kurz angerissen*
Was wie ein Familiendrama im Würgegriff des Golfkriegs beginnt... bleibt ein solches, und zwar bis zum bitteren Ende.
Ausdrücklich sei damit eine Qualität von Babak Anvaris Debüt "Under the Shadow" beschrieben, nicht etwa ein Defizit. Suspense quillt vom ersten Augenblick an durch die spartanisch eingerichtete, in tristen Farben gefilmte Mietwohnung, die sich mitten im Kriegsgebiet befindet. Die Geschichte folgt den Gesetzen einer abstrakten Physik schwerfällig, aber unerbittlich in eine Spirale des Horrors, die zunehmend auch Einzug in die visuelle Gestaltung erhält. Die Verwandlung einer als trostlos gezeichneten Realität in einen von Schauerbildern begleiteten Alptraum ist natürlich keine Neuerfindung, sondern gängige Praxis bei der Fusion der Genres Drama und Horror. Im besten Fall bringt sie Perlen wie "Jacob's Ladder" hervor oder dominiert ganze Wellen wie den Anfang der 00er Jahre nach Amerika herübergeschwappten J-Horror. Wo weniger gelungene Vertreter dieser Fusion jedoch an einem gewissen Punkt dazu neigen, die Ablösung eines Genres durch das andere in Gang zu setzen, setzt Anvari durchgängig auf eine enge Symbiose zwischen Grusel und Familienschicksal. Damit bewahrt er sich seinen symbolischen Ausdruck selbst in den waghalsigsten Bebilderungen des Übernatürlichen.
Das Kriegsgrauen waltet eher am Horizont, um Raum zu schaffen für die Illusion von Sicherheit und Normalität. Als jedoch ein Blindgänger in das Miethausdach einschlägt und unvermittelt Erinnerungen an Guillermo del Toros "The Devil's Backbone" geweckt werden, ist es um die Illusion geschehen. Anders als del Toro setzt Anvari aber nicht auf diese eine große Metapher, sondern erweitert sie um diverse zusätzliche Einfälle, mit denen nach und nach das Bild eines zu Scherben zersprungenen Landes gezeichnet wird: Kreuze aus Klebestreifen, die ein Zerbrechen des Glases durch einschlagende Bomben verhindern sollen, ironischerweise aber die Ästhetik einer Zielscheibe besitzen; ein Ehemann, der an die Front geschickt wird und seine Frau als gesichtsloses Phantom im Bett oder als vorwurfsvolle Stimme am Telefon dennoch beschuldigt, in der Erziehung versagt zu haben; eine verhüllte Erscheinung, die als Personifikation einer Frauen unterdrückenden Gesellschaft versucht, einer Mutter ihr Kind wegzunehmen. Naturgemäß häufen sich die Abweichungen vom Alltäglichen in der zweiten Hälfte und kulminieren dann auch mal in übermütige Spezialeffekte von nicht ganz so sauberer Qualität. Doch es handelt sich eben nie um leere Buh-Effekte, sondern immer um Entitäten, die sich in Hinblick auf den vielsagenden "Schatten" aus dem Titel deuten lassen.
Das kaschiert auch den Umstand, dass so manche Nebenfigur vielleicht auch mal etwas gröber geschnitten ist. Die eindrucksvoll in Szene gesetzte Sichtbarwerdung des eigentlich unsichtbaren Krieges hat genug Gewicht, um den kompletten Film zu tragen.