Review

LEICHTE SPOILER!!!

"The 25th Hour" ist ein herrausragender, brilliant gespielter Qualitätsfilm, eine Ausnahmeerscheinung.
Ich bin dankbar, dass ich den Film im Kino auf der großen Leinwand erleben durfte. Groß angekündigt fand der Film nur den Einzug in wenige, kleine Programmkinos in Deutschland. Wenn man ein Kino gefunden hatte, das diesen Film zeigte, dann mußte man schon reserviert haben, um noch eine Karte zu bekommen.
Ich hatte großes Glück, bekam eine Karte.
Als ich dann nach knapp 135 Minuten das Kino verließ, war ich begeistert. Selten schafft es ein Film, einen nachhaltigen Eindruck auf den Zuschauer zu haben.
Doch "The 25 Hour" ist ein Film dieser Sorte, er bietet weder eine reißerische neue Plotidee noch irgendein effektreiches Ende.
Was hier fasziniert, ist das Gefühl, das die Hauptfigur haben muß, für 7 Jahre weggeschlossen zu werden und all das zu verlieren, was er liebt (was er aber zu spät erkennt).
Welche Lähmung Monty fühlen muß, zu wissen, dass ihm quasi der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Dieses Gefühl, dass sich auch bei den Freunden und Angehörigen Montys breitmacht, wird durch die eindringliche Miteinbeziehung des Unglücks vom 11. September 2001 unterstützt und ist quasi die Ebene auf der diese Gedanken und Ängste der Hauptfiguren für die Zuschauer fühlbar werden.

Zur Story:
Monty Brogan (Edward Norton) durchlebt die letzten 24 Stunden in Freiheit, bevor er 7 Jahre im Gefängnis verbringen muß. Er war Drogendealer, verdiente sich eine goldene Nase mit der Drogensucht anderer. Doch plötzlich stehen Polizisten vor seiner Türe, die auch fündig werden: in seinem Sofa versteckt Monty soviel Dope, dass es für sieben Jahre Gefängnis reicht.
Nun stolpert er recht verloren und betäubt von Ängsten vor den Zuständen im Knast durch Manhattan, immer begleitet von dem Hund, dem er einmal das Leben gerettet hat.
Abends will er sich ein letztes Mal mit seinen Freunden in seiner Stammdisco treffen.
Vorher muß er sich noch von seiner Freundin und seinem Vater verabschieden und sich von seinem alten Leben loslösen. Viel zu spät erkennt er, dass er alles Wichtige im Leben gehabt hat und sich alles selbst verbaut hat.
Zdem kommt noch, dass es sein könnte, dass seine Liebsten ihn verraten haben könnten und an die Polizei ausgeliefert haben.
Viele Möglichkeiten bleiben Monty nicht, entweder abhauen oder Knast. Doch eins ist sicher:
Nichts bleibt so wie es war......

Erstmal sei gesagt, dass der deutsche Titel dem Orginaltitel einiges an Aussage wegnimmt. In "The 25th Hour" geht es um die sogenannte 25. Stunde, der Moment an dem Monty ins Gefängnis muß, der Moment, der gefühlsmäßig den ganzen Film und die Handlung seiner Hauptfiguren bestimmt, da alles auf diese 25. Stunde zuläuft.
Doch "25 Stunden" sagt gar nichts, denn der Zeitraum, der Monty bleibt, umkreist ja nur 24 Stunden.
Diese Tatsache ist aber auch das einzige, was man an dem Film an Negativem findet.
Edward Norton ist ein Ausnahmedarsteller. Er ist in der Lage einen ganzen Film alleine zu tragen.
Er hat etwas Melancholisches, Trauriges aber auch zugleich etwas unglaubliches Zähes an sich, was ihn für die Hauptrolle in "The 25th Hour" geradezu prädestiniert.
Außerdem ist jeder Nortonfilm ein Gehimtipp, Filme wie "Fight Club", "American History X", "Death to Smoochy" oder eben "The 25th Hour" sind von außergewöhnlicher Qualität. Es fällt auf, das Eds Filme immer eine die Gesellschaft anklagende Aussage in sich tragen:
"Fight Club" behandelt den unglaublichen Egoismus, die krankhafte Selbstbezogenheit und die falsche, hippe Fassade, die sich Menschen aus Selbstschutz aufbauen.
"American History X" greift unverblümt die Problematik des Naziterrors unglaublich brutaler Neofaschisten auf.
In "Death to Smoochy" geht es um den Neid und Hass im Fernsehgeschäft.
Edward Norton, gerade weil er sehr ironisch spielen kann und eine melancholische Ausstrahlung hat (und damit auch negative Figuren immer gebührend parodierend darstellen kann), ist vorbestimmt für diese Art des Filmemachens. Für Filme, die eine bestimmte Botschaft parat haben, aber diese nicht mit aller Gewalt dem Zuschauer aufdrücken wollen, sondern durch die eindringliche Darstellung der Figuren und ihrer Problematik immer noch die Entscheidung offenlassen, ob man als Zuschauer sich berührt und angesprochen fühlt, oder eben nicht.
"The 25th Hour" ist so ein Film.
NIcht als der erhobende Zeigefinger gegen Drogen erscheinende Film erarbeitet, zeigt der Film ein Schicksal, dass zwar in dieser Art und Weise nicht allgegenwärtig ist, aber doch, wenn man die Problematik darauf beschränkt, dass es um menschliche Ängste, um Liebe und Freundschaft, um Zweifel und Sehnsucht geht, wird der Film für viele Zuschauer erfahrbar.
Die Betäubtheit, die Monty erfährt, das Gefühl, alles was man bis jetzt gekannt hat, wird einem genommen, wird durch das Ereignis am 11.9 2001 noch verstärkt.
Regisseur Spike Lee zeigt im Film öfters Gedenktafeln von Feuerwehrmännern, Steckbriefe von Osama BinLaden und natürlich in einer wichtigen Dialogszene zwischen Barry Pepper und P.S. Hoffman den Ground Zero, auf den die beiden runterblicken.
Die Tragödie ist die Rahmenhandlung des Films. Sie ist der historische Bezug, der Einstieg für die Zuschauer, die Gefühle Montys nachzuvollziehen, seinen Scockzustand zu fühlen. Die Parallelen zwischen den Ängsten und der Trauer der New Yorker damals und heute und Montys eigenen Gefühlen sind unverkennbar. Spike Lee benutzt diese Ereignisse nicht als Effekthascherei, als Aufhänger, dass sein Film dadurch mehr Streitpotenzial bekommt und dadurch interessanter wird, sondern bindet es feinfühlig in die Handlug mit ein.
Monty steht in einer Szene vor dem Spiegel und schimpft auf die Menschheit, um zu dem Schluß zu kommen, dass er eigentlich der Dumme war, der "alles hatte und es weggeworfen hat". Genau diese Zeile ist symptomatisch für den Terrrorangriff: Zwar wird Bin Laden angeklagt als Mörder (durch Montys Wutausbruch vor dem Spiegel), doch das Gefühl,was dadurch beschrieben wird, äußert sich mir gegenüber folgendermaßen:
Ich denke, es soll gezeigt werden, dass wir Menschen eigentlich alles haben könnten, sogar den Frieden, wenn wir uns nicht immer selbst alles kaputtmachen würden.Natürlich wird es immer Unschuldige und Schuldige geben, doch im Grunde ist es so. Wir könnten alles haben, und machen es uns immer selbts kaputt. Sei es nicht im Ausmaße des 11. Septembers, sei es nur im Kleine, z.B. durch Hass und Neid Mitmenschen gegenüber.
Ich denke, der Film ist keine Verurteilung bestimmter Menschen, es ist ein Appell an das Gute und Verständnissvole, an die Vernunft im Menschen. Die Möglichkeit all das Wundervolle, das wir haben, auch durch Toleranz und Verständnis zu behalten.
Diese Botschaft wird meiner Meinung nach sehr gut verständlich gemacht.

