzt nach den Experimenten übernatürliche Kräfte, doch die Forschungen haben außerdem das Tor in eine Parallelwelt geöffnet, die später den Namen Upside Down erhält und in die es Will verschlagen hat.
Stephen King trifft Steven Spielberg – eine häufige Zusammenfassung von „Stranger Things“, aber eine treffende. Die Parallelen zu „Es“ (Kinder im Kampf gegen das Böse), „Carrie“ (Elevens Kräfte), „E.T.“ (Kinder machen phantastische Entdeckungen, die es vor Geheimdienstlern zu schützen gilt) und Jugendfreundschaftsgeschichten wie der King-Verfilmung „Stand By Me“ und der Spielberg-Produktion „Die Goonies“ lassen sich nicht von der Hand weisen. Die Filme John Carpenters stehen öfters in Bild und Sound Pate, gerade „Das Ding aus einer anderen Welt“, dessen Poster in einem Jugendzimmer hängt. „Nightmare on Elm Street“ und „Die rote Flut“ sind weitere Inspirationsquellen, denen „Stranger Things“ Tribut zollt. Doch es geht den Duffer-Brüdern nicht einfach nur um das Abpausen von nostalgischen Jugenderinnerungen, trotz ähnlicher Plot Points. Vielmehr soll das Gefühl der Popkultur eines Jahrzehnts eingefangen werden, weshalb der Kosmos der Serie in Look und Feeling sich eben eher an medialen Erzeugnissen der Ära orientiert – was jedoch bei Retrostoffen oft der Fall ist.
Insofern ist „Stranger Things“ in seiner Nostalgie weniger kritisch oder reflektiert gegenüber den 1980ern als beispielsweise „Cobra Kai“. Wobei die 1980er auch nicht einfach nur idealisiertes Bubblegum dargeboten werden: Die Byers-Familie um die geschiedene Joyce lebt in relativer Armut, Hopper verlor seine Tochter unter tragischen Umständen und hängt (zu Beginn der Serie) an der Flasche, um nur einige Abgründe zu nennen, die unter der Kleinstadt-Americana-Oberfläche brodeln. Der tumbe Wheeler-Vater Ted (Joe Crest) mag ein wenig Comic Relief sein, dass seine Frau Karen (Cara Buono) in dieser Ehe alles andere als grenzenlos glücklich ist, ist dagegen dann nicht mehr ganz so lustig. Dass Regierungen und Geheimdienste ohne das Wissen der Bürger halbseidene bis böse Dinge planen, ist natürlich zeitloser Stoff, gerade wenn es um das eigene Land gibt. Die russische, genauso skrupellose Gegenseite ist dann natürlich wieder purer Eighties-Stoff – das Zeug, aus dem auch diverse Actionreißer des Jahrzehnts gebaut wurden. Doch gleichzeitig ist es auch sinniger Plotmotor: Warum sollte sich das Wettrüsten des Kalten Krieges auf Raumfahrt, Atomwaffen und dergleichen beschränken, sondern im Kontext der Phantastik nicht auch solche Experimente berücksichtigen? Die Schurkin Doctor Kay (Linda Hamilton) macht es in der fünften Staffel auf den Punkt: Lieber sollen US-Truppen Monster auf Moskau loslassen als umgekehrt.
Das Casting von „Terminator“-Heldin Linda Hamilton ist eine offensichtliche Casting-Hommage, ähnlich wie „Die Goonies“-Darsteller Sean Astin oder „Nightmare on Elm Street“-Freddy-Krüger Robert Englund. Selbst die Besetzung von Winona Ryder in einer der Hauptrollen ist ein kleines Statement, begann diese ihre Karriere doch mit Burton-Phantastik wie „Beetlejuice“ und „Edward mit den Scherenhänden“. Doch das einstige nette Mädchen von nebenan ist hier Mutter, geschieden und lebt am Existenz-Minimum, außerdem gilt sie als Paranoikerin, nachdem sie Signale ihres Sohnes aus dem Upside Down empfängt. Wie Ryder diese Übermutter einerseits als Sicherheitsfanatikerin, die ihre Söhne aus Angst klein halten möchte, spielt, andrerseits als Muttertier, das sich selbst gegen Monster in die Bresche wirft, das ist schon eine Schau. Einen tollen Anspielpartner findet sie in David Harbour, der einerseits die toughen Heldenklischees der 1980er wiederbelebt, andrerseits ein wenig bricht. Wie Martin Riggs in „Lethal Weapon“ ist ein Vietnamveteran mit privatem Trauma, der jedoch wesentlich mehr Zeit zu dessen Überwindung braucht – was natürlich auch dem Format Serie geschuldet ist, aber auch nie zu einem Elitekrieger von Riggs‘ Format wird. In einer weiteren Erwachsenenrolle glänzt Brett Gelman, dessen Verschwörungstheoretiker Murray Bauman vom Comedic Sidekick immer mehr zur tragenden Figur wird.
