„Wie lange geht das noch?“
Die Messe ist gelesen, „Stranger Things“ ist beendet – jene US-‘80er-Rollback-Mystery/Science-Fiction/Horror/Coming-of-Age-Serie der Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer, die trotz ihres Retrocharakters zu einem popkulturellen Phänomen des Streaming-Zeitalters avanciert war; jene Serie, auf die sich trotz Fragmentierung des Serienmarkts auf mittlerweile etliche Video-on-Demand-Dienste abseits des klassischen Fernsehens dann doch gefühlt alle einigen konnten, von der zumindest jeder zu wissen scheint, worum es sich handelt. Rund dreieinhalb Jahre nach Staffel 4 stellte Netflix die finalen acht Episoden im Zeitraum 26. November bis 31. Dezember 2025 online, die Dreharbeiten waren ungefähr ein Jahr zuvor abgeschlossen worden. Die von den Duffer-Brüdern, Shawn Levy und dem Experten für Stephen-King-Verfilmungen Frank Darabont inszenierten Episoden weisen von 57 bis 128 Minuten unterschiedliche Längen auf – nehmen sich also einmal mehr alle Zeit, die sie brauchen.
„Was ist auf der anderen Seite der Wand?“ – „Der Tod.“
Der Prolog der ersten Episode dieser Staffel zeigt eine Rückblende zu Wills Kämpfen im Upside Down – die er bekanntlich zunächst verlor. Die Seriengegenwart steigt im November 1987 ein, also rund eineinhalb Jahre nach der vorausgegangenen Staffel. Robin ist nun Radiomoderatorin und informiert in Form einer Moderation darüber, was seither in Hawkins geschehen ist: Das Militär hat die Kleinstadt unter Quarantäne gestellt, also de facto besetzt. Es hat sogar im Upside Down einen Stützpunkt errichtet, wo es unter Leitung Doctor Kays (Linda Hamilton, „Terminator“) Elfie (Millie Bobby Brown) jagt, die wiederum heimlich mit Hopper (David Harbour) und Joyce (Winona Ryder) trainiert. Dustin (Gaten Matarazzo), der noch kräftig am Tod seines Freundes Eddie zu knabbern hat, hat handfesten Ärger mit Mobbern an der Schule, und Mikes (Finn Wolfhard) kleine Schwester Holly (nun gespielt von Nell Fisher, „Evil Dead Rise“) begegnet einem rätselhaften Fremden. Die Clique plant, ins Upside Down einzudringen, um Henry alias Vecna (Jamie Campbell Bower) endgültig den Garaus zu machen – sofern er überhaupt noch lebt. Doch Will ist auf besondere Weise mit ihm bzw. dessen Dämonen verbunden und erleidet immer wieder Attacken, während derer er durch ihre Augen sieht…
„Wieder ins Licht!“
So weit die in der ersten Folge (in der man außerdem Einblicke erhält, wie damals Radio gemacht wurde, und „Gatorade“-Produktplatzierungen Durst machen sollen) skizzierte Ausgangssituation dieser Staffel. Episode 2 beginnt in einem ziemlichen heftigen Prolog mit actionreicher, aufregender Höllenbrut-Action, die dritte Episode begeistert mit einer höchst spannenden Fallenstellung gegen einen Demogorgon sowie einer fiesen Kindesentführung. Militäraction in Episode 4, ein ultrafieses Cliffhanger-Ende der fünften Episode, ein Knalleffekt, mit dem Episode 6 beginnt, und ein Coming-out in der siebten Episode – es ist verdammt viel los und die Duffers und ihr Team wissen, wie man die Zuschauerschaft bei der Stange hält. Die mittlerweile fast erwachsene Clique bedient sich zur Einordnung all der übernatürlichen Phänomene nach wie vor des „Dungeons & Dragons“-Rollenspielvokabulars, offenbart aber auch, dass es untereinander viele Konflikte und Unausgesprochenes gibt, das dann irgendwann doch ausdiskutiert wird – ausgiebig und bevorzugt in den unpassendsten Momenten. Das sind wohl die John-Hughes-Hommagenparts, die in einer solchen Penetranz zum Bestandteil fast jeder Episode werden, dass es fast schon trashig wirkt, in jedem Falle viel Potential aufweist, persifliert zu werden. Dies ist einer meiner Kritikpunkte dieser Staffel.
„Stirbst du, sterb‘ ich auch.“
Die Upside-Down-Kulissen erinnern stark an H.R. Giger und sehen ebenso großartig aus wie so mancher Spezialeffekt, die nun von Nell Fisher unheimlich süß gespielte Holly steht neuerdings im Fokus mancher Sequenz oder gar Episode und hält weiter die Fahne der 12-Jährigen Kids hoch, doch die sich um all das drehende Handlung wird immer komplexer, sodass ich kaum noch jemandem abnehme, da wirklich noch vollumfänglich durchzusteigen. Ein bisschen so wie bei der „Akte X“-Rahmenhandlung damals. Dennoch hat ständig jemand einen plötzlichen Geistesblitz und dadurch eine Erklärung oder einen Plan parat. Kreaturen, Action und ein großes Figurenensemble treffen auf mehrere Handlungs- und Bewusstseinsebenen, dazu Rückblenden, irgendwie bringt man sogar noch ein Wurmloch unter und im Finale kommt – denn was soll der Geiz! – eine weitere Zeitebene hinzu. Als dies nimmt dem „normalen“ ‘80er-Jahre-Hawkins den Raum, wodurch der ursprüngliche Charme der Serie auf der Strecke bleibt – allen auch diesmal herangezogenen popkulturellen Referenzen zum Trotz.
„Ein letzter Kampf – und dieser ganze Alptraum wird vorbei sein!“
Und dennoch hat mich das Finale gepackt. Auf eine Rückblende in die Vecna-Werdung Henrys als visualisierte Erinnerung folgt ein Kreaturenspektakel, das sich gewaschen hat, wenn der Mind Flayer sich in Bewegung setzt und alles in einen wahrhaft aufregenden und großartig inszenierten Kampf mündet. Dass dieser über alle Gebühr an Stephen Kings „Es“ erinnert, das große Finale einer maßgeblich von „Es“ inspirierten Serie also Gefahr läuft, tatsächlich damit verwechselt zu werden: geschenkt. Und das war es dann noch nicht einmal ganz, denn das verdammte Militär existiert ja auch noch. Apropos: Von Sowjet-Bashing keine Spur mehr in dieser Staffel. Beim 13 Monate später einsetzenden Epilog – der vielleicht längste jemals gedrehte – bekam ich dann auch endlich Gänsehaut. Wir begleiten diejenigen, die von der Clique übrig sind, zum Schlussabschluss, hören große, wahre Worte – und Iron Maiden! Dieser Epilog gerät zur Ode an die Freundschaft und weist all das ‘80er-Jahre-Flair auf, das die Staffel zuvor so lange vermissen ließ. Ein versöhnliches Ende, das einen in Bezug auf Elfie zwar im Unklaren lässt, aber die nächste Generation einzuführen scheint…
„Stranger Things“ hat in der finalen Staffel Federn gelassen, aber noch einmal die Kurve gekriegt. Und während ich darüber sinniere, beschleicht mich ein Gedanke, vielmehr eine Frage: Wollen uns die Duffers, die so viele Menschen in ein ‘80er-Wohlfühl-Habitat entführt haben, mit der Heile-Welt-Überpinselung, die Henry seinem Schattenreich voller gekidnappter Kids angedeihen ließ, vielleicht auch ein bisschen davor warnen, in einer solchen Scheinwelt dauerhaft zu verweilen…?