„Patriotischer Reis!“
Insbesondere in der 2010er-Dekade war Nordkorea, diese stalinistisch geprägte Diktatur der Kim-Dynastie über das Proletariat, immer wieder Gegenstand des Interesses von Dokumentationen und Dokumentarfilmen. Hintergrund waren als besorgniserregend eingestufte Entwicklungen wie Raketen- und Bombentests der Staatsführung, die Befürchtung, Nordkorea rüste immer weiter auf und könne zur ernstzunehmenden, bedrohlichen Militärmacht heranwachsen, verbunden mit Drohungen anderer Staaten wie den USA, über Handelsembargos und Boykotts hinaus „Maßnahmen“ zu ergreifen, Staatsführer Kim Jong-un in die Schranken zu weisen. Dass die Berichterstattung und die Forschung zu diesem hermetisch abgeriegelten Land zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen kamen, machte die Beschäftigung damit vom heimischen Fernsehsessel aus umso spannender. Und natürlich ließ sich von westlicher Warte aus auch stets schön einfach das nordkoreanische System verurteilen, sich über es lustig machen und sich selbstgefällig moralisch über es erheben, während man bizarr anmutende Bilder aus Pjöngjang verfolgte, die wie aus der Zeit gefallen schienen.
Was lässt sich dem also noch hinzufügen, ohne wiederzukäuen, was andere bereits gedreht, erörtert, aufbereitet, gezeigt und diskutiert haben? Und wie ließe sich eine etwas andere Dokumentation überhaupt realisieren, angesichts der besonders schwierigen Umstände für Journalistinnen und Journalisten? Die Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“) entschied sich für einen ganz eigenen Ansatz: Die in Deutschland lebende Südkoreanerin gab ihre südkoreanische Nationalität auf und nahm die Deutsche an, um überhaupt nach Nordkorea einreisen zu dürfen – denn für Südkoreanerinnen und -koreaner gelten Kontakte nach Nordkorea als Landesverrat. Damit wurde sie zur ersten gebürtigen Südkoreanerin, die in Nordkorea mit offizieller Genehmigung drehen durfte. Das Ergebnis ist der 106-minütige Dokumentarfilm „Meine Brüder und Schwestern im Norden“, der im März 2016 veröffentlicht wurde und keinerlei Lesart vorgibt, wenn er Landschaft und Menschen zeigt, ohne sie vorzuführen. (Eine gekürzte Fernsehfassung wurde später unter dem Titel „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ ausgestrahlt – diese bildet die Grundlage dieser Besprechung.)
Nordkorea würde ihr gegenüber stets dämonisiert, berichtet Sung-Hyung Cho, und erzählt, was sie auf sich nahm, um diesen Film realisieren zu können. Dazu gehörte auch, sich an die Vorgaben zu halten, die die man ihr Nordkorea machte: Sie musste sich an eine vorgegebene Route halten, durfte nur bestimmte Orte aufsuchen und lediglich aus einem Pool speziell ausgewählter Menschen ihre Gesprächspartnerinnen und -partner aussuchen. Aus Nordkorea mitgebracht hat sie Panoramen traumhafter, zum Teil naturbelassener Landschaften, die sie mit folkloristischer Musik unterlegte, beeindruckende Städteansichten und nicht zuletzt zahlreiche Interviews aus verschiedenen Orten: mit einem 30-jährigen Ingenieur, der in einem Pjöngjanger Schwimmbad arbeitet, einer 26-jährigen Soldatin, die ihren zehnjährigen Militärdienst fast abgeschlossen hat, einem Traktorfahrer eines Bauernkollektivs und seiner Frau, einer 38-jährigen Bäuerin, sowie mit Kindern und Lehrenden an der Pjöngjang’schen Fußballschule.
So erfährt die Filmemacherin und damit auch ihr Publikum von der Militär-zuerst-Politik des sich im permanenten Kriegszustand wähnenden Lands, nach der auch Frauen ewig lange Militärdienst zu leisten haben, von einer Prüderie, aufgrund derer im Schwimmbad Bikinis schon als zu freizügig gelten und daher verboten sind, dass schon Kleinkinder infiltriert und auf den Führer eingeschworen werden, aber auch, dass die Bauern faszinierenderweise zur Energiegewinnung Methangas u.a. aus menschlichen Exkrementen erzeugen. In der Fußballschule und beim Englischunterricht werden die Kinder seltsamerweise gesiezt, Führerkult und das Feiern der Kim-Dynastie sind allgegenwärtig. Und es wird viel gesungen in Nordkorea, zumindest wenn ein Kamerateam anwesend ist (leider sind einige Untertitelungen recht schwer zu lesen). So singt und tanzt man auch in einer patriotischen Kleiderfabrik, der es gelingt, die Wirtschaftssanktionen zu umgehen. Sung-Hyung Cho unterhält sich über Arbeitsaufkommen und Lohn und in weiteren Gesprächen wird das Thema der Wiedervereinigung Koreas angesprochen, die man herbeizusehnen scheint, ja, die ein ewiger Hoffnungsschimmer am Horizont zu sein scheint. Und eine Oma sehnt sich darüber hinaus nach Märtyrerenkeln…
Natürlich wirkt in diesem Film vieles weit weniger zufällig, als es den Anschein erwecken soll – hier wurde gezielt geplant und inszeniert. Dennoch gelingt es der Filmemacherin, eine Menge interessanter Einblicke zu transportieren. Mit einordnenden und kontextualisierenden Kommentaren aus dem Off hält sie sich zurück und mit der Geschichte des Landes, der Spaltung Nordkoreas, dem Krieg und alldem hält sie sich gar nicht erst auf. Stattdessen gelingt ihr ein unaufgeregtes Porträt nordkoreanischer Menschen, denen sie mit Empathie und Respekt begegnet und die in einem eigentlich wunderschönen Land leben (die Strandbilder aus Wonsan gegen Ende wecken geradezu Fernweh). Die Vorstellung, dass durch einen erneuten Krieg all das eines Tages zerbombt werden könnte, ist furchtbar. Es scheint vielmehr, das Land müsse endlich einmal zur Ruhe kommen, raus aus der ewigen Spirale aus Drohgebärden von außen und gegen diese gerichteten Abschreckungssszenarien (oder umgekehrt), raus aus dem Kalten Krieg und allem anderen, was den Menschen das Gefühl verleiht, einen mit harter Hand regierenden Führer zu benötigen.
Sung-Hyung Cho versucht sich an einer gewagten Gratwanderung und wird allen politischen Restriktionen zum Trotz mit Material belohnt, das wesentlich näher an den Menschen und ihrem Land zu sein scheint als es in anderen Produktionen der Fall ist. Hier dürfen vergnügte und lachende Menschen gezeigt werden und Idylle fernab sozialistischer Brutalarchitektur, hier darf die Sonne scheinen, sich gebildet und innovativ gearbeitet werden. Der Rahmen, in dem all das geschieht, ist jedoch geprägt von Militarismus und Diktatur, was keinesfalls ausgespart wird. Es wird lediglich darauf verzichtet, Offensichtliches noch eigens kommentierend zu betonen. Man ist dadurch angehalten, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, wird geistig angeregt und zur kritischen Reflexion aufgefordert. Das kam nicht überall gut an. Rechtspopulist Broder Henryk M. Broder beispielsweise unterstellte, bei diesem Film handele es sich um unkritische Propaganda, womit er jedoch in erster Linie zu verstehen gab, für wie beschränkt er eigentlich das Publikum eines Films wie diesem hält. Offenbar hatte er von seinem eigenen auf es geschlossen.