Vor allem aber kann „Stranger Things“ auf seine Jungdarsteller bauen: Millie Bobby Brown, Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo, Caleb McLaughlin und Noah Schnapp sind allesamt Entdeckungen, die danach zu Recht mehr oder weniger große Karriere starteten. Ab Staffel zwei stößt die talentierte Sadie Sink in der Rolle von Maxine ‘Max‘ Mayfield hinzu und muss sich nicht vor dem Rest vom Cast verstecken. Auch die Riege der etwas älteren Teenager ist toll gecastet: Natalia Dyer spielt Wills ältere Schwester Nancy, deren Freundin Barbara verschwindet und die bald zur Investigativjournalistin wird. Charlie Heaton gibt Jonathan, der heimlich in sie verliebt ist und zu dem sich Zuneigung entwickelt; Joe Keery gibt ihren Jock-Freund, der sich vom fiesen Gecken zum Sympathieträger mausert. Es sind Figuren wie aus einem John-Hughes-Film, denen aber noch mehr Zeit für Persönlichkeitsentwicklung und Nuancen gelassen wird. Ab Staffel drei gesellt sich hier noch Maya Hawke als verschrobene Robin Buckley hinzu, weitere markante Nebenrollen werden von Dacre Montgomery als Max‘ arschiger Halbbruder Billy und Jamie Campbell Bower als fieser Antagonist gespielt. Mit Matthew Modine und Paul Reiser als Wissenschaftler sowie Cary Elwes als Bürgermeister tauchen noch ein paar Schauspielveteranen in wichtigen Nebenparts auf. Dass Reiser in „Aliens – Die Rückkehr“ mit von der Partie war, auf welchen die zweite Staffel der Serie öfter anspielt, ist natürlich auch kein Zufall.
Nicht nur Plot, Casting und Figurenkonstellationen verweisen auf die 1980er, sondern auch viele Zitate. Der „Policemen have rules“-Satz aus „Stirb langsam“ fällt, an Halloween verkleiden sich die Kinder in Staffel zwei als „Ghostbusters“, im Kino schleicht man sich in „Day of the Dead“. Markante Szenen werden mit „Runaway“ von Bon Jovi, „When Doves Cry“ von Prince oder „The Trooper“ von Iron Maiden untermalt, das Finale von Staffel vier zeigt eine besondere Interpretation von Metallicas „Master of Puppets“ und Kate Bushs „Running Up the Hill“ wird von derselben Staffel an zum handlungsbestimmenden Lied. Der New-Coke-Flop von Coca Cola wird für einen In-Joke genutzt, ansonsten tauchen typische Phänomene auf, welche in den 1980ern aufkamen und/oder die Dekade bestimmten: Malls, Videotheken, Arcade-Spielhallen. Doch „Stranger Things“ zitiert nicht einfach nur die kanonisierten Klassiker durch: Im Mall-Kino laufen auch weniger bekannte Vertreter des phantastischen Films wie „Cocoon“, „The Stuff“ oder „D.A.R.Y.L.“, auf der Tonspur hört man auch Geheimtipps wie „Metal Sport“ von Hittman. Auch die negativen Phänomene der 1980er werden nicht vergessen, etwa die Satanic Panic, die Heavy Metal sowie „Dungeons & Dragons“ unter den Generalverdacht der Verführung von Kindern und Jugendlichen zur Teufelsanbetung stellte. Und natürlich geht es darum, wie es in den 1980ern war nicht zu den populären Kids zu gehören: Nicht nur das alte Thema von Nerds gegen Jocks wird dabei angesprochen, sondern etwa auch Homosexualität, die in den Vorlagen ja bestenfalls als Randnotiz oder Gag taugte.