Edward Norton ist natürlich nur die Ausnahme in einem großartigen Ensemble vorzüglicher Charakterdarsteller wie Phillip Seymour Hoffman, Barry Pepper und Brian Cox.

Phillip S. Hoffman ist als leicht trotteliger Highschoollehrer zu sehen, der von einer Schülerin besessen ist. Er fühlt die Trauer um seinen Freund Monty, doch ist durch die Anwesenheit der Schülerin (Anna Paquin) immer noch beeinflußt.
Barry Pepper spielt einen Wallstreet-Broker, keine Patrick Bateman Ausgabe, aber immerhin doch genauso selbstverliebt und arrogant.
Beide sind zwar Monty beste Freunde, doch so richtig von Freundschaft sprechen kann man dort nicht. Zumal nicht sicher ist, ob einer von ihnen Monty verraten hat oder nicht.
Beide sind genau wie Monty gescheiterte Existenzen, sie lebten für den Augenblick, doch an diesem MOment im Leben, wo sie reflektierend zurückblicken, müßen alle drei erkennen, dass ihnen im Laufe der Jahre nichts gebleiben ist, noch nicht mal die Freundschaft.
Alle drei sind tragische Figuren, die symbolisieren, dass man im Leben nach wahrem Glück suchen soll, nach echten Gefühlen und Freunschaft. Monty geht zwar in den Knast, doch theoretisch befinden sich seine Freunde auch im Knast, im Gefängnis der Nichterkenntnis, im Knast der Angst un des Selbstbetrugs, im Grunde sind alle drei Existenzen zum Scheitern verurteilt.
Der Lehrer, der nie so recht erwachsen wurde, der Broker der Opfer der hippen Welt wurde und Monty, der sich illegalen Geschäften hingab.
Die Freundschaft der drei wird am Schluß auf den ultimativen Test gestellt, es eskaliert in einer Szene, in der B. Pepper Norton die Fresse poliert und somit alles, was sich die Jahre über an Frust und Angst aufgestaut hat, auf einmal herrausbricht.

Brian Cox ist sehr gut als Montys Vater, der auch von seinen Drogendeals finanziell profitierte, sein Rastaurant halten konnte. Auch er beweist tragisches Talent, besonders in den letzten Szenen des FIlms.
Rosario Dwason als Montys Freundin spielt solide, aber bleibt doch im Hintergrund. Das Drehbuch erlaubt ihrer Figur keine großartigen, schauspielerischen Exkurse.

Alles in allem ein starker, bewegender Film über menschliche Ängste, Trauer, Freundschaft und Liebe.
Sogar die Spannung wird bis zum Schluß, der etwas unerwartet kommt, gehalten.
Regisseur Spike Lee hat ein Meisterwerk geschaffen, das jetzt schon Kultcharakter hat und zum, Klassiker avancieren könnte.

10/10 Punkte.

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