Review

Einen Film über die Befindlichkeit Amerikas zum heutigen Zeitpunkt abzuliefern, ist gar nicht so einfach. Entweder fällt das Ergebnis prätentiös oder bemüht, wenn nicht gar patriotisch oder peinlich aus.
Spike Lee hat dagegen mit "The 25th Hour" (den deutschen Titel kann man getrost vergessen) ein menschliches Drama der beunruhigend unzugänglichen Sorte gedreht, gegen den Strich gebürstet und gleichzeitig mit einem Hauch von Amerika jetzt umweht.

Monty Brogan heißt der Mann, der in 24 Stunden für sieben Jahre in den Knast muß - oder gleich für die Ewigkeit, denn seine Angst ist ihm inzwischen zur Gewißheit geworden, nämlich daß er von dort nicht mehr zurückkehren wird, zumindest nicht der Monty, den man jetzt kennt.
Edward Norton spielt diesen Monty; einen Mann, der weniger sein Leben bereut, als vielmehr, verraten und erwischt worden zu sein. Drogenhändler ist er gewesen, seit der High School, alle wußten es und niemand hat es als schlimm angesehen. Denn Monty ist nicht unsympathisch, nicht häßlich, selbst nicht auf Droge. Er wußte nicht, was er sonst werden sollte und deshalb machte er Geld, eben auf einem anderen Weg.
Dann verriet man ihn und nun scheint sein Leben zuende.

Spike Lee neuester "Joint" ist keine Lebensbilanz, es ist ein zweieinviertel Stunden langer Abschied aus dem Leben. Monty zieht mit seinen beiden einzigen Freunden und seiner Lebensgefährtin durch die Nacht, eine Bar, eine Diskothek, ein Spaziergang im Morgengrauen. Kaum ein Fazit, mehr eine Bestandsaufnahme.
Nortons Monty hat mit allem abgeschlossen, hält die liebevolle Freundin auf Distanz, als hätte er sie längst verloren, die leise Stimme stets hörend, sie könnte ihn verraten haben. Auch seine Freunde sind mehr stille Begleiter als enge Freunde, sich ihrer Schuld des Nicht-Eingegriffen-Habens durchaus bewußt. Resignativ wollen der Broker Francis und der Lehrer Jacob ihm eine schöne letzte Nacht bereiten, ohne zu ahnen, was sie ihm noch antun müssen, wenn sie wirklich Freunde sind.

Und über all dem schwebt seit den Vortiteln der amerikanische Alptraum des 11.September wie ein Gespenst, wenn sich zwei Lichtsäulen aus der erleuchteten Manhattan-Skyline als WTC-Ersatz erheben. Später müssen sich Francis und Jacob ihre Ohnmacht und ihr Versagen angesichts der bitteren Realität gestehen, während vor den Fenster von Francis Luxusapartment Ground Zero gähnt, wie eine stumme Drohung. Erst als die nun stummen Zeugen sich abwenden, fährt die Kamera zu schmerzender Musik in den Abgrund, in dem immer noch Schutt beseitigt wird.

Der Zuschauer wird selbst Zeuge und Begleiter von Montys schwerem, letzten Gang, der ihm u.a. auch den Verräter liefern wird, doch das bringt ihm weder Hilfe noch Erleichterung. Sein Vater leidet als (halbwegs) trockener Alkoholiker mit ihm, man versucht ihn aufzubauen, doch die nagende Angst trägt Brogan stets mit sich herum, wie den schwarzen Mantel, der ihn stets umhüllt.