Insofern ist „Stranger Things“ eben auch eine Coming-of-Age-Serie, die ein bisschen Opfer ihrer Produktionsumstände wurde: Während innerhalb der Serie vier Jahre, in der Realität dagegen neun vergehen, sieht man zumindest den Jungdarstellern ihr wahres Alter merklich an. Eigenwillig ist dabei das Recasting von Nell Fisher als Mikes kleine Schwester Holly in Staffel fünf: Sie ist merklich älter ihr Part, da mögen sich Make-Up und Kostüm noch so sehr ins Zeug. Wenn man schon umbesetzt, dann wäre eine jüngere Darstellerin sinniger gewesen. Bei den Hauptrollen ist dies dagegen undenkbar. Es finden sich Paare, wie Will und Eleven, es geht um die erste Liebe, was in tollen Szenen wie dem Ball-Finale von Staffel zwei gipfelt. Es geht um die Freuden, aber auch um das Leiden des Erwachsenwerdens und um die Proben, auf die Freundschaften gestellt werden. Der schmächtige Will wird nicht nur Entführungsopfer ins Upside Down, er ist auch derjenige, der lange Zeit am liebsten Kind bleiben möchte – er will weiter mit seinen Jungs „Dungeons & Dragons“ spielen, während diese sich für erwachsenere Dinge interessieren. Lucas hingegen bekommt als Basketballer eine Chance bei den Jocks, wenn seine Freunde lieber mit Schul-Außenseiter Eddie Munson (Joseph Quinn) im Hellfire Club das Rollenspiel ausleben. Viele dieser Entwicklungen fühlen sich sehr organisch an, manche Freundschaft mag in der ersten Staffel noch ungewöhnlich bis undenkbar erscheinen, ist aber komplett sinnig, wenn sie zustande kommt. Die Duffer-Brüder und ihr Autorenteam jedenfalls erschaffen lebendige, auch fehlerhafte, aber stets sympathische Hauptfiguren, deren Erwachsenwerden man gern verfolgt, während auch die Erwachsenen wie Joyce und Hopper Figuren mit eigener Geschichte und eigenem Profil sind, die sich nicht rein über ihre Beziehung zu den Kids definieren.
Gleichzeitig ist das Mainplot-Gemisch aus Fantasy, Horror, Science Fiction und Verschwörungsthriller eine spannende Angelegenheit, die einerseits immer wieder Story Arcs und Hauptantagonisten für die jeweilige Staffel etabliert, andrerseits aber auch immer das große Ganze im Blick behält. Jede neue Season zieht eine größere Leinwand auf, um seine Phantastereien dort aufzumalen, was nicht nur an den steigenden Budgets liegt. Irgendwann erreicht die Geschichte eine Dimension, die über Hawkins hinausgeht, weshalb die vierte Staffel teilweise auch in Kalifornien und teilweise auch in Russland spielt, während in Staffel fünf ein möglichst normales Leben unter Ausnahmezustandsbedingungen geführt werden soll. Das mag von der ursprünglichen Konstellation wegführen, dass ein paar Kinder seltsame Dinge entdecken und ihnen kaum jemand glauben möchte, mag weniger heimelig sein, beweist aber den Willen zur erzählerischen Konsequenz: „Stranger Things“ dreht nicht nach jeder Staffel einfach den Zähler auf null zurück, sondern irgendwann ist den Figuren bewusst, dass manche Siege nur temporär sind, und irgendwann findet das Treiben nicht mehr nur im Verborgenen statt.
Es ist eine Kleinstadtgeschichte, die über fünf Staffeln groß wird, sich im Herzen aber ihren Kern, ihre Intimität bewahrt. Deren Charaktere einerseits so glaubwürdig sind, dass der Coming-of-Age-Part funktioniert, die aber auch genug Genremerkmale besitzen, dass man ihnen abkauft, wenn sie sich mit Äxten, M16 und Flammenwerfen gegen Soldaten oder Monster zu Wehr setzen. Es gibt immer wieder Action- und Spektakelszenen, wenn Eleven ihre Kräfte einsetzt oder die zusammengewürfelte Truppe in den Kampf gegen menschliche und unmenschliche Widersacher zieht, aber diese wirkt nie wie ein Selbstzweck, sondern als zwingende Eskalation. Die Inszenierung ist sauber, die Tricktechnik nicht ganz auf Kinoniveau, aber doch schon auf hohem Streamingstandard. Natürlich wird gern geunkt, dass für eine echte Eighties-Hommage die Effekte ja eigentlich größtenteils handgemacht sein müssten, doch das bedeutet eine Verkennung der gegenwärtigen Produktionsrealitäten, denen sich auch „Stranger Things“ trotz allen Hypes nicht entziehen kann.
Dass „Stranger Things“ sich zu so einem kulturellen Phänomen entwickeln konnte, liegt sicherlich am Timing und der geschickt eingesetzten Nostalgie für ein geliebtes Popkulturjahrzehnt. Dass „Stranger Things“ diesen Status halten konnte, liegt sicherlich daran, dass das Team um die Duffer-Brüder auf Basis bekannter Versatzstücke eine ganz eigene Mischung aus Coming of Age, Fantasy-Horror und Verschwörungsthriller schuf, deren Figuren zwar Topoi der Eighties-Genreunterhaltung aufgreifen, aber mit Eigenleben und Nuancen füllen. Manchmal stößt die Fabuliererei in „Stranger Things“ über Ziel hinaus, etwa wenn es um das Geheimnis der Starcourt Mall oder es um Gedankenpaläste innerhalb anderer Dimensionen geht. Der Serienshowdown mag dann auch (immerhin bildgewaltig) das Erwartbare liefern, doch immerhin besitzt „Stranger Things“ den Mut und die Geduld ihre Figuren danach behutsam auf den Weg in den nächsten Lebensabschnitt zu schicken. Und als Zuschauer hat man sie gern dahin begleitet.