Das kahle Mondlicht fällt auf die winzig kleinen Arbeiter, die mit unscheinbaren, nicht näher zu definierbaren Werkzeugen an dem erdigen, aufgewühlten, grauen Boden arbeiten. Fahrzeuge und Bagger wühlen sich in gemächlichem Tempo, lautlos durch die nächtliche, scheinbare Mondlandschaft. Und irgendwo, mittendrin, da weht die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Für ein paar Augenblicke hat man das magische Gefühl, man beobachtet wirklich eine futuristische, wissenschaftliche Expedition auf einen fremden Planeten. Dabei ist es nur die Penthouse-Aussicht von Frank Slaughtery, gespielt von Barry Pepper, in Spike Lees neuestem Film "25 Stunden".
Slaughtery Penthouse blickt nicht auf einen Mondkrater, sondern auf "Ground Zero" in New York - nach dem 11. September 2001. Der unfassbare Terroranschlag auf die USA, der die Wahrzeichen New Yorks, nämlich die Twin Towers des World Trade Centers zum Einsturz fielen ließ. Jener traurige Tag in der jüngeren Menschheitsgeschichte überschattet die Ereignisse in "25 Stunden". Und auch hier ist ein etwas kurz vor dem Kollaps - zwar kein gigantisches Gebäude, sondern ein Menschenleben.
In dem Moment, in dem Frank Slaughtery und Jacob Elinsky (Philip Seymour Hoffman) auf das oben beschriebene Bild blicken, haben sie eine schwermütige Nacht vor sich. Es soll die letzte Nacht mit ihrem Jugendfreund Monty Brogan (Edward Norton) werden, denn Monty muss am nächsten Tag ins Gefängnis. Sieben Jahre muss der Anfang Dreißiger wegen Drogenhandel absitzen. Slaughtery erläutet Elinsky die Handlungsalternativen für den verzweifelten Monty vor der Kulisse der Räumungsarbeiten "Ground Zero": Entweder er schießt sich eine Kugel in den Kopf und beendet das Trauerspiel sofort, er flieht, und weder seine Freunde, noch seine hübsche Freundin Naturelle (Rosario Dawson) sehen ihn je wieder, oder er geht wirklich in das Gefängnis. Letztere Option ist genauso verhängnisvoll wie Möglichkeiten 1 und 2. Monty ist ein "hübscher Bursche" - ohne Narben und ohne gestählten Körper, ohne vorauseilenden Ruf und ohne gefährliches Charisma - Er wird ein gefundenes Fressen für die brutalen, homosexuellen Vergewaltiger im Knast sein. Slaughtery, obwohl er hier über seinen besten Freund spricht, sagt es ganz deutlich: Egal, für welche Alternative sich Monty entscheiden wird - sie werden ihn nicht wieder sehen.
Der Film beschreibt die letzten 24 Stunden im Tag Monty Brogans. Ein letzter Tag, in dem er mit alten Freunden, mit seiner Familie, mit seiner Freundin, mit seinem Leben, mit seinen Verfehlungen, mit seinem Hass, mit seinen verbrecherischen Freunden - ja, mit allem abschließt. Es ist ein Film über die Kraft des Lebens, einen Menschen innerhalb von einem Tag von Grund auf zu ändern. Monty Brogan, Frank Slaughtery und auch Jacob Elinsky werden nach den 24 Filmstunden ein anderes Leben vorfinden. Aber, der Film beschreibt auch die Zufälligkeit jenes Vorgangs - gerade vor der Kulisse des Terroranschlages. Denn Monty schafft es nicht sein Leben eigendynamisch zu ändern.
Es geht um die letzte gemeinsame Nacht - die letzte gemeinsame Nacht eigener Freundschaft zueinander. Während der erwischte, verurteilte Drogendealer Monty eine pure Identifikationsfigur darstellt, sind seine Jugendfreunde schon eher ein Fall für den Psychiater. Frank ist ein pseudo-omnipotenter Broker, der selber mit dem Leben spielt, wenn er in seinem Beruf seine gesamte Existenz aufs Spiel setzt, und kühnere und waghalsigere Aktionen vornimmt, als seine vorsichtigen Kollegen. Jacob ist weit ab davon, Risiken in dem Umfang einzugehen. Er ist Lehrer geworden und mit seinem Leben und seinem Beruf sichtlich unzufrieden. Der Gedanke, das Objekt seiner Begierde, die quirlige Schülerin Mary anzusprechen, und ihr seine Zuneigung zu offenbaren, wäre für den gutsituierten, aber nicht gerade best aussehendsten Mann undenkbar. Und so sind jene Freunde auch nicht wirklich die Partytiere, die Monty einen letzten, unbeschwerten Abend bereiten, sondern die in ihrer eigenen Resignation, und ihre erschlagenen Erkenntnis, das auch sie als Freunde eine Teilschuld trifft, Monty auf seinem Weg begleiten.
So finster, bedrückend und unbequem sich das nun alles anhört - "25 Stunden" ist auch ein Film über Hoffnung. So ist die finale Sequenz eine traumhafte Parabel auf den amerikanischen Traum. Während die "Stars and Stripes"-Flagge im Wind weht, entdecken Monty und sein Vater (Brian Cox) die Freiheit, alles tun zu dürfen, in so ursprünglichen Autarkie-Symbolen wie der Wüste oder einem langen, unendlichen Highway. Auch Monty träumt. In seinem Zimmer hängt ein gerahmtes Plakat des Paul-Newman-Filmes "Der Unbeugsame", ein Film über das Überleben in einer unmenschlichen Gefängnisanstalt. Aber auch ein Film darüber, nie seine Prinzipien und nie seine Würde außer Acht zu lassen - so schlimm es auch kommen mag.
Die im Original titelgebende 25. Stunde bleibt ausgespart. Wohin es Monty treiben wird, welche Entscheidung er fällt, was nach der 24-stündigen "Galgenfrist" passiert - es ist ungewiss. Was mit den brillant gespielten Kompagnons Montys geschieht - man kann es sich ausmalen. Was bleibt, sind die 24 Stunden zuvor, die 135 Filmminuten zuvor. Und diese sind schlicht und einfach wunderbar. Melancholisch, böse, leidenschaftlich, dann wieder schwermütig und abgrundtief traurig. Ein Film über das Leben, und über drei Lebenswege. Während Montys Freund Frank zu (fast) jeder Minute des Films einen kühlen Kopf bewahrt, und kompromisslos über den möglichen Tod seines besten Freundes spricht, wirkt die Hauptfigur, also Edward Norton, zur ganzen Zeit lebendiger, leidenschaftlicher. Frank mag nicht glücklicher gewesen sein, als Monty, bevor er geschnappt wurde. Aber er ist erfolgreicher. Und dies dürfte eine der vielen, niederschmetternden Quintessenzen dieses Filmes sein. Wie dem auch sein, ein simples "Fuck you", wie oft im Film bemüht reicht hier nicht. Ein "Danke, Spike Lee" wäre da eher angebracht.