Zweimal bricht der Film komplett auf wie ein boshaftes Geschwür. In der Schlüsselszene des Films (recht früh) steht Norton im Waschraum der Bar seines Vaters, während sein Spiegelbild ihm alle seine kreatürliche Angst und Wut in Form einer nicht enden wollenden Haßtirade entgegenspeit, alles niedermachend, was da in New York die Straßen bevölkert, von Asiaten bis Puerto Ricanern, von Russen bis Chinesen, von Pennern bis Brokern, von Bin Laden bis in die letzte Ecke seiner eigenen Verwandten. Alles wird relativ in diesem Augenblick, neutralisieren sich die Bilder der im WTC gefallenen Feuerwehrleute in der Bar zu einem mahnenden, aber kaum auffallenden Hintergrundrahmen vor dem Schatten der eigenen, bedrohten Individualität.
Später, viel später, wenn die Frist fast herum ist, wird Brogan dann zum Abbild des selbstzerstörerischen Hasses, versteckt er sich selbst unter einer Maske aus geschwollenem Fleisch, wenn er sich zum Selbstschutz in einer stummen Szene von Francis das Gesicht zu Brei schlagen läßt.
Morgen werden wir nicht mehr dieselben sein, fangen wir gleich damit an.

Schwer zu sagen, wer in dem manchmal etwas schwerfälligen, aber dafür weniger anrührenden, aber umsomehr bewegenden Drama die entscheidenden Punkte macht. Norton ist nuanciert wie immer, aber in sich gekehrt, während Philip Seymour Hoffman als verklemmter, unattraktiver Jacob seine angebetete Schülerin küssen darf: ein Wagnis, ein Experiment, ein Fehler, auch hier kein Fazit. Hoffman spielt diese Typen inzwischen im Halbschlaf und doch ist es immer wieder die Perfektion des Abgestoßenseins.
Fast unbemerkt entführt jedoch Barry Pepper den Sieg. Selbst nicht wirklich "schön" zu nennen, entbietet er schon in seiner einführenden Brokerszenenfolge, in der er gegen den Strich einen riskanten Erfolg landet, eine ungeheure Faszination. Der Typ ist ein Hai, ein gefühlloses Monster - und was noch schlimmer ist, er weiß es. Er weiß, wie leer das ist, wie künstlich seine Wohnung mit Blick auf ein dunkles Loch.
Jacob fragt ihn, ob er wüßte daß die Times die Luft an Ground Zero als schlecht bezeichnet, woraufhin er "Fuck you" zurückgibt. Er würde die Post lesen. Lies nur die andere Seite der Medaille...
Auch später wirkt er stets wie ein schwer unter Kontrolle zu haltender Piranha, noch am ehesten in gefühlloser Nüchternheit seiner Fehler bewußt. Karriere vor Freundschaft, der Fluch, den Monty jetzt erleidet.
Und obwohl Hoffman die Sympathien gehören, ist es Pepper, der einem den Atem raubt, wenn zum Schluß fassungslos weinend auf seine blutigen Fäuste blickt.

Der Titel resultiert schließlich aus einer Phantasie von Montys Vater, der auf der Fahrt ins Gefängnis den Faden einer möglichen Flucht weiterspinnt, weiter, bis ans Ende eines erfüllten Lebens mit vielen Kindern, ohne Möglichkeit zur Rückkehr. Dennoch, eine traumhafte Idylle gegen den Weg, für den sich Monty entschieden hat.
Für seinen Vater und für die Zuschauer die Hoffnung auf eine schönere 25.Stunde, nachdem alle Fristen geendet haben.
Sicher ist Lees Film nicht zum häufigen Gebrauch gedacht, mehr eine Erfahrung als ein Genuß -spröde, widerborstig und dennoch auf sehr persönliche Weise emotional. Ein kaum gespieltes Drama, so sezierend nah an einer möglichen Realität, daß es manchmal unangenehm ist.
Leider wirkt Norton manchmal so knuddelig, daß man oftmals vergißt, daß er eigentlich Drogenhändler sein soll, aber auch die haben keinen Anspruch auf eigene Abhängigkeit, Häßlichkeit, Dreck und einen miesen Charakter.
Eine Botschaft liefert übrigens hier niemand mit, dies ist nur ein Augenblick im großen Gefüge, Erfahrung pur. Erst Bruce Springsteens "The Fuse" zum Nachspann befeuert das Empfinden wieder, man darf sich wieder warm und lebendig fühlen.
Was jeder mitnimmt, wer weiß das schon? Vielleicht sollte man das auch mal für sich behalten dürfen. 8/10

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